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In Griechenland sind historisch gewachsene Gegensätze explodiert

Von Alexander U. Mathé

Analysen

Alles wartete in Griechenland gebannt auf einen Anlass. Gewaltbereite wollten endlich randalieren, Schüler und Studenten wollten ihrem Unmut über das Bildungssystem Luft machen und die Opposition wollte die regierende Nea Dimokratia wieder einmal anschießen. Waldbrände und die Kritik an deren unzureichenden Bekämpfung hatten die regierenden Konservativen noch während des Wahlkampfs ins Taumeln gebracht - sie haben aber dennoch knapp gewonnen. Umso mehr Erfolg müsste die Kritik der Opposition eigentlich jetzt haben, wenn Städte brennen.


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Doch das wahre Problem Griechenlands ist viel tiefer verwurzelt. Die tiefe Kluft zwischen Links und Rechts hat Griechenland seit dem Zweiten Weltkrieg nie überwunden. Schon während des Kriegs hatte es zwei Widerstandsverbände gegeben: Die sowjetisch beeinflusste Elas und die von Briten und Amerikanern unterstützte Edes. Noch mitten im Krieg gerieten die beiden Gruppen in bewaffneten Konflikten aneinander. Nach dem Weltkrieg mündeten die Auseinandersetzungen direkt in einen Bürgerkrieg, den die Konservativen gewannen. Sie fuhren daraufhin über Jahrzehnte einen strikten antikommunistischen Kurs.

Als bei der Wahl 1964 die Zentrums-Linke gewann, läuteten bei der Rechten die Alarmglocken, die darin eine kommunistische Dämmerung sah. 1967 putschte eine Gruppe rechtsorientierter Offiziere und errichtete eine Militärdiktatur, nachdem ein Wahlsieg der Sozialisten unmittelbar bevorstand.

Erst 1973 wurde die Junta durch einen Aufstand Athener Studenten geschwächt. Zwar wurden die Proteste blutig niedergeschlagen und Demonstranten gefoltert, zwar besiegelte eher das Scheitern der Vereinigung mit Zypern das Ende der Diktatur als die jugendlichen Proteste, doch bis heute sehen sich viele Studenten mit Stolz in einer Reihe mit den erfolgreichen Kämpfern gegen den Totalitarismus und für die Demokratie.

Selbst unter den Jugendlichen bürgerlicher Herkunft galt und gilt seit Jahrzehnten das Bekenntnis zum Kommunismus als schick, oder zumindest die Kritik am ihrer Meinung nach totalitären Gehabe der Staatsgewalt.

Griechische Studentenproteste sind daher kompromissloser als anderswo. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass diese Demonstrationen vom Ausmaß her höchstens in Paris ihresgleichen finden: Schließlich hat die Geschichte in beiden Ländern gezeigt, wie effektiv der Druck der Straße ist.

Ein Regierungswechsel oder eine Bildungsreform würden heute am Grundproblem nicht viel ändern. Denn es geht nicht primär um aktuelle Forderungen, sondern um historisch gewachsene Gegensätze. Diese Wunde braucht einfach Zeit, zu heilen.

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