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Im Pulverdampf der Propaganda

Von Anton Holzer

Reflexionen
Ein brennendes Dorf an der Ostfront, Postkarte 1915. Um die Dramatik zu erhöhen, wurde das Schwarzweiß-Foto von der österreichischen Kriegspropaganda nachbearbeitet und koloriert.
© Archiv Holzer

Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Informationskrieg. Ein Blick in die Geschichte medialer Feldzüge.


Es ist Krieg in Europa - und wir alle schauen zu. Im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung und im Netz: auf Instagram, Facebook, Twitter, Youtube, TikTok, Telegram und wie all die Kanäle heißen. Wir lesen über das, was in der Ukraine passiert, vor allem aber sehen wir Bilder, immer neue Bilder, Videos und Fotos, erschreckende, zum Teil schwer erträgliche Szenen: zerstörte Wohnhäuser, ausgebrannte Ruinen, weinende Kinder, verlorene Alte, ausgebombte Menschen, Familien auf der Flucht.

Massenmobilisierung

Der Ukraine-Krieg ist ein brutaler Feldzug am Boden und in der Luft, er ist aber auch ein hochmoderner Medien- und Propagandakrieg. Wie funktioniert er, wer sind die beteiligten Akteure, welche Wirkungen entfaltet er? Es ist nicht einfach, einen kritischen Blick hinter die Kulissen dieses Bilder- und Medienkriegs zu werfen, noch dazu, wenn dieser in Echtzeit vor unseren Augen abläuft. Viele der Medien, die rund um die Uhr Kriegsbilder als "Nachrichten" auf unsere Schirme spülen, sind längst selbst Teil der Kriegsführung geworden. Wahrheit und Lüge, Fakt und Fake sind oft nur schwer zu unterscheiden.

Um den gegenwärtigen Medienkrieg besser verstehen und einordnen zu können, mag es hilfreich sein, einen Blick in die Geschichte der Propagandakriege zu werfen. Wenn man wissen will, wie Krieg und Medien im Lauf der jüngeren Geschichte zusammengefunden haben, muss man zuallererst danach fragen, wer von dieser Allianz profitiert hat.

Der moderne Medienkrieg bildete sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Zwar erkannte das Militär und mehr noch die Politik schon im 19. Jahrhundert, wie wichtig die Massenmobilisierung für die Kriegsführung ist und wie sehr die Kriegsstimmung an der "Heimatfront" angeheizt, inszeniert und herbeigeschrieben werden kann. Denn, so wusste man bald, ein euphorisiertes "Volk" war eher bereit, die enormen Entbehrungen und Schäden, die der moderne Krieg mit sich brachte, zu erdulden: Hunger und Not, Flucht und Vertreibung, Tod und Verwundung.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren Kriegsberichterstatter vor allem schreibende Journalisten, denen sich gelegentlich ein paar wenige Kriegszeichner und -maler anschlossen, um für die Befehlshaber repräsentative und heroische Zeichnungen und Gemälde herzustellen. Die schreibende Zunft galt als schnell, mobil, zuverlässig und leicht zu kontrollieren. Anderen Medien misstraute man: Fotografen waren zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Kriegsgebiet noch unerwünscht, Filmkameras ebenso. Es sollte nämlich nicht gezeigt werden, was an der Front geschah, sondern was der Armeeführung zufolge an der Front geschah.

Aber Militär und Politik hatten die Rechnung ohne die privaten Medienunternehmer gemacht. Denn diese witterten, je länger der Krieg dauerte, ein enormes Geschäft. Um dieses zu bedienen und zu steigern, wollte man nicht nur vorgefertigte Siegesmeldungen und schablonenhafte militärische Kommuniqués drucken. Man wollte, so zynisch dies klingen mag, den Krieg "mit Leben füllen", ihn anschaulich machen, ihn voyeuristisch für ein breites Pu-blikum aufbereiten. Was lag also näher, als auf Bilder zurückzugreifen, Fotos, die wenig Kommentar verlangten und für sich sprechen konnten? Der Krieg trat somit in die Ära der Bildpropaganda ein, er fand Eingang in die auflagenstarken populären Bilderzeitungen, die wöchentlich auf den Markt kamen. Gedruckt wurde aber nach wie vor nur das, was die militärische Propaganda und die Zensurstellen erlaubten: eigene Siege, keine Niederlagen, Vormarsch, kein Rückzug, fremde Tote, keine eigenen.

