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Im Schlagloch-Modus

Von Ronald Schönhuber

Wirtschaft
Unter Druck: VW-Chef Martin Winterkorn.

Nach dem gewonnenen Machtkampf mit Ferdinand Piech wollte VW-Chef Martin Winterkorn dem Konzern eigentlich eine radikale Neuausrichtung bescheren. Doch der Skandal um manipulierte US-Abgastests könnte ihn nun sogar den Job kosten.


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Wolfsburg. Es ist noch keine zwei Monate her, da sprach Martin Winterkorn von der Zukunft. Nach dem turbulenten Machtkampf, der mit dem Rücktritt seines Ziehvaters Ferdinand Piech als Aufsichtsratsvorsitzender zu Ende gegangen war, hatte sich der Pulverdampf langsam verzogen, und für den VW-Chef war es an der Zeit, den Blick langfristig nach vorne zu richten. Ohne Zweifel stehe die Automobilwelt am Vorabend vor einem historischen Umbruch, sagte Winterkorn Ende Juli bei einer Veranstaltung vor den versammelten PR-Managern des Unternehmens. Und die Antwort des 12-Marken-Konzerns auf die neuen Herausforderungen, das machte der 68-Jährige seinen Leuten damals unmissverständlich klar, werde durchaus radikal ausfallen.

Gemeint hatte Winterkorn vor allem die sich rasend schnell entwickelnden Technologien im Bereich Vernetzung und autonomes Fahren, die völlig neue und mächtige Akteure wie die Silicon-Valley-Giganten Apple oder Google aufs Spielfeld bringen. Doch seit dem Wochenende sieht sich der VW-Chef mit drängenderen Problemen konfrontiert als der Frage, ob Googles kleines Roboterauto langfristig das Geschäftsmodell der etablierten Autobauer bedroht. Denn die massive Manipulation von Abgasmessungen in den USA, die der Wolfsburger Konzern am Sonntag zugegeben hat, hat das Potenzial dazu, den Führungsstreit zwischen Piech und Winterkorn in der Rückschau wie eine kleine Nebenepisode in der Firmengeschichte aussehen lassen.

Fatal dürfte sich vor allem die Dimension des Betrugs auswirken. Laut der US-Umweltbehörde EPA soll bei knapp einer halben Million VW- und Audi-Modelle mit Dieselmotor eine spezielle Software eingesetzt worden sein, durch die das Abgaskontrollsystem nur bei offiziellen Emissionsmessungen eingeschaltet wird. Im Alltagsbetrieb werden allerdings wesentlich höhere Werte erreicht, die EPA spricht von einer Überschreitung der geltenden Emissionslimits um das bis zu 40-Fache. Entsprechend hoch sind auch die drohenden Strafzahlungen, die im schlimmsten Fall 18 Milliarden US-Dollar betragen könnten. Daneben drohen auch noch Schadenersatzklagen von Aktionären oder Sammelklagen von US-Autohaltern.

Aktienkurs bricht massiv ein

Wie stark das Feuer am Dach brennt, ließ sich am Montag auch am Aktienkurs ablesen. Bis zum Mittag brachen VW-Papiere um knapp 23 Prozent ein und waren mit 125,40 Euro so billig wie zuletzt im Sommer 2012. Mit dem größten Kurssturz seit 1994 verlor das größte Unternehmen Deutschlands mehr als 17 Milliarden Euro an Börsenwert. Auch die Papiere der anderen deutschen Autobauer gerieten unter Druck. Daimler und BMW rutschten um jeweils etwa vier Prozent ab.

Dass die Börsen dermaßen heftig reagierten, liegt wohl auch, daran, dass die Milliardenstrafe - das US-Justizministerium hat laut Nachrichtenagentur "Bloomberg" am Montag bereits strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet - für Volkswagen in der Sache noch ein vergleichsweise kleines Problem sein könnte. Winterkorn hat der EPA bereits die volle Kooperationsbereitschaft zugesichert, wodurch die verhängte Strafe auch deutlich geringer ausfallen könnte. General Motors muss etwa im Skandal um defekte Zündschlösser, mit dem zahlreiche Todesfälle in den USA in Verbindung gebracht werden, eine Strafe von 900 Millionen Dollar bezahlen.

Was jedoch wirklich schwer wiegt, ist der Imageschaden, der VW gleich in zweifacher Ausführung trifft. Denn auf dem US-Markt, der nach China der zweitgrößte der Welt ist, läuft es für die Wolfsburger schon seit Jahren nicht rund. Selbst der eigens für den nordamerikanischen Markt entwickelte US-Passat fällt nach anfänglichen Erfolgen nun kontinuierlich in der Gunst der Käufer zurück. Der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte das Geschäft dort schon ohne den Skandal einst als "Katastrophenveranstaltung" bezeichnet.

In massiven Misskredit gerät durch den Abgasskandal aber auch die ganze Dieseltechnologie, mit der die deutschen Autobauer in den USA einiges an Hoffnung verbunden haben. Schon seit Jahren bemüht man sich hier, den in den USA als Lastwagenmotor geschmähten Selbstzünder zu etablieren, das Schlagwort "Clean Diesel" versprach da zuletzt neuen Schwung. Die stärkere Einführung des Diesels in den USA könne die Branche nun aber vorerst vergessen, glaubt der Autoexperte Stefan Bratzel, der auch starke Kollateralschäden befürchtet. "Das ist ein deutsches Thema. Da sind alle in der Sippenhaftung", ist der Leiter des Center of Automotive Management überzeugt. VW müsse zudem beweisen, dass nicht auch in Europa und Asien getrickst wurde.

Detailverliebter Perfektionist

Ob es diese Beweisführung noch unter Winterkorn gibt, scheint allerdings nicht mehr sicher. Seit der Konzern am Sonntag die Abgasmanipulation eingeräumt hat, wird die Zahl der Stimmen, die einen Rücktritt des Konzernchefs für notwendig halten, von Stunden zu Stunde größer. Denn Winterkorn gilt als technischer Perfektionist, der bei Bedarf auch höchstpersönlich letzte Änderungen bei neuen Automodellen anschiebt. Und für gewöhnlich geht an Winterkorn, den viele intern nur "Wiko" nennen, nichts vorbei. Sein Fachwissen bis hin zur kleinsten Schraube ist im Konzern gleichermaßen geachtet wie gefürchtet. Für den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen steckt Winterkorn allerdings auch in massiven Schwierigkeiten, wenn er nichts gewusst hat. Denn dann habe er als direkter Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung seinen Geschäftsbereich nicht im Griff. "Jeder Politiker könnte bei einer solchen Angelegenheit nicht in seinem Amt bleiben", sagte Dudenhöffer der "Westdeutschen Allgemeinen".

Noch schwerwiegender als die Einschätzung von Autoanalysten dürfte für Winterkorn allerdings das Urteil der Politik sein. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, nannte eine Manipulation von Emissionstests völlig inakzeptabel. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach von einem "schlimmen Vorfall" angesichts dessen man sich um den exzellenten Ruf von VW sorgen müssen. Der radikale Wandel, den Winterkorn Ende Juli vor seinen PR-Managern angesprochen hat, dürfte also vielleicht schneller kommen, als alle erwartet haben. Am Mittwoch soll es jedenfalls schon eine Krisensitzung des Aufsichtsratspräsidiums geben.