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Im sozialistischen Olymp

Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

Politik

Fidel Castro befördert den griechischen Premier Tsipras zur globalen Ikone der Linken.


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Bogota. Jetzt hat es Alexis Tsipras schriftlich: Niemand anderes als Kubas Revolutionsführer Fidel Castro, Pate aller linken Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg, hat ihn höchstpersönlich in den Olymp sozialistischer Kommandanten befördert. Der inzwischen 88 Jahre alte Revolutionsführer, der vor ein paar Jahren die Macht an seinen Bruder Raul übergab, meldet sich aus dem Ruhestand eigentlich nur noch selten zu Wort. Jetzt aber schrieb Castro einen offenen Brief an Tsipras und adelte damit den jungen Ministerpräsidenten. Die Botschaft von Castro ist eindeutig: Jetzt gehörst Du dazu, zum erlauchten Kreis der großen linken Führer des Planeten.

Lateinamerikas Linksregierungen haben sich in den vergangenen Tagen um Tsipras geschart. Aus Nicaragua schickte der sandinistische Wahlfälscher Daniel Ortega einen Solidaritätsgruß, Venezuelas im Sturzflug befindlicher Präsident Nicolas Maduro zollt aus dem untergehenden Ölimperium Respekt. Evo Morales, der erste indigene Präsident Lateinamerikas aus einem florierenden Bolivien, Cristina Kirchner, die steinreiche Sozialistin aus Argentinien und Rafael Correa, der rhetorisch hochbegabte Linkspopulist aus Ecuador - sie alle nahmen wie die Gebrüder Castro den Newcomer in den Kreis der ihren auf.

Tsipras ist "New Kid on the Block"

Im Gegenzug liefert Tsipras etwas, was die in die Jahre gekommene Bewegung des Sozialismus des 21. Jahrhunderts dringend braucht: eine Blutauffrischung. Denn seit dem Tod von Venezuelas Revolutionsführer Hugo Chavez stagniert die Bewegung, die vor gut 16 Jahren begann, zunächst Venezuela und dann den Rest des Kontinents zu erobern. Tsipras ist so etwas wie das aufregende "New Kid on the Block", einer, der wieder mitreißen und begeistern kann. Und er bringt einen neuen Feind mit: Nachdem sich Kuba und die USA annähern, fällt das nordamerikanische Imperium mittelfristig als Feindbild aus. Angela Merkels vermeintlich strenges und koloniales Deutschland kann diese Rolle übernehmen.

Wie schnell politische Verhältnisse von einer linkspopulistischen Bewegung überrollt werden können, zeigt das Beispiel Lateinamerika: Lange unterschätzten die damals etablierten politischen Kräfte den jungen Chavez. Tsipras nutzt alle Elemente, die auch Lateinamerikas Linkspopulisten verwenden: Er führt einen Kampf gegen "feindliche, neoliberale Kräfte", die er für das Versagen der Politik im eigenen Land verantwortlich macht. Er tritt verbal genauso aggressiv auf wie Maduro in Caracas oder Correa in Quito. Sein kurzer Wahlkampf vor dem Referendum mit dem hässlichen Foto des Feindbildes und deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble war ein Plagiat des Wahlkampfes von Boliviens Präsident Evo Morales aus 2002, den dieser gegen die USA und dessen Botschafter führte.

Europa hat die hochprofessionelle Organisation dieses Linkspopulismus bislang unterschätzt. Dabei ist die Bewegung das global am besten vernetzte politische Netzwerk, das inzwischen über interkontinentale Nachrichtensender, politische Plattformen und Organisationen verfügt. Längst organisiert etwa die ecuadorianische Botschaft in Berlin Veranstaltungen der "Berliner Zivilgesellschaft", verschickt in deren Namen Pressemitteilungen, ruft zu Demonstrationen für die von fremden Kräften bedrohten Regierungen in Ecuador, Venezuela und Griechenland auf.

Das bedeutet: Wer sich künftig mit Griechenland anlegt, legt sich auch mit den Linksbewegungen in Spanien und Lateinamerika an. Die katastrophale EU-Kommunikationspolitik in der Griechenlandkrise ist deswegen für den global organisierten Linkspopulismus ein gefundenes Fressen. Das wird Europa noch vor ganz neue Aufgaben stellen, der Kampf der Kulturen hat schon begonnen. In Europa hat es nur noch niemand bemerkt.