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Im Namen Gottes

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Fast ein Jahrzehnt lang ließ das Pentagon laut Medienberichten unter dem Vorwand christlicher Entwicklungshilfe Nordkorea ausspionieren. | Die meisten NGO-Mitarbeiter wussten gar nichts von ihrem Spionage-Dasein.


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Seoul. Gegenüber seiner Bevölkerung propagiert das Kim-Regime zwar die wirtschaftliche Unabhängigkeit als höchste Maxime des Landes, doch wenn im Winter die Temperaturen tief fallen, erlaubt Nordkorea hin und wieder die Einfuhr von ausländischen Hilfslieferungen. So auch Anfang der 2000er Jahre, als mehrere Container der US-amerikanischen Humanitarian International Services Group eintreffen, einer evangelikalen Missionarsgruppe, die in über 30 Ländern auf der Welt Entwicklungshilfe leistet.

Was den nordkoreanischen Zollbeamten jedoch nicht auffiel: Unter den Winterjacken waren mehrere Bibeln versteckt, deren Einfuhr unter Gefängnisstrafe steht. Die christlichen Schriften dienten jedoch nur als Testlauf: Später sollten sie durch Militärsensoren und kleinen Funkbaken ersetzt werden. In einer monatelangen Recherche hat die von Laura Poitras und Glenn Greenwald ins Leben gerufene Investigativ-Plattfortm "The Intercept" dokumentiert, wie das Pentagon über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren unter dem Deckmantel humanitärer Entwicklungshilfe Spionage betrieben hat. Dutzende aktive und ehemalige Pentagon Mitarbeiter hat der US-Journalist Matthew Cole dafür interviewt. Seine Enthüllung erzählt vor allem von der Verzweiflung der Amerikaner, Zugang zu einem der verschlossensten Staaten der Welt zu gelangen. "Wir hatten nichts in Nordkorea, null", wurde ein Ex-Militär zitiert. Mit dem Nuklearprogramm stieg jedoch der Druck aus Washington, die Informations-Barriere in Richtung Pjöngjang zu durchbrechen,

Umgerechnet 13,5 Millionen Euro hat das Pentagon auf verschachtelten Wegen in das geheime Spionage-Programm investiert, welches im Jahre 2003 unter Präsident George W. Bush gestartet und erst 2012 gestoppt wurde. Das Ziel sei es gewesen, nukleare Unregelmäßigkeiten zu messen und nordkoreanische Militäreinrichtungen zu stören. Ebenso wurden Kurzwellenradios ins Land geschleust, die bei einem möglichen Konfliktfall dabei helfen sollten, abgestürzte amerikanische Piloten zu orten. Das Brisante dabei: Bis auf die Führungsebene der NGO hatte das Gros an Freiwilligen und Mitarbeiten keinen blassen Schimmer, dass sie als Spionage-Agenten eingesetzt wurden. Dementsprechend wussten sie auch nicht von dem enormen Risiko.

Im Gegensatz zu Journalisten oder Priestern ist es laut US-Gesetz nicht illegal, Helfende zur Erfassung von geheimdienstlichen Informationen zu verwenden. Riskant ist es jedoch allemal: 2011 schickte die CIA einen Doktor nach Pakistan, um unter dem Vorwand eines Hepatitis-Schutzimpfungsprogramms DNA-Proben von Familienmitgliedern Osama bin Ladens zu ergattern. Als seine Identität aufflog, wurde der Arzt inhaftiert. Später töteten die Taliban in direkter Folge mehrere ausländische Mediziner im Land. Auch in Nordkorea könnte der Pentagon-Skandal nun drastische Konsequenzen für die Entwicklungshelfer haben.

In der Vergangenheit wurden dort immer wieder ausländische Missionare unter dem Vorwurf der Spionage festgenommen. Meist handelte es sich um südkoreanische Staatsbürger, die in Scheinprozessen zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Im Gegensatz zur US-Regierung unternimmt das südkoreanische Außenministerium jedoch meist wenig diplomatische Anstrengungen, um diese aus dem Land zu holen - aus Angst, die brüchige Beziehung zum Nachbarstaat zu gefährden.

Ohne Aussicht auf Erfolg

Viele Nordkorea-Beobachter gehen davon aus, dass weitere, bis zum heutigen Tag aktive NGOs aus den USA ebenfalls in Spionage-Aktivitäten in Nordkorea verwickelt sind. Ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter zeigte sich am Dienstag auf CNN ob der Enthüllung fassungslos: "Seit den siebziger Jahren bin ich in solchen Operationen eingebunden gewesen - und nie haben diese funktioniert", sagt Robert Baer, der heute als Autor und Sicherheitsexperte arbeitet: "Ich denke, wir setzen diese Missionare einer Gefahr aus, ohne jedoch Aussicht auf einen möglichen Nutzen zu haben. Für mich zeigt das, in welcher verzweifelten Lage wir uns mit diesem Land befinden."