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Im Schlaflabor

Von Mathias Ziegler

Reflexionen
© photocase

Schnarchen kann eine Beziehung mehr belasten, als man denkt. Und bestimmte Arten von Schnarchen bergen sogar ein gesundheitliches Risiko. Je nach Typ kann dem nervtötenden Sägegeräusch aber zumindest teilweise abgeholfen | werden. Das "Wiener Journal" hat sich ins Schlaflabor begeben.


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Wer schläft, der sündigt nicht, behauptet der Volksmund. Nur: Wer dabei schnarcht, der quält seine Mitmenschen. Meine Frau kann ein Lied davon singen. Da hilft es ihr auch wenig, dass sie als Beschnarchte absolut nicht alleine dasteht: Schließlich schnarchen mit zunehmendem Alter rund 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen sowie etwa jedes zehnte Kind. Sagt zumindest eine grob geschätzte Statistik, denn verlässliche Zahlen gibt es dazu nicht. Der klassische Schnarcher ist männlich, übergewichtig und abendlichem Alkoholkonsum zugetan. Allerdings kann auch eine schlanke Asketin schnarchen. Lautes Schnarchen dürfte vor allem eine Männerdomäne sein, bei Frauen und Kindern ist das Schnarchgeräusch in der Regel etwas leiser, sagt Dr. Stefan Seidel von der Universitätsklinik für Neurologie am Wiener AKH. Er führt derzeit am Schlaflabor von Professor Josef Zeitlhofer eine Studie zum Thema Schnarchen durch. Dabei geht es vor allem um die gesundheitlichen Belastungen, die das Schnarchen mit sich bringt.

Achtung Atemstillstand! Ja, Schnarchen kann die Gesundheit gefährden. Und zwar dann, wenn es sich um sogenannte Apnoe-Schnarcher (Apnoe = Atemstillstand) handelt, denen zwischendurch im wahrsten Sinn des Wortes die Luft ausgeht. Die Atemstillstände führen zu einer verringerten Sauerstoffversorgung und zu wiederholten Aufweckreaktionen (als automatische Alarmreaktion des Körpers). Dabei muss der Betroffene nicht unbedingt ganz aufwachen, oft kommt es nur zu erhöhten Körperfunktionen, beispielsweise beschleunigt sich der Puls. Von den Betroffenen selbst wird die Schlafapnoe also meist nicht wahrgenommen, sie kann sich aber langfristig negativ auswirken. So wurde in einer internationalen Studie belegt, dass bei bis zu 50 Prozent der Schlaganfallpatienten eine Schlafapnoe vorliegen dürfte.

Vergleichsweise harmlos wirkt sich die zweite Kategorie aus: Der sogenannte Primäre Schnarcher hat keine Atemaussetzer, sondern sägt mehr oder weniger friedlich vor sich hin. Beide Arten von Schnarchern haben aber gemeinsam, dass sie ihre nähere Umgebung um den Schlaf bringen können. Hier setzt Seidels Studie an: "Wir untersuchen die Schlafqualität von 100 Schnarchern und 50 Bettpartner/innen, basierend auf der Erkenntnis, dass bei schnarchenden Personen beziehungsweise Schlafapnoe-Patienten gehäuft morgendliche Kopfschmerzen auftreten", erläutert der Mediziner. Die genauen Zusammenhänge zwischen Schnarchen, Schlafapnoe-Syndrom und Kopfschmerzen sind bisher noch nicht bekannt. Der zweite Ansatzpunkt der Studie betrifft nicht die Patienten selbst, sondern vor allem die Hauptleidtragenden des nächtlichen Lärms: Aus kleineren Fallserien weiß man bereits, dass Bettpartner von Schnarchern gehäuft unter Kopfschmerzen oder Schlafstörungen leiden, was die Lebensqualität einschränkt. Und aus den bisherigen Auswertungen der aktuellen Studie des Wiener Schlaflabors ist ersichtlich, dass die Schlafqualität der Beschnarchten tatsächlich geringer ist. Sie schlafen zwar vielleicht durch, fühlen sich aber trotzdem am nächsten Tag wie gerädert. Insgesamt läuft die Studie, an der auch der Schreiber dieser Zeilen teilgenommen hat, noch bis zum heurigen Sommer. Ich selbst bin übrigens "nur" ein Primärer Schnarcher, wie mir im Apnoe-Test bestätigt wurde. "Sorgen um Ihre Gesundheit brauchen Sie sich also nicht zu machen", wurde mir gesagt. Und was die Lärmbelastung betrifft, so hat man mich mit einem Index von 32 als "leichten" Schnarcher eingestuft - andere Patienten erreichen einen Index von 300.

