)
Eindrücke des Korrespondenten einer Nachrichtenagentur. | Gaza. (ap) Ich lebe zurzeit allein in meinem Büro in Gaza. Meine Frau und meine beiden Söhne sind zu meinem Schwiegervater gezogen, nachdem unsere Wohnung zerstört wurde. Die Moschee, in der ich seit meiner Kindheit gebetet habe, hat kein Dach mehr. Alle Regierungsgebäude in meinem Wohnviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht. Nach tagelangem Beschuss sind die Stadt und das mir vertraute Leben darin ein Stück Vergangenheit.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 17 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Die rund 400.000 Einwohner in Gaza erhalten kein Trinkwasser mehr, seit den Pumpstationen der Treibstoff ausgegangen ist. Wir haben nur noch batteriebetriebene Radiogeräte, um die neuesten Nachrichten einzufangen, während die Welt draußen im Fernsehen verfolgen kann, was hier bei uns los ist. Geschäfte sind geschlossen, Nahrungsmittel sind knapp.
Drei Tage, nachdem die israelischen Luftangriffe am 27. Dezember begannen, wurde mein Wohnblock von Bomben erschüttert, die einem nahe gelegenen Regierungsgebäude der Hamas galten. Mein Bruder machte anschließend ein Foto von dem Raum, in dem meine Söhne, der zweijährige Hikmet und der sechs Monate alte Ahmed, bisher geschlafen haben. Ihr Spielzeug war zerbrochen, Granatsplitter hatten sich in den Kasten gebohrt, und die Wände waren eingestürzt. Ich weiß nicht, ob wir jemals dorthin zurückkehren können.
Die israelischen Streitkräfte haben von der Bombardierung dieses Häuserkomplexes ein Video angefertigt, das auf YouTube zu sehen ist. Da kann ich mir anschauen, wie mein Zuhause zerstört wird, und ich schaue es mir geradezu besessen immer wieder an. Kürzlich stand ich dann vor dem weitgehend zerstörten Haus, wagte mich aber nicht hinein. Ich hatte Angst, dass die Trümmer des Hamas-Gebäudes nebenan ohne Vorwarnung erneut bombardiert werden könnten.
Auf Fest vergessen
Auf meinem Rückweg ins Zentrum von Gaza fuhr ich dann die Straße entlang, wo die beiden wichtigsten Hochschulen angesiedelt sind. Das Gelände war mit Glassplittern, Telefonkabeln und elektrischen Drähten sowie Autowracks übersät. Hier tummelten sich einst die Studenten auf der Straße, überall gab es Taxis und Verkaufsstände, es war immer viel los. Jetzt aber war nur ein einziges Geschäft geöffnet - eine Apotheke, die von meinem Freund Eyad Sayegh betrieben wird. Er ist orthodoxer Christ, und ich wollte ihm alles Gute zum Weihnachtsfest wünschen, das in seiner Kirche erst am 7. Jänner gefeiert wird. Er sagte, er habe das völlig vergessen.
All die Gebäude, die in meinen Korrespondentenberichten immer wieder eine Rolle gespielt haben, stehen nicht mehr. Der Seraya aus der Zeit der Kolonialmächte diente als Palast für eine ganze Reihe diverser Herrscher über Gaza - Briten, Ägypter, Israelis, die Palästinensische Autonomiebehörde und zuletzt die Hamas. Wir fürchteten den Seraya, weil sich dort auch das zentrale Gefängnis befand. Nun ist er nur noch ein Trümmerhaufen.
Kein Wasser
Auch vom Präsidentenbüro, das aufs Meer ausgerichtet war, gibt es nur noch ein paar Mauern. Für die Einwohner von Gaza war dieses Gebäude einst ein Staatssymbol, obwohl der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas hier nur selten residierte. Das riesige Eingangstor steht noch und weist auf einen eindrucksvollen Komplex hin, den es nicht mehr gibt. Auch das Parlamentsgebäude in einem anderen Stadtteil ist schwer beschädigt.
Auf der Hauptstraße von Gaza, der Jala-Straße, sah ich etwa 30 Buben an der Bewässerungsanlage einer begrünten Verkehrsinsel. Sie versuchten, in allen möglichen Behältern durchsickerndes Wasser abzufangen. Der neunjährige Samir erzählte mir, in seinem Haus gebe es kein Wasser mehr, und er wolle genug für ein Bad zusammenbringen, weil er und sein Bruder mittlerweile ganz schön muffelten. Das trifft inzwischen auf die meisten Menschen in Gaza zu.
Frauen drängeln
Im Wohnblock meines Schwiegervaters werden Beutel mit verdorbenen Lebensmitteln auf die Straße geworfen. Ohne Elektrizität gibt es keine Kühlung, und deshalb halten Nahrungsmittel nicht lange. Zugleich werden die Engpässe immer schlimmer. Bei den Schlangen für Brot müssen sich Männer und Frauen jetzt getrennt anstellen. Die Männer hatten sich beschwert, dass die normalerweise unterwürfigen Frauen sich beim Einkauf ständig vorgedrängelt hätten.
Autos gibt es auf den Straßen kaum noch, es sei denn die Fahrzeuge von Journalisten oder Krankenwagen. Wenn Zivilpersonen dennoch unterwegs sind, dann befinden sie sich wahrscheinlich auf der Flucht. Jedenfalls sind ihre Autos hoffnungslos überfüllt und bis aufs Dach mit Matratzen und anderen Habseligkeiten vollgestopft. Wohin die Menschen allerdings fliehen können, ist völlig schleierhaft.
)
)
)