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Gewaltschutzzentren, Frauenhäuser, Frauenberatung helfen Frauen, aus Gewalt in der Familie auszubrechen.
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Wien. "Es gab überhaupt keine Anzeichen dafür, dass er wieder zu seinem alten Verhalten zurückkehren könnte. Dann aber veränderte er sich radikal. Es war gerade so, als wäre es das Normalste der Welt, dass man vollkommen auszuckt. Ohne Anlass, aber gleich so massiv, dass in unserer Wohnung von einem Moment auf den anderen Trümmer herumgeflogen sind", erzählt Erna Berthold (Name geändert), wie die Gewalt wieder begann.
Wieder, da sich Berthold nach langen Jahren Ehe mit einem Gewalttäter zur Scheidung durchgerungen hatte, danach von diesem niedergestochen wurde - doch einige Jahre später kehrte sie wegen der Kinder zum angeblich Geläuterten wieder zurück.
Seine Versprechungen hielten zwar einige Jahre, aber eben nicht auf Dauer. Er schlug sie wieder. "Meine erste Reaktion war sofort: ‚Wenn du jetzt nicht gehst, gehe ich. Mir reicht es, noch einmal tue ich mir das nicht an.‘" Sie habe ihre Sachen gepackt - aber: "Da hat er ein Fleischermesser genommen, es mir an den Hals gesetzt und gemeint: ‚Wenn du gehst, bist du tot.‘" Sie blieb, "weil ich ihm das ehrlich zugetraut habe".
So weit daneben lag sie mit ihrer Einschätzung nicht: Berthold erlitt eine Gehirnblutung, starb beinahe daran - bevor sie den Mann endgültig verließ. "Ich bin froh, dass ich noch hier bin", sagte sie mir, als sie mir ihre Lebensgeschichte für das Buch "Bevor der Tod uns scheidet" erzählte. Dass sie sich von der Gewalt in ihrer Familie befreien konnte, liegt auch an der Unterstützung, die sie vom gut zusammenarbeitenden Netzwerk an Gewaltsschutzzentren, Frauenhäusern und Beratungsstellen erhielt.
Ein Netzwerk, von dem Ministerin Juliane Bogner-Strauß zwar sagt, es "in den Fokus" stellen zu wollen. Ein Netzwerk, das durch ihre Kürzungspolitik aktuell allerdings Löcher bekommt.
Wenn Gewalt zum Alltag wird
Berthold hatte lange geschwiegen, auch mangels hilfreichem Gegenüber. Sie hatte das Vertrauen in die Polizei verloren, da die Beamten, die sie zur Messerattacke befragten, mehr mit Sorge, was Bertholds Aussage für den Exmann bedeutete, beschäftigten als mit ihr als Opfer. Ärzte wiesen sie damals nicht auf Hilfsangebote hin. Solche Eindrücke prägten sie auch noch, als die Gewalt wieder begann - und sich intensivierte.
"Blaue Flecken und Abschürfungen gehörten für mich zur Tagesordnung. Die Schläge wurden Alltag. Alles war ein Grund, auf mich einzuschlagen", beschreibt Berthold ihr damaliges Leben. "Ich habe resigniert und versucht, so viel wie möglich zu verdrängen." - "Du funktionierst eigentlich nur mehr." - "Nach außen hin habe ich eine Fassade aufgebaut." - "Außerdem versuchte er, mich von allen fernzuhalten und mich richtiggehend vor der Welt abzuschirmen." - "Ich fühlte mich total abgekapselt und von der Welt isoliert."
Die Situation von Frauen, die Gewalt in der Familie erleben, ähnelt häufig jener des Stockholm-Syndroms. Angst, Scham, Schuldgefühle, weil man bleibt und Ohnmacht der Betroffenen stehen einer scheinbaren Übermacht des Täters gegenüber, der sie mit Gewalt und Aggression klein macht - und noch tiefer in die Spirale der Gewalt zieht.
Gesetze für mehr Gewaltschutz
Wie brach Berthold schließlich doch aus? Nach einer erneuten Eskalation holte ihr Sohn die Polizei. Da war das Gewaltschutzgesetz von 1997 bereits in Kraft. Die Polizei konnte den Täter somit der Wohnung verweisen und ein Betretungsverbot aussprechen: Es sind nun nicht mehr die von Gewalt betroffenen Frauen, die sich in Sicherheit bringen müssen. Es ist der Täter, der sich um eine Bleibe umschauen muss.
Gewaltschutzzentren und die Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie in Wien haben den gesetzlichen Auftrag, die Betroffenen nach einem Betretungsverbot zu kontaktieren, so auch Berthold damals. 2017 waren 8755 Personen, mit jenen, die sich - auf Anraten von Frauen- und Familienberatungsstellen, der Justiz oder über Kinder- und Jugendhilfe - selbst meldeten, wurden insgesamt 18.860 Personen beraten. Personen, "weil rund 10 Prozent Männer dabei sind", erläutert Maria Schwarz-Schlöglmann, Vorsitzende des Bundesverbands der Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen Österreichs. Unter den Betroffenen seien auch Väter, Brüder, Söhne - "in drei bis vier Prozent ist die Partnerin oder Ehefrau die Täterin." Auch generell zeigt sich in Österreich: "Eine von fünf Frauen ist einmal in ihrem Leben von Gewalt in der Familie betroffen", sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Frauenhäuser.