Fotograf im Schützengraben, 1917.
© Archiv Holzer

Alle kriegführenden Staaten bauten im Lauf des Ersten Weltkriegs machtvolle eigene Propagandastellen für Fotografie und Film auf, und innerhalb kürzester Zeit war aus dem zuvor bilderlosen Krieg ein Krieg der Bilder geworden. Die Zahl der Kriegsfotografen wurde rasant aufgestockt, Filmteams wurden an die Front geschickt. Der Erste Weltkrieg bildete die Blaupause für alle folgenden Medienkriege, bis heute. Private Mediensysteme und militärische Propaganda wuchsen eng zusammen - und beide Seiten profitierten. Die militärische Kriegsführung verschaffte sich ein gefügiges Medienecho, das die Erfolge vergrößerte und die Niederlagen verschwieg. Die Medien wiederum verdienten prächtig am Krieg und nahmen es in Kauf, an die kurze Leine genommen zu werden.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Medienkrieg noch deutlich intensiviert und logistisch ausgebaut. Film, Fotografie und Text rückten näher zusammen, Radioreporter eröffneten eine neue, weltumspannende Medienfront. Aber immer noch wurde hauptsächlich für analoge Plattformen produziert: Zeitungen, Magazine, Filme. Erst das elektronische Medium des Fernsehens, das ab den 1950er Jahren groß wurde, revolutionierte die Medienkriege ein weiteres Mal.

Fernsehen statt Fotos

Bereits im Koreakrieg kamen Fernsehbilder zum Einsatz, im Vietnamkrieg setzte sich die TV-Berichterstattung dann endgültig durch. Der Schweizer Fotograf René Burri, der für die legendäre Fotoagentur Magnum arbeitete, beklagte einmal, dass er in den 1960er Jahren, nach dem Abschluss einer Vietnam-Reportage, abends im Hotelzimmer saß und im Fernsehen jene Bilder sah, die er selbst kurz zuvor mit seiner Kamera festgehalten hatte.

Die Satellitenübertragung von Live-Sendungen, die ab 1962 möglich war, revolutionierte die Welt der Bild-Nachrichten. Die Fotojournalisten, die ihre Filme per Flugzeug in die Redaktionen schicken mussten, hatten nun buchstäblich das Nachsehen.

In seinem aufrüttelnden Fotoband "Vietnam Inc." (1971) zeigte der Kriegsfotograf Philip Jones Griffiths das Leid der Zivilbevölkerung.
© Archiv Holzer

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und endgültig seit dem Vietnamkrieg kam es zu einer deutlichen Privatisierung der Medienkriege. Nicht mehr die Propagandaeinrichtungen des Militärs lieferten nun hauptsächlich die Bilder, sondern große, eng mit dem Militär kooperierende private Mediennetzwerke. Diese übernahmen immer stärker die Regie in der Kriegsberichterstattung. Wollten Fotografen andere Bilder zeigen, mussten sie, wie dies etwa Philip Jones Griffiths 1971 tat, auf alternative Medien ausweichen, etwa das Fotobuch.

Die enorme Macht der privaten Kriegsberichterstattung zeigte sich im Golfkrieg 1991: Die westliche Kriegsberichterstattung war zur Gänze vom kommerziellen Fernsehen dominiert. 1.600 Reporter waren in den Medienzentren von Dhahran und Riad untergebracht. Sie alle verfolgten gebannt die Berichte auf CNN. Der Reporter Bernard Shaw, der aus Bagdad, dem Zentrum des Kriegsgegners, berichtete, war außer sich vor Aufregung, den Beginn des Krieges aus unmittelbarer Nähe miterleben zu können: "Es ist eine ganz besondere Erfahrung, hier zu sein, meine Damen und Herren; und der Nachthimmel leuchtet im herrlichen Lichte roter und oranger Leuchtraketen."

Die Ästhetik dieses Krieges schien die bisherige Kriegsberichterstattung auf den Kopf zu stellen. Statt Augenzeugenberichten vor Ort wurden entrückte Bilder einer kalten Technik gezeigt. Luftaufnahmen, die scheinbar chirurgische Operationen vorführten.

