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Im Schatten der Bahn

Von Alice Pfitzner

Politik

Hietzing bekommt mit dem Ausbau der Linie S80 eine bessere Anbindung an die Öffis. Warum deren Gleise ausgerechnet in Höhenlage durch den Bezirk verlaufen sollen, kann den Anwohnern niemand vernünftig erklären.


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Wien. Gabi Kotz-Dobrz steht auf ihrem Balkon in der Bossigasse, die Nachmittagssonne scheint auf das stark begrünte Grätzl. Plötzlich rattert ein Zug vorbei, doch daran hat sie sich längst gewöhnt. Sie schaut hinunter auf die Bahntrassen.

"Wenn man sich eine Wohnung an einer S-Bahnlinie kauft, muss man schließlich damit rechnen, dass da auch mal Züge fahren", sagt sie und schmunzelt. Womit sie jedoch nicht rechnen konnte: Dieselben Züge sollen in Zukunft auf einer acht Meter hohen Mauer an ihr vorbeizischen. Die sonnigen Zeiten am Balkon wären damit vorbei.

Um den Westen und Osten von Wien öffentlich besser zu verknüpfen, soll die bestehende Strecke der S80 ausgebaut und die Frequenz der Züge auf einen Viertelstundentakt erhöht werden. Die Linie, die von Hütteldorf über den Hauptbahnhof bis nach Aspern fahren wird, bekommt im 13. Bezirk außerdem zwei neue Stationen, an der Hietzinger Hauptstraße und der Stranzenbergbrücke. Die Planung des Projekts läuft seit einigen Jahren, im Sommer 2016 haben ÖBB, die Stadt Wien und das Infrastrukturministerium (BMVIT) die Verträge unterzeichnet.

Gleise in Höhenlage statt Schrankenverkehr

Damit das alles funktionieren kann, sind jedoch gravierende Baumaßnahmen notwendig. Die Strecke wird momentan noch ebenerdig geführt, die Bahnübergänge werden mittels Schranken geregelt. Die geplante Verkürzung der Intervalle würde laut ÖBB zu langen Wartezeiten an den Kreuzungen führen, daher soll ein großer Teil der Strecke höher gelegt werden. In Fahrtrichtung Penzing ist außerdem ein zusätzliches Gleis geplant. Da der Abstand zwischen den Häuserzeilen und der Bahntrasse jedoch an vielen Stellen sehr gering ist, heißt das konkret: Den Anrainern der Bahn zwischen Wienfluss und Schruttkagasse wird die S80 bei der geplanten Bauhöhe in Zukunft direkt am Mittagstisch vorbeifahren.

Für Kotz-Dobrz ist der Bau eine Zumutung. Neben dem Zugverkehr auf Augenhöhe fürchtet sie auch eine Entwertung ihrer Eigentumswohnung. "So eine Aussicht kann sich ja nur negativ auf die Immobilienpreise auswirken", sagt sie mit Blick auf die Gleise. Das bestätigen auch Immobilienexperten. Sie schätzen den Wertverlust für Wohnungen mit Ausblick auf die mit Lärmschutzwänden ausgestattete Bahntrasse auf bis zu 50 Prozent.

Eines ist klar: Wien wächst, und zwar schnell. Den Statistiken der MA23 (Wirtschaft, Arbeit und Statistik) zufolge, wird die zwei Millionengrenze bis zum Jahr 2030 überschritten sein. Auch der Ballungsraum Wien hat regen Zuzug, was sich auf die Pendlerzahlen auswirkt. Der Ausbau des öffentlichen Verkehrs stellt für die Metropole also einen unumgänglichen Schritt dar, um der drohenden Zunahme von Autokolonnen und der Verschlechterung der Luftqualität entgegenwirken zu können.

Hietzing hat die höchsten Abgaswerte der Stadt

Gerade der 13. Bezirk hätte hinsichtlich der Luftqualität eine Autoverkehrsentlastung bitter nötig. Bei der Messstelle am Hietzinger Kai wurden für das Halbjahr 2017 die höchsten Abgaswerte der Stadt gemessen. Der Stickoxid-Wert liegt dort knapp zwei Drittel über dem Maximalwert, wie die "Wiener Zeitung" berichtete. Die bessere Verkehrsanbindung könnte sich auch sonst positiv auf den Bezirk auswirken. Während zwar die direkt an der S-Bahn liegenden Häuser an Wert verlieren, wäre bei anderen Immobilien im Grätzl durch die direkte Verbindung zum Hauptbahnhof eine Aufwertung denkbar.

