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In der Kontofalle

Von Bernd Vasari

Wirtschaft
Laut Studie finden es in Österreich 66 Prozent immer schwieriger, die richtigen Vorsorge- und Finanzentscheidungen zu treffen.
© Getty Images/Digital Vision Vectors

288 Milliarden Euro liegen auf heimischen Bankkonten. Aufgrund der hohen Inflation schmelzen sie rasant dahin.


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Monat für Monat steigt die Inflationsrate. Wer vor wenigen Wochen noch mit 50 Euro sein Auto volltankte, zahlt heute 100 Euro. Und ein Ende der Preissteigerungen ist nicht in Sicht. Die Nationalbank rechnet bei ihrer heurigen Jahresprognose mit einer Inflationsrate von 7,6 Prozent. Für Menschen, die ihr Geld auf dem Bankkonto liegen haben, ist das eine schlechte Nachricht. Denn je höher die Inflation, desto schneller verpufft ihr Geld auf der Bank.

Insgesamt 288 Milliarden Euro liegen auf den Spar- und Girokonten der heimischen Banken. Im Vergleich zu anderen Anlageformen sind die Zinsen sehr niedrig, sie liegen durchschnittlich bei einem Prozent. Zieht man die heurige Inflationsrate von 7,6 Prozent ab, bleibt ein Verlust von 6,6 Prozent. Die Österreicherinnen und Österreicher werden daher in diesem Jahr knapp 19 Milliarden Euro verlieren.

Dabei sind die Guthaben auf den Konten in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Ende 2019 lagen sie noch bei 261 Milliarden Euro. Doch dann kam die Coronapandemie. Zahlreiche Lockdowns führten zu Geschäftsschließungen, auch der Urlaub der meisten Österreicherinnen und Österreicher fiel aus. Die Menschen konnten nicht so viel Geld ausgeben, wie sie es die Jahre zuvor taten. Ende 2020 lag das Guthaben auf den heimischen Bankkonten bereits bei 277 Milliarden Euro.

Dort passierte mit dem Geld erstmal gar nichts. Es gab kaum Zinsen und etwas höhere, aber niedrige Inflationsraten. Durch den Krieg in der Ukraine änderte sich die Situation jedoch schlagartig. Innerhalb weniger Monate verdoppelte sich die Teuerung. Im Juli lag sie laut Statistik Austria bei 9,2 Prozent. Ein Ende des Anstiegs ist nicht in Sicht.

Finanzwissen, das bis zum Sparschwein reicht

Das erhöht die Kosten im täglichen Leben, offenbart aber auch eine empfindliche Schwäche, über die hierzulande kaum gesprochen wird. Bis zur Wirtschaftskrise 2008/09 genügte es, sein Geld auf ein Sparbuch zu legen und es vermehrte sich von Jahr zu Jahr. Ein Finanzwissen, das über die Funktion eines Sparschweins reichte, war nicht notwendig.

Doch dann setzte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf null, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Das Sparbuch, als jahrzehntelange Garantie für den privaten Geldzuwachs, brachte plötzlich keinen Gewinn mehr.

Trotz dieser einschneidenden Änderung für private Haushalte besserten die wenigsten Österreicherinnen und Österreicher ihr Finanzwissen auf, wie nun auch eine aktuelle Studie zeigt: 66 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher finden es immer schwieriger, die richtigen Vorsorge- und Finanzentscheidungen zu treffen. Zu diesem Ergebnis kam eine im Frühjahr 2022 erstellte YouGov-Studie des Finanzberaters Swiss Life Select Österreich. Dabei wurden über 1.000 Personen zu ihren persönlichen Finanzen, Vorsorge und den daraus resultierenden Herausforderungen befragt.

Zudem fühlen sich 51 Prozent finanziell nicht auf unerwartete Wendungen im Leben vorbereitet, 46 Prozent haben den Eindruck, dass die zu treffenden Entscheidungen zu Finanz- und Vorsorgeangelegenheiten immer mehr werden.

Babyboomer hätten sich Beratung gewünscht

Abseits vom Schmelzen der Kontoguthaben durch die Inflation kann das fehlende Finanzwissen zu finanziellen Verwerfungen bis hin zur Armut führen: 29 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal viel Geld verloren zu haben. 27 Prozent der Babyboomer (Jahrgang 1946 bis 1964) hätten sich bei Entscheidungen rund um den Ruhestand im Nachhinein gewünscht, eine persönliche Finanzberaterin oder einen persönlichen Finanzberater konsultiert zu haben. Doch auch junge Menschen sind betroffen: Jeder Vierte, der zur Schuldnerberatung geht, ist unter 30 Jahre alt und hat im Durchschnitt 30.000 Euro Schulden.

"Wissen ist Macht. Nur wer die Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt, um finanzielle Entscheidungen auf sachlicher Basis zu treffen, wird in Zukunft ein selbstbestimmtes Leben führen können", sagt dazu der CEO von Swiss Life Select Österreich, Christoph Obererlacher.

Vor allem das heimische Bildungssystem steht in der Kritik, wenn es um fehlende Finanzbildung und Wirtschaftswissen geht. Das sehen auch die sieben Gründer der Stiftung für Wirtschaftsbildung so: Industriellenvereinigung (IV), Arbeiterkammer (AK), Wirtschaftskammer (WKO), Nationalbank (OeNB), Erste Stiftung, Mega-Bildungsstiftung und Innovationsstiftung für Bildung.

Schulprojekt soll es richten

Ab dem kommenden Schuljahr starten sie nun das Schulpilot-Projekt Wirtschaftsbildung an 30 AHS-Unterstufen und Neuen Mittelschulen (NMS) in Österreich mit Projektwochen, Berufsorientierung und einem zusätzlichen Pflichtgegenstand. "Die Aufgabe der Politik wäre es, hier einmal Entscheidungen zu treffen", sagt Matthias Reisinger, Initiator und Chef der Stiftung. "Darüber würden sich auch viele Schulen freuen. Als Stiftung können wir aber recht schnell kreative Ansätze ausprobieren. Wenn unser Projekt funktioniert, werden wir dafür sorgen, dass es im Schulsystem dauerhaft installiert wird."

Die Grundprinzipien der erfolgreichen Aktienanlage, der Unterschied zwischen Investment- und Indexfonds, die Methoden um den Markt zu schlagen. Bis in Österreich der richtige Blickwinkel auf Börsen möglich ist und ausgefuchste Anleger ihr Geld wie in Zeiten des Sparschweins wieder vermehren können, wird es noch dauern. Bis dahin schmelzen die Milliarden.