Kein Alkohol am Abend. Freilich zeigt sich wieder einmal die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, zwischen objektiver Beobachtung und subjektiver Wahrnehmung. Meine Göttergattin vergleicht meinen nächtlichen Geräusch-Output nämlich mit einem Sägewerk, und dass ich "wie ein Bär schlafe" (weil mich nicht so leicht etwas aufweckt), würde sie jederzeit unterschreiben. Inwieweit mein Schnarchen die Schlafqualität meiner Frau beeinflusst, wird die Auswertung der Fragebögen zeigen, die wir allmorgendlich ausgefüllt haben. Drei Monate lang beantworten die Studienteilnehmer Tag für Tag Fragen nach etwaigen Kopfschmerzen, Tagesmüdigkeit, Schlafstörungen und Ähnlichem. Auch der Konsum von Alkohol oder Medikamenten wird abgefragt. Denn die können das Schnarchen fördern, wie Martin Steurer, Assistenzprofessor an der HNO-Ambulanz im AKH (auch "Schnarchambulanz" genannt), erklärt. "Schnarchen entsteht ja durch Vibrationen des weichen Gaumens, der Schlundmuskulatur, des Gaumenzäpfchens und der Stimmlippen, wenn der Muskeltonus erschlafft. Gerade Alkohol oder Schlafmittel können diese Erschlaffung zusätzlich fördern." Festgestellt wird auch, wie ruhig oder unruhig die Testpersonen schlafen. Zwei Wochen lang tragen Schnarcher und Beschnarchte einen Actigraphen - einen Bewegungsmesser in Form eines Armbands. Und dann gibt es natürlich den Apnoe-Test, bei dem die Betroffenen eine Nacht lang einen Schlauch in der Nase, einen Pulsmesser am Finger und ein Aufzeichnungsgerät um den Hals tragen, sehr zum Amüsement der Bettpartnerin. Die Gerätschaften stören aber nicht wirklich beim Schlafen und dürfen ohnehin am nächsten Morgen gleich wieder entfernt werden. Die Aufzeichungen sind den Aufwand jedenfalls wert. Denn nur so kann festgestellt werden, ob es sich um Apnoe- oder Primäres Schnarchen handelt und wie die entsprechende Therapie aussehen kann.

Maske, Schiene, Operation. Schnarcher sollten sich auf jeden Fall von einem Arzt beraten lassen. Dessen erster Ratschlag wird wohl sein, fördernde Faktoren zu reduzieren: In manchen Fällen kann es schon genügen, auf Alkohol am späten Abend zu verzichten, ein bisschen abzunehmen und darauf zu achten, dass man genügend Schlaf bekommt - denn wer am Morgen ausgeschlafen ist, hat gute Chancen, in der nächsten Nacht weniger zu schnarchen.

Helfen diese Basics nicht, ist die Medizin am Zug. Bei Schlafapnoe ist die Maskenbeatmung die Therapie der ersten Wahl. Dann bleibt dem Patienten gar nichts anderes übrig, als weiterzuatmen, wenn ein Atemstillstand droht. "Die Frage ist allerdings, ob sich der Patient die Überdruckmaske antun will", sagt Steurer. Wichtig ist, dass die Maske korrekt eingestellt ist. Zu wenig Druck nimmt der Maske den Effekt, zu viel Druck kann wiederum kann so störend sein, dass der Patient erst recht außer Atem kommt oder aufwacht. Bevorzugt wird jedenfalls eine Beatmung durch die Nase. Die Kosten für ein Heimbeatmungsgerät inklusive Zubehör und Service werden in der Regel zur Gänze von der Krankenkasse getragen, sofern vom Arzt Schlafapnoe diagnostiziert wurde und eine Bewilligung mit einer fachärztlichen Verordnung vorliegt.

