Zum Hauptinhalt springen

In der Geiselhaft des Norwegers

Von Andreas Mölzer

Gastkommentare

All jene, die bewusst für die Erhaltung ihrer national-kulturellen Identität als Europäer eintreten, stehen nun im Verdacht, Gesinnungsgenossen des Attentäters Anders Behring Breivik zu sein.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Da setzt ein Psychopath, beheimatet in einem der liberalsten Länder Europas, eine 1500-seitige Kompilation aus verschiedensten Texten ins Netz, um wenige Tage später das Regierungsviertel seines Landes in die Luft zu jagen und die Massenhinrichtung von fast 100 wehrlosen Jugendlichen zu inszenieren. Da bringt er gezielt junge Menschen um ihr Leben, dort nimmt er gezielt Millionen andere in politische Geiselhaft.
Ja, Geiselhaft ist es, in der sich nunmehr all jene Europäer befinden, welche die Massenzuwanderung in soziokultureller Hinsicht für bedrohlich halten und den nach Europa strömenden radikalen Islam für gefährlich. All jene, die bewusst für die Erhaltung des christlichen Abendlandes eintreten und für die Erhaltung ihrer national-kulturellen Identität als Europäer, sie stehen nun im Verdacht, Gesinnungsgenossen des Attentäters Anders Behring Breivik zu sein.

Wer den Fehler begeht, sich angesichts dieser Geiselhaft offensiv in jene Richtung hin wehren zu wollen, die da lautet, all das, was der Norweger in seiner Kompilation zum Besten gegeben hat, sei ja nicht falsch - die Bezugnahme auf Winston Churchill, auf Thomas Jefferson, auf Otto von Bismarck wäre ja nicht grundsätzlich abzulehnen; eine Kritik des extremistischen Islamismus müsse ja erlaubt sein; die sozialen, kulturellen und politischen Probleme, die die ungebremste Migration nach Europa gebracht hat, seien ja evident - eine solche Verteidigung führt gegenwärtig offenbar unmittelbar auf das politisch-mediale Schafott.

Was Wunder, dass Österreichs Freiheitliche sich da den erhobenen Zeigefinger ihrer politischen Mitbewerber gefallen lassen müssen. Die Situation erinnert an die Tage des Briefbombenterrors Mitte der 1990er, als Jörg Haider und die FPÖ in ähnlicher Geiselhaft des Briefbombenattentäters Franz Fuchs beziehungsweise seiner nach wie vor nicht völlig auszuschließenden Hintermänner standen.

Was hilft es da, wenn man darauf hinweist, dass Habermas und Marcuse keineswegs für den blutigen Terror der Roten Armeefraktion der 1970er verantwortlich gemacht werden können? Was ändert es, wenn man erklärt, dass Karl Marx nicht für den Archipel Gulag haftbar gemacht werden kann?

Das Geschäft des politischen Kleingeldwechselns blüht in diesen Tagen. Und jene eher kleinkarierten Spindoktoren im etablierten Politbereich, die nunmehr eine günstige Gelegenheit für ihren "Kampf gegen Rechts" sehen, haben keine moralische Hemmung, die ideologische Geiselnahme des Norwegers für sich zu nutzen.

Es liegt nunmehr an den potenziellen politisch-ideologischen Geiseln, sich moralisch einwandfrei und politisch taktisch klug aus dieser Falle zu befreien. Dies wird sicher nicht gelingen, wenn man radikal-cholerisch auf die Attacken reagiert. Und es wird auch nicht gelingen, wenn man sich kleinmütig von bisherigen politischen Haltungen distanziert. Jene Probleme im Bereich der Massenmigration und der Islamisierung, die man bisher mit Beifall des Wählerpublikums thematisiert hat, sie bleiben bestehen - trotz der norwegischen Tragödie.

Andreas Mölzer ist Abgeordneter der FPÖ zum EU-Parlament.

Dieser Gastkommentar gibt ausschließlich die Meinung des betreffenden Autors wieder und muss sich nicht zwangsläufig mit jener der Redaktion der "Wiener Zeitung" decken.