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Den Anspruch auf Platz 1 beim Urnengang kommenden Sonntag hat die ÖVP in diesem Wahlkampf nicht formuliert. Stattdessen kämpft Wolfgang Schüssels Mannschaft mit der FPÖ um Platz 2. Um das auch all | den Funktionären in der ÖVP zu verdeutlichen, brachte Schüssel die Oppositionsoption bei Platz 3 ins Spiel: "Wahlkampf heißt rennen, kämpfen. Im Schlafwagen kommt man nicht in die Regierung". Seither | ist Bewegung in den ursprünglich flauen Wettstreit um Wählerstimmen gekommen.
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Der VP-Chef selbst ist seit Wochen von 7 Uhr früh bis spät in die Nacht im Einsatz. Darunter haben seine Wahlkampfmanager auch Termine gestreut, die nur wenig öffentlichkeitswirksam sind, wie etwa
eine Diskussion mit Schülern der Vienna Business School in Mödling. Einen ganzen Vormittag diskutiert der Vizekanzler mit 17- bis 19jährigen. Seine Botschaft: "Man kann für etwas stehen und trotzdem
gewinnen." Auch dort gibt er unmissverständlich zu verstehen: "Wenn wir Dritte sind, gehen wir sicher in Opposition, aber das ist nicht unser Ziel."
Mittagessen steht bei den Wahlreisen nicht auf dem Programm, eine Wurstsemmel im Auto zwischendurch tut's auch. Das ist für den Workaholic Schüssel auch gar nichts Außergewöhnliches. Wer
Amtskollegen in Rom, Paris und Bonn an einem Tag treffen kann, der kann an einem Tag leicht Mödling, Baden, Bruck/Leitha und Gablitz absolvieren. Die Anliegen der Anrufer, die bei einer
Telefonsprechstunde der "Niederösterreichischen Nachrichten" in Mödling an ihn herangetragen werden, notiert der Vizekanzler penibel, er werde sich persönlich darum kümmern, versichert er den
Bittstellern.
Ob das reichen wird, um von den seit Wochen unverändert vorausgesagten 24 Prozent wegzukommen, wird sich zeigen. Schüssel hat bisher drei Bundeswahlen erfolgreich geschlagen: "Immer mit
Stimmen- und Mandatszuwächsen. Ich habe noch nie verloren." Insgesamt ist das sein 10. Wahlkampf, "ich bin ein Profi". Sollte es in der Zielgeraden doch noch gelingen, den bereits verloren geglaubten
zweiten Platz hinter dem Regierungspartner SPÖ zu halten, ist es für Schüssel keine ausgemachte Sache, mit den "Sozialisten", wie er die Sozialdemokraten im Wahlkampf zu nennen pflegt, wieder eine
Regierung zu bilden. Es sei durchaus auch eine Koalition zwischen ÖVP und FPÖ möglich, "wenn sich die FPÖ ändert. Wenn sie bereit ist, die Europabrücken zu überspringen". Es gebe viele in der ÖVP,
die für ein Offenhalten der Optionen plädierten, diesen Meinungen wolle er sich nicht verschließen.
An die Adresse des Regierungspartners richtet der Vizekanzler die Bedingung "Karenzgeld für alle" für einen Wiedereinstieg. "Ohne das machen wir es nicht. Mein Ehrgeiz ist es, Österreich zum
familienfreundlichsten Land zu machen", verkündet Schüssel vor etwa 300 Zuhörern auf dem Hauptplatz in Baden, wo eine Stunde zuvor FP-Spitzenkandidat Thomas Prinzhorn einen Aufritt hatte. Unermüdlich
der Appell an die potentiellen Wähler, den "besseren Weg" einzuschlagen und die ÖVP mit einem Mandat auszustatten: "Wenn ihr mich wollt, müsst ihr mich auch wählen."
310.000 Exemplare des Liederbuches, das Schüssel gemeinsam mit Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer und Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer zusammengestellt hat, wurden bereits
verteilt. Tausende davon zieren mittlerweile "Mascherl-Zeichnungen" des Vizekanzlers mit einer Unterschrift. So viel Zeit muss sein; jeder, der sich das "Büchl" von ihm signieren lässt, erhält ein
ganz persönliches Mascherl, da lässt Schüssel seine Kreativität walten. Als Draufgabe gibt sich der Vizekanzler dann noch als Dirigent der Badener Trachtenmusikkapelle, und unterstreicht damit
nocheinmal seine Musikalität, denn "wo man singt, da lass dich nieder..."
In Bruck/Leitha überrascht den Aussenminister und alle Schaulustigen der dortige Konditormeister mit Schüssel-Törtchen. Der Wahlkampf habe ja seine eigenen Gesetze, kommentiert Schüssel:
"Offensichtlich soll ich heute vernascht werden. Ich hab' mir selber gerade ein Ohr abgebissen." Die Sorge um die Klein- und Mittelbetriebe stellt Schüssel ins Zentrum seines dortigen Auftritts.
Viele Geschäftsauslagen in der Fußgängerzone von Bruck/Leitha sind leer. "Die Geschäfte müssen alle sperr'n", wendet sich eine Hafnermeisterin an den früheren Wirtschaftsminister. Schüssel verspricht
eine Enlastung der Wirtschaft durch Senkung der Lohnnebenkosten um 30 Mrd. Schilling.
Für die Abschluss-Wahlveranstaltung am Wiener Stock-im-Eisen-Platz vergangenen Dienstagabend holte sich Schüssel seinen Freund, Ex-Kanzler Helmut Kohl, als Rückenstärkung. Bei der bevorstehenden
"Richtungswahl, die den Kurs ins nächste Jahrhundert, ja Jahrtausend markiert", gehe es darum, "welchen Kurs das Schiff Österreich nehmen wird", proklamierte Kohl. "Wir brauchen in Europa ein
Österreich, das von Wolfgang Schüssel geprägt ist", betonte Kohl unter Applaus der zahlreichen Anwesenden. Dieser sei ein "ernsthafter Mann", der sich nicht dem Einfangen von Stimmen verschrieben
habe.
Schüssel selbst erinnerte daran, dass in Deutschland "heute vor einem Jahr viele Menschen ein falsches Kreuzerl gemacht haben", was diese jetzt bereuen würden. Die Österreicher sollten sich diesen
Fehler ersparen und ÖVP wählen. Die Menschen sollten nicht den Meinungsumfragen glauben, "sondern uns noch einmal für die kommenden Jahre vertrauen". Er, Schüssel, habe die Option von
Koalitionen deshalb offen gelassen, weil man nur so die SPÖ zwingen habe können, "das Budget vernünftig und sozial gerecht zu sanieren". Die ÖVP sei sich jedenfalls auch nach der Wahl zu stolz, um
ein Anhängsel von Rot oder Blau zu sein. Die FPÖ schüre Ängste und wolle den totalen Umsturz, während die SPÖ für Erstarrung stehe.
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