Dennoch ist die neue Verbindungsbahn nicht bloß ihren direkten Anrainern ein Dorn im Auge. Vor einigen Wochen wurde eine überparteiliche Bürgerinitiative gegründet, die dem Projekt den Kampf ansagt. Sieht man in dem autostarken Bezirk vielleicht keine Notwendigkeit einer besseren Anbindung an die Öffis? Die Hietzinger haben schließlich erst im März dieses Jahres mit einem klaren Nein zum Parkpickerl ihre Affinität zum Autofahren unter Beweis gestellt.

"Natürlich begrüßen wir verbesserte öffentliche Verkehrsstrukturen, aber so nicht", meint Bernhard Grassl, einer der Mitbegründer der Initiative. Die Umbaumaßnahmen würden nach Ansicht vieler Bewohner das historische Stadtbild zerstören. Darüber hinaus fürchtet man auch eine Teilung des Bezirks, denn die aktuellen Entwürfe sehen eine komplette Schließung von zwei wichtigen Bahnübergängen in Lainz vor.

Alternativen sind derzeit allerdings noch keine präsentiert worden. "In dem Informationsvideo kann man an den betreffenden Stellen nur eine graue Färbung sehen", sagt Grassl. Nach Rückfragen bei den Bundesbahnen heißt es kryptisch, dass diesbezüglich noch "umfangreiche Planungen und Untersuchungen für mögliche Unter- bzw. Überführungen bzw. Zusammenlegungen" laufen.

Das Hauptproblem, darüber sind sich die Verbindungsbahngegner einig, ist jedenfalls die Hochtrassenführung im nördlichen Teil der Strecke. Für die Hietzinger bleibt vor allem das Erfordernis einer solchen Maßnahme unbegreiflich. Zwar erklären die ÖBB das Vorhaben damit, dass Kreuzungen zwischen Schiene und Straße in Zukunft grundsätzlich vermieden werden sollen - abgesehen von den lästigen Wartezeiten stellen die Schrankenanlagen schließlich auch ein gewisses Sicherheitsrisiko dar. Zur Vermeidung der gefährlichen Eisenbahnkreuzungen wären allerdings auch anrainerfreundliche Alternativen wie ein Tunnel oder Bahnunterführungen an den betreffenden Querungen denkbar.

Entscheidungsprozess völlig undurchsichtig

Bei den Informationsveranstaltungen haben die ÖBB den Mitgliedern der Initiative bisher keine zufriedenstellenden Gründe dafür liefern können, warum man sich ausgerechnet für die Höherlegung der Gleise entschieden hat. Auch auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" zeigten sich die ÖBB-Sprecher einsilbig und zitierten aus ihrer Info-Broschüre. "Irgendwer muss sich doch darauf geeinigt haben, dass das die beste Lösung darstellt. Wenn ich schon so eine Mauer vor die Nase gebaut kriege, will ich wenigstens glaubwürdig erklärt bekommen, warum", meint einer der betroffenen Anrainer. Der Entscheidungsprozess sei für die Bürger nach wie vor völlig undurchsichtig.

Doch auch ÖVP-Bezirksvorsteherin Silke Kobald fehlt der Durchblick bei dem knapp 275 Millionen Euro teuren Projekt. Der Bezirk habe in solchen Entscheidungen jedenfalls kein Mitspracherecht, sie selber sei überhaupt erst seit vergangenem Jahr mit dem Vorhaben vertraut. "Wie genau der Vertrag dafür zustande gekommen ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht", resümiert sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Auch über die Vertragspartner ist sie sich nicht ganz im Klaren, in einer Schublade findet sie dann doch eine Kopie des Dokuments. Demzufolge handelt es sich bei dem Vertrag um ein Übereinkommen zwischen Bund, Land Wien und der ÖBB-Infrastruktur AG. Dieselbe Auskunft gibt auch der entsprechende ÖBB- Info-Folder.

Bezirksvertretung reagiert erst nach Anrainerprotesten

Wohl in Reaktion auf den lauter werdenden Protest der Hietzinger, erklärte sie jedoch, dass sie von den ÖBB nun eine umfangreiche Studie für die Hintergründe der Entscheidung einfordern wolle. Zu klären bleibe vor allem, was gegen eine Tieferlegung der Strecke spreche. Auch hinsichtlich der Gestaltung der Stationen zeigt sie sich unzufrieden, sie würde sich diesbezüglich eine Ausschreibung für einen Architekturwettbewerb wünschen. Im Übrigen eine Idee, die schon die Neos Hietzing Anfang August vorgeschlagen haben.

