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Im Sog des blutigen Konflikts

Von Michael Schmölzer aus dem Libanon

Politik

Der Libanon gerät schrittweise in den Strudel des Syrien-Krieges.


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Beirut. Mit dem Erstarken des radikalislamistischen IS in Syrien wird auch die syrisch-libanesische Grenze zunehmend zum Schlachtfeld. Brennpunkt der Auseinadersetzungen ist die Region rund um die Stadt Arsal im Nordwesten des Libanon. Dort ist es schon zu Beginn des Monats zu heftigen Gefechten zwischen der libanesischen Armee und Dschihadisten aus Syrien gekommen. 17 Soldaten und ungezählte Islamisten wurden dabei getötet. Die Extremisten konnten 30 Libanesen entführen, ein Großteil davon Armeeangehörige. Seither ist im Grenzland Feuer am Dach. Denn Kenner der verworrenen Lage im Libanon gehen davon aus, dass die Dschihadisten nach dem Angriff auf Arsal nicht nach Syrien zurückgekehrt sind, sondern sich in rund 35 Kilometer Entfernung auf libanesischem Territorium versteckt haben.

Dass die Lage hochexplosiv bleibt, wurde am Donnerstag klar. Ein Islamisten-Stoßtrupp startete einen weiteren Angriff auf Arsal, die Armee konnte den Angriff abermals zurückschlagen. Augenzeugen berichten von einer großen Anzahl von Armeelastern, die in aller Eile angerückt seien. Es gab Verletzte auf beiden Seiten, ein libanesischer Soldat gilt als vermisst. Zuletzt tauchte in Video des IS auf, auf dem die Enthauptung eines libanesischen Polizisten zu sehen sein soll.

Bei der libanesischen Bevölkerung an der Grenze zu Syrien liegen jedenfalls die Nerven blank. Zumal sich die blutigen Vorfälle nicht nur auf den Nordosten des Landes beschränken. Im Süden, in der Region Rashaya, war in der Nacht auf Donnerstag heftiges Gewehrfeuer zu vernehmen - wie Zeugen, die nicht genannt werden wollen, der "Wiener Zeitung" bestätigten. Ein Angreifer soll getötet und mehrere verwundet worden sein. Möglich ist, dass es sich um einen Stoßtrupp des IS gehandelt hat, es kann sich aber auch um bewaffnete Schlepper gehandelt haben.

Extremisten unter Flüchtlingen

Die blutigen Zwischenfälle, die an Intensität zunehmen, haben zu einer tiefen Verunsicherung in der libanesischen Gesellschaft geführt - der die 15 Jahre Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 immer noch tief in den Knochen stecken. Und die Situation in Arsal ist prototypisch für die Lage, in der sich das ganze Land befindet: Die Kleinstadt hat 35.000 Einwohner, muss aber mit einem Ansturm von 100.000 Flüchtlingen aus Syrien fertig werden. Bei den meisten handelt es sich um Sunniten, und die ebenfalls sunnitischen Dschihadisten sind offenbar bemüht, die Region als Rückzugsort zu benutzen.

Gleichzeitig wächst bei den libanesischen Sicherheitskräften der Verdacht, dass die Flüchtlinge den Extremisten Unterschlupf gewähren oder sich ihnen sogar anschließen. Zwar handelt es sich bei 78 Prozent der Syrien-Flüchtlinge im Libanon um Frauen und Kinder, ein gewisses Reservoir an männlichen Jugendlichen, die, ohne jede Perspektive, auf der Seite der Dschihadisten in den Krieg ziehen könnten, ist jedoch vorhanden.

Überall im Land hat die Armee Razzien gestartet, um Verdächtige zu finden. Auch hier sind die Libanesen gebrannte Kinder, stellen doch die Palästinenser-Lager im Land seit jeher einen Unsicherheitsfaktor dar. Faktum ist, dass die Wut der Libanesen auf die syrischen Flüchtlinge im Land - bei knapp mehr als 4 Millionen Einwohnern leben 1,5 Millionen syrische Kriegsopfer hier - wächst. Denn einerseits reichen die Ressourcen des kleinen Landes für den Ansturm nicht aus, andererseits fürchtet man, mit den Syrern schrittweise den mörderischen Bürgerkrieg zu importieren.

Hisbollah lässt Armee Vortritt

Man wohnt Haus an Haus, riesige Flüchtlingslager gibt es nicht, und immer öfter geraten Syrer und Libanesen aneinander. Dazu kommt, dass einer der wichtigsten politischen Akteure im Libanon, die Hisbollah, gleichzeitig eine Hauptrolle im syrischen Krieg spielt. Die Schiiten-Organisation kämpft auf der Seite des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad und ist damit Gegner des sunnitischen IS. Die Dschihadisten-Angriffe auf Arsal hatten auch das Ziel, die Hisbollah unter Druck zu setzen. Die lässt, obwohl besser ausgerüstet und kampferfahrener, der Armee bei der Bekämpfung der Dschihadisten den Vortritt - um als syrische Kriegspartei nicht im Libanon zur Eskalation beizutragen.

Derzeit sei es noch so, dass die stabilisierenden Kräfte im Libanon - Armee, Hisbollah und Geheimdienst - die Oberhand hätten, bestätigt Ursula Fahringer, Österreichs Botschafterin in Beirut, gegenüber der "Wiener Zeitung". Doch es mehren sich die Anzeichen, dass die Lage dabei ist zu kippen. Bleibt die Frage, wann das kleine Land endgültig in den Strudel des mörderischen Bürgerkriegs in Syrien gerät.