Die Finanzierung durch das Frauen- und das Innenministerium bleibt erhalten. Das Plus heuer ist, wie bisher, auch eine Inflationsanpassung. Dafür verhandelte Ministerin Bogner-Strauß nicht mehr Budget heraus, sie schichtete um und kürzte bei Frauenprojekten und der Familienberatung.
Im Gewaltschutzzentrum
"Zuerst geht es um die Sicherheit der Frauen und Kinder", erläutert Schwarz-Schlöglmann den Fokus der Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen. Dazu führen verschiedene Wege: In manchen Fällen wird eine einstweilige Verfügung bei Gericht beantragt, um das Betretungsverbot gegen den Gewalttäter auf bis zu sechs Monate oder bis zum Ende des Scheidungsverfahrens auszudehnen. In jenen Fällen, wo es um Körperverletzung, gefährliche Drohungen oder sexuelle Gewalt geht, wird auch bei der Polizei Anzeige erstattet. Die Polizei sei übrigens heute wichtiger Partner im Gewaltschutz, sagt Schwarz-Schlöglmann - auch wenn das Innenministerium vor kurzem bekannt gab, die Fallkonferenzen zu Hochrisiko-Gewaltfällen von Polizei und Gewaltschutzzentren einzustellen. Das Thema fließe in die Ausbildung aller Polizisten ein, was bei Richtern und Staatsanwälten fehle.
Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, so wie auch bei Berthold - der Täter wurde übrigens wegen Nötigung, gefährlichen Drohungen, vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt -, bieten Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen auch psychosoziale und juristische Prozessbegleitung. Diese wird unverändert vom Justizministerium finanziert.
Jedenfalls geht es immer um die Einschätzung der Gefährdung: Indizien dafür, dass diese hoch ist, sind zum Beispiel hohe Intensität und Steigerung der Gewalt oder wenn der Täter Waffen besitzt. "Auch wenn er Haustiere getötet hat, zeigt er damit, dass er zu Grenzüberschreitungen fähig ist", sagt Schwarz-Schlöglmann.
"Auch Morddrohungen sind sehr ernstzunehmen." Von den 54 im Vorjahr ermordeten Menschen waren 36 Opfer von Gewalt in der Familie oder im sozialen Nahraum - davon 24 Frauen, je sechs Männer und minderjährige Kinder. "Elf Frauen wurden in aufrechter Beziehung von den Partnern, sechs weitere nach oder während der Trennung von den ehemaligen Partnern ermordet."
Frauenhäuser und -beratung
Um das möglichst zu verhindern, erhielten vergangenes Jahr 1600 Frauen mit ihren Kindern Schutz im Frauenhaus. Hier geht es nicht nur um Sicherheit, sondern viel mehr, erklärt Rösslhumer: Die Mitarbeiterinnen bieten und vermitteln auch psychologische, rechtliche und medizinische Beratung, begleiten bei Behördenwegen, auch zum Jugendamt, helfen bei der Arbeits- und Wohnungssuche. "Das ist auch Armutsprävention.".
Die 766 Plätze in den 30 Frauenhäusern landesweit werden durch die Bundesländer bezahlt, allerdings sehr unterschiedlich. Laut europäischem Plan wäre ein Platz pro 10.000 Einwohnern notwendig. Bogner-Strauß kündigte im Februar zwar an, die rund 100 fehlenden Plätze zu schaffen - allerdings bis 2022. Und eine Zusicherung, dass es Geld vom Bund gibt, gab es bisher nicht.
Von Frauenhäusern und Gewaltschutzzentren erfahren Frauen auch über die Helpline 0800/222 555, deren Budget wurde nicht gekürzt. Anders bei den 400 Familienberatungsstellen, hier wurden zwischen 4,2 und 13 Prozent gekürzt. Dabei spielen auch sie im Gewaltschutz eine Rolle, wie Elisabeth Cinatl, Geschäftsleiterin der Frauen- und Familienberatungsstelle Kassandra, erklärt: "Zu uns kommt man zwar wegen Generationskonflikten, Obsorge- und Unterhaltsfragen. Bei jeder zweiten Frau, die wir beraten, stellt sich heraus, dass auch Gewalt in der Familie eine Rolle spielt." Haben Frauen zu wenig Geld, "schafft das Abhängigkeiten. Das ein Nährboden für Gewaltverhältnisse", sagt Cinatl. "Und Kürzungen von Sozialleistungen machen den Ausstieg schwieriger", ergänzt Rösslhumer.
Weniger Geld gewährt Bogner-Strauß auch feministischen Magazine und Organisationen, darunter die "an.schläge", "L’Homme", die "Frauensolidarität" oder One Billion Rising. Warum das den Gewaltschutz schwächt? "Diese Medien und Organisationen klären über Gewalt in der Familie und Gewaltschutz auf", sagt Cinatl. Zum Beispiel, "dass häusliche Gewalt für Frauen das größte Sicherheitsrisiko ist." Demzufolge ist also Öffentlichkeitsarbeit und Geld dafür gerade im Bereich des Gewaltschutzes im doppelten Sinne überlebensnotwendig.

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