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In Deutschland unverdächtig, in Österreich Nazi-Jargon

Von Robert Sedlaczek

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Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Haymon "Sprachwitze. Die Formen. Die Techniken. Die jüdischen Wurzeln. Mit mehr als 500 Beispielen" erschienen.

Warum die Wendung "durch den Rost fallen" fälschlich diskreditiert wird.


Unlängst habe ich mich hier mit der Wendung "durch den Rost fallen" befasst. Ist das Nazi-Jargon? Sind die Leichen-Verbrennungsöfen in den KZ gemeint? Dazu habe ich einen Leserbrief von Frau Hedwig Riegler erhalten, sie ist eine akademisch ausgebildete Übersetzerin: "Ich bin im ländlichen Raum aufgewachsen, und zwar nicht in einer Nazifamilie. Ich habe diese Wendung von Kindheit an gekannt und verwendet. In der Landwirtschaft hat man, sicher lange vor den Nazis, Gitterroste zur Größensortierung von Feldfrüchten, zum Beispiel Erdäpfeln, verwendet: Was durch den Rost fiel, war zweite Wahl, nicht geeignet für den Verkauf, und wurde einer anderen Verwertung zugeführt." Sie lasse sich ein Sprachbild, das für sie seit ihrer Kindheit in einer anderen Bedeutung und Ableitung existiert, nicht durch Wächter der Political Correctness nehmen.

Volker Harm von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Leiter der Arbeitsstelle Neubearbeitung des Grimm’schen Wörterbuchs, schrieb mir: "Grundsätzlich ist es so, dass die Wendung recht häufig ist. Im ,Deutschen Referenzkorpus‘ des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim finde ich 2.134 Nachweise in Zeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz." Die Wendung "durch den Rost fallen" werde aber nur in Österreich gelegentlich als angebliches Nazi-Wort geführt - "sogar in einer Empfehlung zum nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch auf der offiziellen Internetseite der Stadt Wien", stellt Volker Harm verwundert fest.

All jene, die "durch den Rost fallen" für diskriminierenden Sprachgebrauch halten, berufen sich auf die Universitätsprofessorin Ruth Wodak. Sie klassifizierte die Wendung wiederholt als Nazi-Jargon, weil sie von den Nazis in Bezug auf die Verbrennungsöfen verwendet worden sei. Ich fragte sie per Mail, ob sie Belege dafür habe. Sie konnte keine nennen, meinte aber: "Ich bleibe bei meiner Meinung der negativen Konnotation - für manche, sicher nicht für jeden, vor allem nicht für junge Menschen. Ich meine, dass es da um einen semantischen Anspielungsraum geht, der mit den Gaskammern und der Shoah, aber auch mit den Lastwägen, in denen Menschen vergast wurden, zusammenhängt."

Das ist auch deshalb merkwürdig, weil die Wendung seit alters her so viel wie "unberücksichtigt bleiben, übersehen werden" bedeutet - nicht "verbrannt werden". Mit dem gleichen Argument könnte man - so Volker Harm - jede Wendung, in der das Wort "Feuer" oder das Wort "Ofen" vorkommt, unter Nazi-Verdacht stellen.

Ruth Wodak, die als Diskursforscherin nationalsozialistische Floskeln aus dem Mund von FPÖ-Politikern decouvriert und treffend kommentiert hat - von der "ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" bis zur "Umvolkung" -, liegt in diesem Fall falsch.

Anders ist meiner Meinung nach die Wendung "bis zur Vergasung" zu beurteilen. Auch diese ist lange vor der Nazizeit entstanden, sie bezieht sich auf den letzten Aggregatzustand, nämlich den gasförmigen. Aber wer weiß das schon? Die Ungeheuerlichkeit der Vergasung von Menschen überdeckt die ursprüngliche, physikalische Bedeutung total.