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Frauen erzählen anders über KZ, Vertreibung und Exil. | Wien. Wie haben Frauen Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft erlebt, wie sind sie mit ihrer Verschleppung ins KZ umgegangen, wie haben sie Vertreibung und Exil verkraftet, wie beurteilen sie heute das, was ihnen während der Nazi-Herrschaft angetan wurde?
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Hannah Lessing - zuständig für Entschädigungszahlungen an österreichische NS-Opfer - hat mit unzähligen Vertriebenen gesprochen, weltweit nach Überlebenden gesucht, Tagebücher, Briefe und 30.000 Lebensgeschichten sammeln lassen. Bei einem Podiumsgespräch mit der Historikerin Siglinde Bolbecher hat sie von ihren Erfahrungen berichtet.
Bei Holocaust-Überlebenden, weiß Lessing, sind große geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erzählkultur feststellbar. "Männer tun sich sehr schwer, das Erlebte zu erzählen. Frauen sind unbefangener." Männer würden aber, konfrontiert mit den damaligen Erlebnissen, viel öfter einen völlig psychischen Zusammenbruch erleiden. "Eine Traumatisierung zuzugeben wird mit Schwäche gleichgesetzt und Schwäche bedeutet Tod", so eine Erklärung für das Schweigen.
Hannah Lessing attestiert Frauen ungeheure Stärke, Mut und Ausdauer: "Es ist abenteuerlich, was sie geleistet haben. Ohne Frauen hätte der NS-Widerstand nicht funktioniert." Nach 1945 wären freilich die Männer als "Helden" aufgetreten, während Frauen aus der Öffentlichkeit weitgehend wieder hinter den Herd verschwanden.
Lessing, deren Großmutter in Auschwitz umgekommen ist, weiß, dass sich Frauen im KZ anders verhalten haben als Männer. "Da war mehr Wärme, Mitgefühl und Zusammenhalt, gegenseitiges Aufrichten." Als Generalsekretärin des Nationalfonds habe sie häufig die Erfahrung gemacht, dass NS-Opfer ihre Leidensgeschichte bis heute unausgesprochen mit sich herumtragen. Widerstand sei "eine einsame Sache", viele wären bis 1945 allein gewesen und hätten sich auch nachher nicht artikuliert. "Selbst wenn beide Ehepartner NS-Opfer sind, bleibt jeder einsam in seiner eigenen Leidensgeschichte gefangen", so die verstörende Beobachtung.
Wenn NS-Opfer im Zuge ihrer Entschädigung mit der Vergangenheit konfrontiert werden - etwa beim Ausfüllen des nötigen Formulars - brechen die alten Wunden wieder auf. Angehörige würden aus Israel anrufen und sagen, dass ihre Großeltern plötzlich mehr schlafen könnten, erzählt Lessing. Manche NS-Opfer würden hasserfüllt reagieren und toben.
Wenn es um die Rückkehr von Emigranten geht, ist eine Tendenz erkennbar: "Männer sind die treibende Kraft." Frauen hätten endgültig Abschied genommen, wollten die Sicherheit im Exilland nicht aufgeben.
Für Lessing ist klar, dass die finanzielle Entschädigung, die NS-Opfer von Österreich erhalten, das Unrecht nicht aufhebt. Die Geste bedeute: "Es tut uns leid, es ist zu spät, es ist nicht mehr gutzumachen." Sie habe ihren eigenen Vater gefragt, unter welchen Umständen er sich entschädigt fühle. Dieser habe geantwortet: "Du kannst mir Mutter und Jugend nicht zurückgeben."
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