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Heimlich, still und leise erfolgt derzeit eine Neubewertung der bisher eher negativ beurteilten wirtschaftlichen Performance Österreichs seit dem EU-Beitritt 1995. Statistische Fehlerquellen, die jetzt erst aufbrechen, haben im In- und Ausland ein Vorurteil erzeugt, wonach Österreich seit etwa 1995 im Vergleich zur EU und den USA an Wettbewerbsfähigkeit verloren hätte - ein Abschied von der "Überholspur".
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Diese gängige These befand sich zunehmend in einem eklatanten Widerspruch zur blendenden heimischen Industriekonjunktur, die jene der EU zweifach übertraf und die sogar die boomende US-Industrie weit hinter sich ließ.
Das an sich unerklärliche Paradoxon von überlegener industrieller Dynamik einerseits und gleichzeitig einem unterdurchschnittlichen Wachstum der Gesamtwirtschaft andererseits wurde jahrelang kommentarlos akzeptiert. Des Rätsels Lösung waren falsche Kaufkraftparitäten, die erst seit kurzem von der OECD revidiert wurden, und zwar zu Lasten des US-Dollar sowie des japanischen Yen und zu Gunsten des Euro bzw. vor allem der Hartwährungen D-Mark und Schilling.
Diese scharfe Korrektur hatte eine merkliche Aufwertung der österreichischen Wirtschaftsleistung im internationalen Vergleich zur Folge. Der bis dato ausgewiesene Vorsprung Österreichs im realen Pro-Kopf-Einkommen musste für das Jahr 2000 sprunghaft von 108 (OECD - 100) auf 113 angehoben werden.
Besser als EU und OECD
Damit ist das letzte Wort aber noch nicht gesprochen, weil die neue Volkszählung (2001) mit einer geringeren Einwohnerzahl Österreichs unsere Kopfquote um zusätzliche 1 bis 1,5 % anhebt, sodass der endgültige Niveauabstand zur OECD noch auf knappe 15% steigen könnte. Die Niveauverbesserung zur EU fällt zwar etwas bescheidener aus, sie zerstört aber endgültig die Legende von einem relativen Positionsverlust. Das bedeutet "grosso modo" dass sich unsere Wirtschaftskraft nicht nur nicht abgeschwächt hat, sondern dass sie aus fundamentaler Sicht sowie im internationalen Vergleich noch besser war als in fast allen Dekaden seit 1900.
Kaum jemals zuvor gelang es besser, alle klassischen Wirtschaftsziele wie überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum, hohe Beschäftigung, perfekte Preisstabilität, gute Handels- und Leistungsbilanz und soliden Staatshaushalt, sowie darüber hinaus auch noch sozial ausgewogene Einkommensverteilung und höchste Lebensqualität gleichzeitig und optimal zu realisieren wie in den oft unsachlich kritisierten 90er-Jahren.
Die wenigen Länder, die noch erfolgreicher waren wie etwa Irland, Spanien und Portugal schafften dies kaum aus eigener Kraft, sondern nur durch massive EU-Subventionen der "Netto-Zahler" wie z. B. Österreich, oder bloß durch Ölschätze wie Norwegen. Schweden und Finnland konnten ihre zuvor maroden Volkswirtschaften nur durch enorme Einkommenseinbußen sanieren (90/93: minus 5 bis minus 11%) und liegen heute trotz zügiger Aufholjagd noch immer empfindlich hinter Österreich zurück.
Das Geheimnis, warum Österreich alle seine Wirtschaftsprobleme eleganter, schmerzfreier und ohne Radikalkuren lösen kann als andere, liegt offenbar eindeutig in seiner erstaunlich hohen Arbeitsproduktivität (insbesondere in der Industrie), seiner stabilitätsorientierten Einkommenspolitik, die heute zu den günstigsten Lohnstückkosten seit der Kamitz-Abwertung von 1953 geführt hat - dank "Sozialpartnerschaft", dem Vorrang von Qualität vor Quantität sowie einer sehr guten Ausbildung des Arbeitskräftepotenzials.