Primäre Schnarcher kommen ohne Maske aus. Hier gilt es abzuklären, wo das Schnarchen herkommt. Denn jeder Schnarcher braucht eine individuelle Therapie. Dr. Margit Bristela von der Ambulanz für Funktionsstörungen der prothetischen Abteilung an der Bernhard-Gottlieb-Universitätszahnklinik spricht von drei Etagen, in denen das Schnarchen sitzen kann: nämlich im Nasenraum, im Rachen und im Kehlkopfbereich. Bei Rachenschnarchern kann eine sogenannte Schnarchschiene helfen. Diese schiebt den Unterkiefer nach vorne und macht damit den hinteren Atemweg wieder frei, die Zunge kann ihn nicht mehr blockieren. Durch die vorgeschobene Position wird auch eine Tonussteigerung der Muskulatur erreicht, sodass das Weichgewebe nicht mehr so stark vibriert. An der Universitätszahnklinik, die eigene Verträge mit den Krankenkassen hat und für alle Patienten offen ist, werden derartige Schienen angeboten. "Wir testen es in der Regel mit dem günstigsten Modell, das den Patienten rund 100 Euro kostet", erklärt Bristela. Hilft die Schiene, steigen die meisten früher oder später auf ein besseres, aber auch teureres Produkt um. Hier ist dann mit knapp 500 Euro zu kalkulieren. "Im Lauf der Zeit sind 70 bis 80 verschiedene Geräte entwickelt worden, die sich unter anderem im Freiheitsgrad unterscheiden. Manche sind also etwas angenehmer als andere", sagt die Spezialistin. Die Schiene muss genau angepasst sein, damit nicht einerseits das Schnarchen abgestellt, aber dafür der Kiefer in Mitleidenschaft gezogen wird. Natürlich gibt es auch noch diverse Nasensprays, Pflaster und etliche andere Methoden gegen das Schnarchen. Manche davon helfen tatsächlich, andere sind reine Abzocke von Internet-Anbietern. Probieren kann man natürlich vieles, gerade bei Nasensprays mit Adrenalin-ähnlichen Inhaltsstoffen ist aber von einer dauerhaften Anwendung abzuraten, weil Schleimhautschäden drohen. Prinzipiell gilt: Wer sein Schnarchen loswerden möchte, sollte dies möglichst rasch mit dem Hausarzt besprechen und sich von diesem zum passenden Facharzt überweisen lassen.

Der findet dann die Lösung mitunter auch außerhalb des Mund- und Nasenraumes. Zum Beispiel bei Patienten, die nur in Rückenlage schnarchen. Um eine seitliche Schlafposition zu gewährleisten, hat sich die Schlafforschung ein spezielles Produkt einfallen lassen: eine Stabilisationsweste mit einer Rolle im Rückenteil, die der Rückenlage entgegenwirkt.

Für Zungengrund-Schnarcher, bei denen die Schiene nicht hilft, ist oft eine Operation die einzige Chance auf dauerhafte Ruhe. "Früher gab es auch eine abenteuerliche Konstruktion mit einem Schraubenset, das die Zunge unter Kontrolle hielt", erinnert sich Steurer, der selbst ein paar dieser Sets bei Patienten implantiert hat. Durchsetzen konnte sich diese (nicht sehr angenehme) Variante aber nicht wirklich.

Was also tun gegen mein Primäres Zungengrund-Schnarchen? "Wir könnten in einer Operation die überschüssige Schleimhaut der Gaumenbögen, das Zäpfchen und auch gleich die Mandeln entfernen", erklärt Steurer. Die Erfolgschance setzt er bei etwa 80 Prozent an. "Es gibt mehrere mögliche Folgen: Ihr Schnarchen kann viel leiser werden; es kann gleich bleiben; oder es kann sogar lauter werden, was aber sehr selten passiert." Die möglichen OP-Komplikationen (Rachenschmerzen, Schluckbeschwerden, Geschmacksstörungen, Näseln, Blutungen) würden nach einigen Tagen oder Wochen wieder abklingen. Es wäre also im Grunde halb so wild, wie es vielleicht klingt. Trotzdem drängt der Arzt nicht sofort auf eine Operation. Er, der ebenfalls leicht schnarcht - "Meine Frau hat sich daran gewöhnt" - hätte nämlich auch noch eine andere Lösung für das Problem: "Ohropax für Ihre Gattin. Das wäre jedenfalls die harmloseste Variante." Es geht also immer auch darum, den Einsatz der Mittel abzuwägen.