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In fünf Tagen zum Politiker

Von Viktoria Diadia und Gerhard Lechner

Politik

Mit dem Sieg der Präsidentenpartei "Diener des Volkes" ziehen in der Ukraine Ringer, Zahnärzte, Hochzeitsfotografen und andere politische Neulinge ins Parlament ein. Nun müssen sich die künftigen Abgeordneten einem Crashkurs unterziehen.


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Truskawez. In Truskawez ist normalerweise nicht allzu viel los. Der beschauliche galizische 30.000-Einwohner-Kurort, der im äußersten Westen der Ukraine am Rande der Karpaten liegt, ist seit dem 19. Jahrhundert vor allem wegen seiner Heilquellen bekannt. Dementsprechend ruhig geht es in dem Städtchen, das sich an die Wälder der Karpaten schmiegt, für gewöhnlich zu.

Doch seit kurzem ist alles anders. Der Kurort nahe der Grenze zu Polen ist in der Ukraine ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Denn die Präsidentenpartei "Diener des Volkes", die bei den Parlamentswahlen im Juli die absolute Mehrheit geholt hat, hält in dem Städtchen einen Crashkurs der besonderen Art ab: eine Art Boot Camp für angehende Politiker. Und zwar nicht für irgendwelche Politiker, sondern für ihre eigenen Abgeordneten.

Die sind nämlich alles andere als Polit-Profis - im Gegenteil: Kein einziger der frisch gecasteten Abgeordneten der Präsidentenpartei ist bisher in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, gesessen. Es war ein Wunsch von Präsident Wolodymyr Selenskyj, die als besonders korrupt verschriene Rada komplett neu zu besetzen. Zum Teil mit blutigen Anfängern. Etwa mit Dschan Belenjuk, einem Ex-Weltmeister im Ringen, der als erster dunkelhäutiger Abgeordneter in der Rada sitzen wird. Oder mit dem Kiewer Zahnarzt Artjom Dubnow, einem bisher völlig Unbekannten. Oder mit dem Hochzeitsfotografen Serhij Schtepa. Der konnte, weil er für Selenskyjs Partei antrat, in Saporischja ein Direktmandat gewinnen und einen einflussreichen Unternehmer besiegen. Oder mit Jelisaweta Bogutska, einer Expertin für Inneneinrichtung. Auch Arbeitslose werden in der künftigen Rada sitzen. Politprofis sind sie alle nicht.

Der Crashkurs ist deshalb auch recht ambitioniert angelegt. Von 8.30 bis 21.30 Uhr absolvieren die künftigen Abgeordneten fünf Tage lang ein dichtes Programm. Die Themenpalette ist breit gestreut, von Makroökonomie über Sicherheits- und Steuerpolitik, von internationalem Handel bis zum Assoziierungsabkommen mit der EU. Die Abgeordneten sollen in Gruppenarbeit bis zum Ende des Kurses Gesetzesvorschläge für die Enwicklungsstrategie der Ukraine vorlegen. Gelernt wird dabei auch auf unorthodoxe Art: In sozialen Medien waren Bilder zu sehen, die künftige Abgeordnete mit bunten Bauklötzen zeigten, die beim Lernen helfen sollen. Am Abend wird der parlamentarische Alltag im Rollenspiel gelernt. "Es geht uns darum, euch zu zeigen, wie ihr Schritt für Schritt Politiker werdet. Denn ihr seid noch keine", sagte Dmytro Rasumkow, als Parteichef der mögliche neue Premier, seinen Schützlingen. "Ihr müsst daran denken, was ihr in fünf Jahren von euren Wählern über euch hören wollt", zitierte der Mitteldeutsche Rundfunk den Parteichef. Organisiert wird der Intensivkurs von der renommierten Kyiv School of Economics. Deren Präsident Timofej Mylowanow gestand ein, dass das Projekt mehr als nur ambitioniert ist. Es sei schon aufgrund der Teilnehmerzahl "fast unmöglich, 250 Leuten in einer Woche" die Grundlagen von Wirtschaft und Politik beizubringen.

Nicht ganz billig

Dennoch zeigte sich Mylowanow optimistisch: In der freien Wirtschaft seien Kurse zur Weiterbildung schließlich gang und gäbe. Auch Janika Meril von der ukrainischen E-Government-Agentur konstatiert: "Besser eine Woche in Truskawez als nichts."

Ganz billig ist der Kurs im Übrigen nicht: Entgegen dem asketischen Image, das sich Selenskyj in seiner TV-Serie gab, die ihn zum Präsidenten machte, logieren die meisten Abgeordneten im Rixos Prikarpattja Hotel - dem teuersten Hotel von Truskawez.