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"In anderen Höhen fliegen"

Von Eva Stanzl

Wissen

Flugstopps über Europa: Wie sich das Fliegen auf das Klima auswirkt. | Autoverkehr und Industrie sind weitaus schädlicher. | Frankfurt/Wien. Der Effekt war kaum messbar. Aber gemessen wurde trotzdem: Nach dem Ausbruch des isländischen Eyjafjalla-Vulkans nutzten Wissenschafter die Zwangspause in Europas Luftraum, um mit dem Sammeln empirischer Daten zu den Auswirkungen des Flugverkehrs auf die Erderwärmung zu beginnen.


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War die Luft in den Tagen der Flugstopps besser? Wie wirken sich Kondensstreifen auf das Klima aus? Bisher konnten diese Fragen nur mit Hilfe von Computer-Berechnungen beantwortet werden. Flughafenbetreiber messen zwar, wie viele Stickoxide, Feinstaub-Partikel und andere giftige Chemikalien sich an den Flughäfen befinden. Doch sie wussten bisher nicht, was davon von den Fliegern stammt und was von benachbarten Autobahnen und Industriegebieten.

Experten des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport etwa messen seit rund acht Jahren die Schadstoff-Belastung im Umfeld der Start- und Landebahnen. So auch in den Tagen der Flugstopps. "Wir konnten aber keine Veränderungen in der Schadstoff-Konzentration feststellen", sagt Fraport-Sprecher Thomas Ulm. Was daran liegen mag, dass an Flughäfen die Schadstoff-Konzentrationen in drei bis vier Meter Höhe gemessen werden - im Fall Frankfurt werden die Werte also durch ein europäisches Autobahn-Kreuz ganz in der Nähe bestimmt.

Anders sieht es in luftigen Höhen aus. Dort leistet der Flugverkehr einen nicht unerheblichen Beitrag zur Erderwärmung. Das zeigen Berechnungen von Robert Sausen, einer der Verantwortlichen des Berichts des Weltklimarats IPCC zum Luftverkehr. Der Physiker vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Seine Gruppe erarbeitet derzeit neue Daten zu den Auswirkungen von Kondensstreifen auf das Klima.

Wie belasten Flugzeuge das Klima? Einerseits tragen sie zur Erderwärmung bei durch die Emission von Treibhausgasen - beim Luftverkehr handelt es sich im Wesentlichen um CO2. Andererseits leistet das Fliegen noch weitere Beiträge zu Klimaveränderungen, die sogenannten Nicht-CO2-Effekte.

Wärmende Wolken

Eine Methode zur Quantifizierung des Beitrags zur Klimaänderung ist die Bestimmung des sogenannten Strahlungsantriebs. Laut Sausen ist das "die Veränderung der Nettoenergiezufuhr der Erde durch solare und infrarote Strahlung" - oder einfacher: der vom Menschen verursachte Beitrag zur Erderwärmung oder Abkühlung.

Der Beitrag des CO2 aus dem Luftverkehr ist - im Vergleich zur Summe an allen Treibhausgasen von Straßenverkehr, Hausbrand und Industrie - gering. Er beträgt laut Sausen 1,6 Prozent des vom Menschen verursachten Strahlungsantriebs.

Die wichtigsten Nicht-CO2-Effekte sind die Veränderung der Wolkenbildung sowie chemische Effekte in Folge von Stickstoffemissionen. Bei den hohen Temperaturen in der Brennkammer eines Flugzeugtriebwerks oxydiert Stickstoff aus der Luft. "Als Folge der Stickstoffoxydemissionen kommt es zu einem Ozon-Aufbau, Methan-Abbau und sekundärem Ozon-Abbau. Alles zusammen ergibt einen erwärmenden Effekt", erklärt der Physiker.

Zudem emittieren Luftfahrzeuge Wasserdampf. Wenn das in hinreichend kalter und feuchter Luft passiert, bilden sich Kondensstreifen - zunächst als lineare Wolken. "Manche von ihnen halten sich stundenlang und sehen allmählich wie natürliche Wolken aus", sagt Sausen. Wie alle Wolken reflektieren sie je nach Sonnenstand unterschiedlich viel Sonnenlicht - was tagsüber die Erde kühlt. Dazu absorbieren sie infrarote Strahlung und emittieren diese, was erwärmend wirkt. Insgesamt ist der Effekt ein wärmender.

Alles in allem trage der Flugverkehr einen Anteil von fünf Prozent am Strahlungsantrieb. Und das, sagt Sausen, "ist nicht wenig" - aber auch nicht horrend viel. Um die Erderwärmung zu stabilisieren, würde es nicht reichen, bloß den Flugverkehr zu stoppen. "Wenn wir unser Klimaproblem lösen wollen, bräuchten wir eine Reduktion der klimawirksamen Emissionen von 80 Prozent", betont der DLR-Experte. So müsste die Menschheit insgesamt weniger reisen, oder aber überdenken, wie sie mit weniger Emissionen die gleiche Transportleistung vollbringen könnte.

Bio-Treibstoffe

Sausen zufolge wäre die einfachste Lösung, die Flugpläne völlig neu zu gestalten: "Kondensstreifen entstehen in einer Höhe von sechs bis zwölf Kilometern, wo die passenden Temperaturen und die Feuchtigkeit dazu vorhanden sind", betont er. Besonders bei Langstreckenflügen könnte ihre Bildung weitgehend vermieden werden, würden die Flieger in einer anderen Höhe fliegen. Sausen betont: "Die Zahl der Kondensstreifen ist das, was man am leichtesten beeinflussen kann."

Auch an Bio-Treibstoffen für Flugzeuge wird geforscht. Offen ist jedoch, wie viel diese Treibstoffe zur Energieversorgung des Flugverkehrs beitragen können. Sollte eine Verbesserung der Lage jedoch nicht gelingen, "wird es in 50 Jahren wohl überhaupt kein Transportsystem mehr geben", warnt der Physiker.