Während der Jugoslawienkriege der 1990er Jahre hatte das Fernsehen noch die Deutungshoheit über die Kriegsbilder. Bald danach verlor es an Boden, ein neues Medium stieg auf - und wurde bald zum Schrittmacher in Sachen Kriegsberichterstattung: das Internet. Als 2001 der amerikanische Krieg in Afghanistan begann, wurden die ersten digitalen Kriegsfotos mittels mobiler Satellitenübertragungsgeräte direkt an die Agenturen und Redaktionen gesandt. Von nun an verlagerten die Medien ihr Geschäft zunehmend ins Netz, in dem blitzschnell, interaktiv und global berichtet werden konnte.

Robert Capa: Death in the Making, ein Fotoband über den Krieg aus dem Jahr 1938
© Archiv Holzer

Als nach 2007 mit den ersten Smartphones internetfähige Handys auf den Markt kamen, die immer leistungsfähigere Kameras besaßen, verlor der professionelle Kriegsfotograf nach und nach die Rolle des privilegierten Augenzeugen. Der Kriegsfotograf Robert Capa hatte diese Rolle wie kein anderer verkörpert. Sein berühmtestes Bild, der fallende Soldat aus dem Jahr 1936, hält den Krieg in einem einzigen ikonischen Bild fest. Der Kriegsberichterstatter wird, so wie der Soldat, der von der Kugel getroffen wird, als heroischer Einzelkämpfer dargestellt, der sich stellvertretend für sein Publikum in Gefahr begibt.

Im Zeitalter des Internets hat dieses Bild des professionellen Augenzeugen an vorderster Front ausgedient. Denn nun konnte jeder und jede ohne großen Aufwand Bilder und Videos in das internationale Mediennetzwerk einspeisen. Der "Mitmach-Krieg", wie ihn die Bild- und Medienwissenschafterin Charlotte Klonk nannte, war ein Produkt der Sozialen Netzwerke. Nun, im Ukraine-Krieg, stellt er den Krieg vor Ort regelrecht in den Schatten, da wir nichts mehr erfahren, was nicht zuvor durch die Sozialen Netzwerke gejagt wurde.

"TikTok-Krieg"

Nicht nur das breite Publikum wird damit versorgt, auch Journalisten und professionelle Beobachter und Kommentatoren fischen vor allem im Internet. "Als Analytiker der aktuellen Geschehnisse in der Ukraine beziehe ich 95 Prozent meiner Informationen aus Twitter", gab jüngst Ed Arnold zu, ein renommierter Experte für europäische Sicherheit und Verteidigung am Londoner Royal United Services Institute für Defense and Security Studies (RUSI).

"Vorher", so Arnold, "stammten 90 Prozent der Informationen aus offiziellen Quellen, z.B. aus Geheimdienstquellen". In der enormen Flut an Tweets hat Arnold einen seltsamen Trend festgestellt: Ein großer Teil der geteilten Videos ist mit dem TikTok-Wasserzeichen versehen. Der Medienkrieg in und um die Ukraine wurde daher bereits als "TikTok-Krieg" bezeichnet.

Chris Stokel-Walker, ein freiberuflich arbeitender britischer Journalist und Experte für soziale Medien, der unter anderem für die "New York Times", den "Guardian" und den "Economist" arbeitet, weist ebenfalls darauf hin, dass in der Ukraine derzeit der erste umfassende Social-Media-Krieg der Geschichte geführt wird. Allein auf TikTok, der erst 2018 gegründeten Medienplattform, seien, so Stokel-Walker, die Zugriffszahlen von Postings zur Ukraine in der zweiten Kriegswoche von 6,4 auf 17,1 Milliarden hochgeschnellt; das sind 1,3 Milliarden Aufrufe pro Tag oder 928.000 Aufrufe pro Minute. Informierte die Plattform in den ersten Wochen auch russische User, so sind ausländische Postings auf TikTok in Russland inzwischen blockiert.

Die moderne Kriegspropaganda im Netz ist schwerer zu kontrollieren als jene im Fernsehen. Sie laviert zwischen privatem Massenentertainment, geschickt eingespielten Werbeclips, Dokumenten der Betroffenheit und gezielt gestreuten, nicht selten manipulierten oder erfundenen politisch-militärischen Botschaften. Während die sozialen Medien in der Ukraine zum Schwungrad der Massenmobilisierung wurden, nahm Russland sie an die Kandare. Inzwischen sind Facebook, Instagram und Twitter verboten, und das aus China stammende TikTok darf keine ausländischen Beiträge mehr publizieren.