Bei Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou und dem Infrastrukturministerium stößt man mit diesbezüglichen Anfragen auf taube Ohren. Dafür verspricht das Büro von Finanzstadträtin Renate Brauner Auskunft. Pressesprecher Ferdinand Pay zufolge entstand der Vertrag aufgrund der allseits geäußerten Forderung, das Wiener S-Bahnnetz und damit den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Insbesondere die Hietzinger Bezirksvertretung habe über Jahre hinweg nach einer besseren Anbindung verlangt. Bei dem Dokument handelt es sich also genau genommen um eine offizielle Willensbekundung, den dafür notwendigen Ausbau der Infrastruktur in baldiger Zukunft durchzuführen. Ein Gemeinderatsbeschluss sei für eine solche Investitionsvereinbarung nicht notwendig.

Vertreter des Infrastrukturministeriums und der Stadt Wien hätten für das S-Bahnpaket verschiedene Vorschläge von einem Expertengremium der ÖBB vorgelegt bekommen. "Es wurde letztendlich befunden, dass der derzeitige Projektplan den größten Mehrwert für die Bevölkerung darstellt."

"Die Anrainer sind uns natürlich nicht egal, aber bei solchen Vorhaben muss es zwangsläufig zu Interessensabwägungen kommen", erklärt Pay weiter. Die Verantwortung für die Darlegung der Hintergründe einer solchen Entscheidung gibt er an die ÖBB ab, die dieser Aufgabe seines Wissens nach durch Informationsveranstaltungen nachgehen.

Mit einer letztlich nicht wählbaren Institution wie den Bundesbahnen scheint für die Politik immerhin ein geeigneter Sündenbock gefunden. Über mögliche Alternativen zur Hochtrasse und deren (Un-)Durchführbarkeit sehen sich die Hietzinger allerdings auch nach den ersten beiden Informationsveranstaltungen der ÖBB nicht ausreichend informiert. Sie hoffen, dass mit dem wachsenden Druck auf die Bezirksvertretung zumindest mehr Klarheit in die Angelegenheit gebracht wird.

Eine Tunnelführung, deren Umsetzbarkeit Bezirksvorsteherin Kobald prüfen möchte, dürfte allerdings nicht im Bereich des Möglichen liegen. Dafür seien die Steigungsverhältnisse im Bereich zwischen Hütteldorf und Hietzinger Hauptstraße zu groß, erklärt Norbert Ostermann, Vorstand des Instituts für Verkehrswissenschaften der TU Wien: "Die Bahn kann nicht beim Wienfluss noch oberhalb der U4 fahren und dann bei der Auhofstraße schon wieder unter die Erde. Eisenbahntechnisch ist ein solches Gefälle unbedingt zu vermeiden."

Lärmschutz durch Hochtrasse besser gewährleistet

Denkbar wäre es hingegen, das Niveau beizubehalten und die Straßenkreuzungen mittels Unterführungen zu regeln. "Meiner Einschätzung nach ist der Platz bei den betreffenden Stellen gegeben. Es lohnt sich jedenfalls, diese Möglichkeit seriös zu untersuchen", fährt er fort. Allerdings müsste bei ebenerdigem Niveau die geplante Station bei der Hietzinger Hauptstraße nach Süden verlegt werden, die Steigungsverhältnisse seien ansonsten auch hier zu hoch. "Außerdem wäre der für die Anrainer wichtige Lärmschutz schwieriger zu erreichen als bei einer Trasse in Hochlage", wendet er ein.

Noch ist das Projekt nicht gänzlich unter Dach und Fach, da es erst einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden muss. Die Vorbereitungen dafür beginnen im nächsten Jahr, 2019 wird geprüft. Ob das Verfahren an der geplanten Hochtrasse noch etwas ändern können wird, bleibt abzuwarten. Ihren Informationsbroschüren nach zu schließen, scheint die Hochlage für die ÖBB jedoch eine fixe Sache zu sein.

Gabi Kotz-Dobrz aus der Bossigasse glaubt mittlerweile nicht mehr daran, dass ihr der Ausblick auf die mehrere Meter hohe Mauer vielleicht doch noch erspart bleiben wird. Sie denkt daher über den Verkauf der Eigentumswohnung nach, in die sie erst vor sechs Jahren gezogen ist. "Da hätte ich dann wohl doch lieber in meiner alten Wohnung bleiben sollen. Die war zwar echt winzig, aber das ist immer noch besser als so ein Lärmschutzwall direkt vor der Nase."