Größerer Spielraum
Ein weiterer Bestimmungsgrund für den nachhaltigen Wirtschaftserfolg ist folgender: Im Gegensatz zur EU und noch krasser zu den USA wächst bei uns die Produktivität lang- und mittelfristig etwas rascher als das Einkommensniveau, sodass sich ein wachsender Spielraum für Problemlösungen aller Art eröffnet, den andere nicht haben. Ein uraltes Bonmot bestätigt sich auf sonderbare Weise: "Unsere Lage ist zwar immer hoffnungslos, aber nicht ernst".
Die positive Rekonstruktion der Vergangenheit lässt zwangsläufig auch die Gegenwart in einem helleren Licht erscheinen. Die jüngsten Wirtschaftsprognosen verheißen zwar die rasche Überwindung der Konjunkturflaute von 2001/02 sowie eine zügige Erholung für 2003 (auf 2,5 bis 2,8%), sie rechnen aber noch nicht mit einem überdurchschnittlichem Wachstum Österreichs, weil der nahezu unangreifbare Wettbewerbsvorteil (siehe Produktivität, Lohn-Stückkosten, Marktanteilsgewinne) immer nur "ex-post", vorsichtiger Weise aber nie "pro-future" einkalkuliert wird.
Andererseits erscheinen die offiziellen Prognosen für die Staatsgebarung möglicher Weise zu optimistisch. Der große Erfolg des "Null-Defizits" von 2001 ist jedenfalls sowohl für heuer als auch für 2003 auch ohne Steuerreform außer Reichweite. Die geplante große Steuerreform kommt daher zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, weil die "automatischen Stabilisatoren" in der gegenwärtigen Konjunkturlage zwangsläufig zu Mindereinnahmen und Mehrausgaben führen müssen.
Auf dem Vormarsch
Kurzlebige Konjunkturschwankungen der Weltwirtschaft, denen sich ohnehin kaum ein Land entziehen kann, sind für die fundamentale Standortbestimmung einer Volkswirtschaft nur von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist allein die mittel- und langfristige Wettbewerbsstärke einer Nation im Rahmen der Weltwirtschaft. Demgemäß befindet sich Österreichs Wirtschaft schon seit vielen Jahrzehnten auf dem Vormarsch zur Spitzengruppe aller Industrienationen. Überlegene Produktivität und zügige Strukturfortschritte im Gewerbe, Industrie und Handel garantieren bis zuletzt im Vergleich zur EU und zur OECD ein ungebrochen überdurchschnittliches Industrie- und Wirtschaftswachstum.
In punkto Arbeitslage, Beschäftigung und Preisstabilität erreicht unser Land hervorragende Spitzenränge. Im Warenexport schafft es real den höchsten Weltmarktanteil und die höchste Exportquote aller Zeiten. Das seit Jahrzehnten chronische strukturelle Defizit der Handelsbilanz steht kurz vor seiner totalen Eliminierung. Das einst kritisch beurteilte Leistungsbilanzproblem ist demzufolge überhaupt kein Thema mehr, und die Budgetproblematik kommt seit "Maastricht" seiner endgültigen Beherrschung so nahe wie nie zuvor in der Vergangenheit.
Die internationale Position der Stärke der österreichischen Wirtschaft ist demzufolge auf allen Gebieten so gut wie unangreifbar geworden. Sie wird nur noch übertroffen vom noch höheren Stellenwert der weltweit besten Lebensqualität.
Prof. Dr. Anton Kausel leitete von 1956 bis 1973 die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Öffentliche Finanzen im Wifo. Anschließend war er im ÖSTAT tätig. Von 1981 bis zur Pensionierung 1984 bekleidete er dort das Amt des Vizepräsidenten.
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