Immer stärker setzt Russland auf eigene soziale Netzwerke. Yappy, eine Tochterfirma des Staatskonzern Gazprom etwa, funktioniert wie TikTok; der neu gestartete Bilder- und Videonetzwerk Rossgram ist ein russischer Instagram-Klon. Aber manche Web-Applikationen eröffnen auch subversive Wege, um an verbotene und zensierte Fakten zu kommen. Das verschlüsselte Netzwerk Telegram etwa, aber auch Clubhouse, eine der jüngsten Social-Media-Seiten, die in Russland vor allem von jungen Menschen dazu genutzt wird, um sich jenseits der offiziellen Propagandakanäle über das wirkliche Gesicht des Krieges zu informieren.

Die ersten russischen Luftangriffe hatten das Ziel, die ukrainische Luftwaffe auszuschalten. Die Fernsehinfrastruktur der Ukraine blieb hingegen weitgehend unbehelligt. Erst knapp eine Woche nach Kriegsbeginn wurde ein Fernsehturm in Kiew zerstört, systematische Angriffe auf die TV-Infrastruktur, wie sie noch 1999 bei den Nato-Bombardements in Serbien erfolgten, blieben aber weitgehend aus.

Warum? - Weil es sinnlos gewesen wäre. Das Fernsehen hat gegenüber den sozialen Medien bereits massiv an Bedeutung verloren, zudem kann im Zeitalter des Internets die Ausschaltung einzelner Sendehubs leicht kompensiert werden, etwa durch Streaming im Netz. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn hat die von der Schweiz aus agierende Streaming-Plattform Zattoo angekündigt, in der Ukraine ukrainische und internationale TV-Sender kostenlos im Netz zur Verfügung zu stellen. Und Elon Musk, Tesla-Chef, Raumfahrt-Entrepreneur und reichster Mann der Welt, stellte über sein Satellitensystem Star-Link ein alternatives, nicht terrestrisches Internetsystem für die Ukraine zur Verfügung. Solange Strom verfügbar ist, kann gesendet und empfangen werden, ganz ohne Fernsehtürme und aufwendige technische Infrastruktur.

In Russland hingegen, wo praktisch die gesamte TV-Landschaft und auch weite Teile der Internetmedien unter der Kontrolle des Kreml stehen, ist die Situation anders. Es ist sicher kein Zufall, dass Wladimir Putin seine lange Rede, die er am ersten Kriegstag an seine Landsleute hielt, nicht via Social Media, sondern ganz klassisch im Fernsehen hielt.

Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sich anschickte, mit seinem Smartphone in den Medienkrieg einzusteigen, saß der russische Präsident Wladimir Putin, von nationalen Fahnen umringt, hinter einem schweren Holztisch - und sprach in die Fernsehkameras. Hier der junge, äußerst geschickt agierende Medienprofi Selenskyj, der alle Register der neuen Medien zieht, dort der weitaus ältere, sich staatstragend gebende Putin, der in steifer Pose zur endlosen Rechtfertigungssuada ansetzt.

Kontrastreicher könnte die Symbolik zwischen dem alten und neuen Medienkrieg nicht ausfallen. Putin versucht, die Hegemonie der zentralistisch operierenden staatsnahen TV-Medien dadurch zu retten, dass oppositionelle Sender und Plattformen zensiert oder verboten werden. Derweil geht die Medienpolitik der ukrainischen Regierung den entgegengesetzten Weg, sie setzt auf maximale mediale Mobilisierung im Netz und investiert massiv in den Aufbau einer "IT-Armee".

Bereits am 26. Februar, zwei Tage nach Kriegsbeginn, rief der junge ukrainische Digitalminister Mykhailo Fedorov, der sich gerne im Hoody und selten mit Krawatte ablichten lässt, seine Landsleute in und außerhalb der Ukraine via Twitter dazu auf, sich in den Dienst der neuen digitalen Armee zu stellen. "Wir sind dabei, eine IT-Armee aufzubauen. Wir brauchen digitale Talente. Wir kämpfen weiter an der Cyber-Front."

Auch wenn die Ukraine am Boden in Bedrängnis ist, an einer anderen Fronlinie hat sie bereits jetzt mit großem Vorsprung gewonnen: jener des Medienkriegs im Netz.

Anton Holzer, geboren 1964, ist Fotohistoriker, Publizist, Ausstellungskurator und Herausgeber der Zeitschrift "Fotogeschichte".Autor des Buches "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg" (Primus Verlag, 2007).

www.anton-holzer.at