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"In Humankapital investieren!"

Von Heiner Boberski

Politik

Dass mit dem jüngst heiß diskutierten Thema Pensionen und Frühpensionen immer auch die Frage der Altersarbeitslosigkeit angesprochen wird, ist kein Wunder. Helmut Mahringer, Magister der Volkswirtschaft und Arbeitsmarktreferent im Institut für Wirtschaftsforschung in Wien, sieht ältere Arbeitnehmer in einer zwiespältigen Situation: "Bei Personen über 55 oder gar 60 Jahren herrscht die höchste Arbeitslosigkeit. Viele sind bereits in Pension und aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Es besteht zwar eine relativ geringe Gefahr für lange in Berufstätigkeit stehende Personen, arbeitslos zu werden, aber, wenn dieser Fall eintritt, auch nur eine sehr geringe Chance, wieder einen Job zu kriegen."


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Im europäischen Schnitt liegt Österreich bei den Ländern mit der geringsten Arbeitslosenquote, noch im Jahr 2000 war sogar ein Rückgang zu verzeichnen. Doch die Zeiten haben sich, so Mahringer, deutlich geändert: "Im Jahr 2002, nach der nationalen Zählung sogar schon ab Mitte 2001, hat die Arbeitslosigkeit stark zu steigen begonnen, wir erlebten den stärksten Anstieg seit 1993."

Was manchen Rätsel aufgibt - die Abweichung der österreichischen von den EU-Zahlen -, kann Mahringer leicht erklären: "In Österreich stützt man sich auf die Zahlen vom Arbeitsmarktservice (AMS) und auf die Daten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Die Arbeitslosenzahlen drücken bei uns das Verhältnis zur Gesamtzahl der unselbständig Beschäftigten und der Arbeitslosen aus. Die EU-Quote wird nicht auf Basis von administrativen Daten erstellt, sondern auf Basis von Befragungsdaten im Rahmen des Mikrozensus, wo erhoben wird, wer deklariert auf der Suche nach Arbeit ist. Und diese Zahl wird nicht nur auf die unselbständigen Erwerbspersonen, sondern auch auf die selbständig Erwerbstätigen bezogen."

Arbeitslosigkeit und Selbständigkeit steigen

Nach EU-Berechnung lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2002 bei 4,3 Prozent, nach traditionell österreichischer Berechnung bei 6,9 Prozent, die Tendenz, so Mahringer, ist leicht steigend: "Wir rechnen mit 7 Prozent im Jahresschnitt, da hat man natürlich die Saisonschwankungen drinnen." Und die sind zwischen Winter und Sommer relativ markant. So gab es im Jänner, dem erfahrungsgemäß schwierigsten Monat, 2003 eine Arbeitslosigkeit von 8,9 Prozent, bei Männern - wegen der geringen Bauaktivitäten in diesem Monat - sogar von 10 Prozent. In absoluten Zahlen betraf die Arbeitslosigkeit im Jänner dieses Jahres 303.676 Personen, während es im Monat mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit, dem Juli 2002, nur 191.590 Personen waren.

Vom jetzigen hohen Niveau erwartet Mahringer noch eine leichte weitere Steigerung, wobei die absoluten Zahlen derzeit schon über jenen der vergangenen Jahre liegen, wenn man auch noch die in der Arbeitslosenstatistik nicht berücksichtigten Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Schulungsmaßnahmen des AMS hinzurechnet: "Personen in Schulungen haben ja auch noch keinen Job und besuchen die Maßnahmen zwecks besserer Vermittelbarkeit."

Schuld an der Situation sind die niedrigen Wachstumsraten, die Konjunkturflaute. "Wir hatten im Jahr 2001 ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 0,7 Prozent, 2002 war es 1 Prozent, das ist zu wenig, um das Beschäftigungsniveau zu halten oder um die Arbeitslosigkeit abzubauen. Daher erfolgte 2002 ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit."

Im Verhältnis zwischen selbständig und unselbständig Erwerbstätigen beobachtet Mahringer "zwei gegenläufige Trends: Selbständige in der Landwirtschaft gehen immer noch relativ deutlich zurück. Gewerbliche und freiberufliche Selbständige werden Jahr für Jahr deutlich mehr. Insgesamt gibt es eine leichte Zunahme. Die vorliegenden Daten sind Schätzungen aufgrund verschiedener Statistiken. Von den 377.700 Selbständigen des Jahres 2002 waren 267.700 nicht landwirtschaftlich tätig."

Trend zu Teilzeitarbeit und "Frauenberufen"

Wenn Politiker sagen, es seien noch nie so viele Menschen in Österreich beschäftigt gewesen, stellt sich für Mahringer die Frage: "Wen zählt man zu den Beschäftigten dazu?" Es mache wenig Sinn, Bezieherinnen des Kinderbetreuungsgeldes zu den Beschäftigten zu zählen, zieht man sie dort ab, zeige sich im Jahr 2002 ein relativ deutlicher Beschäftigungsrückgang: "Zudem ist ein relativ starker Anstieg der Teilzeitbeschäftigung festzustellen, das geleistete Volumen an Arbeitsstunden nimmt daher noch stärker ab als die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse. Die Ursache ist ein struktureller Wandel: auf der einen Seite Rückgänge in Berufen für Vollzeit und Männer, zum Beispiel in der Baubranche, auf der anderen Seite steigen Dienstleistungen im Gesundheitswesen, im Sozialwesen, unternehmensbezogene, persönliche Dienstleistungen an, wo der Anteil von Frauen und Teilzeitarbeitsplätzen wesentlich höher ist."

Im Jahr 2001 betrafen insgesamt rund 15 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse (über der Geringfügigkeitsgrenze) Teilzeitarbeit, und zwar etwa 32 Prozent bei den Frauen, aber nur rund 3 Prozent bei den Männern. Während wesentlich mehr Frauen als früher in Beschäftigung stehen, ist die Erwerbsquote der Männer seit Jahren leicht im Sinken. 1999 und 2000 gab es noch einen Zuwachs an Vollzeitarbeitsverhältnissen, jetzt seit Jahren leichten Rückgang. Das Arbeitsvolumen ist nicht gestiegen, die Arbeitsstunden verteilen sich nur auf mehr Arbeitsplätze.

International falle Österreich, so Mahringer, derzeit beim Wirtschaftswachstum hinter den EU Schnitt zurück und die Arbeitslosigkeit stieg, von einem günstigen Niveau ausgehend, stärker als in den meisten anderen EU-Ländern. Als positives Beispiel führt Mahringer die Entwicklung in Skandinavien an: "Die skandinavischen Länder sind führend und beispielhaft bei Forschungsaktivitäten, Ausbildung, Qualifikation, beruflicher Weiterbildung. Es gab Versuche, bei Jugendlichen, Frauen und Älteren eine große Erwerbstätigkeit zu erreichen, dabei wurde unter anderem die Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen forciert und die Arbeitsplätze altersgerechter gestaltet."

Mahringer empfiehlt im Hinblick auf die Arbeitsmarktpolitik, nicht auf kurzfristige Eingriffe, sondern auf Maßnahmen mit langfristiger Wirksamkeit zu setzen: "Investieren in Humankapital ist ein wichtiger Standortfaktor, weil er nicht so leicht an einen anderen Ort verlegt werden kann. In österreichischen Regierungsprogrammen der letzten Jahre, egal welcher Couleur, steht Anhebung der Forschungsquote, Verbesserung der Qualifikation, finden sich Bekenntnisse zu lebenslangen Lernprozessen. Wenn man sich internationale Vergleiche anschaut, sieht man, dass Österreich hier nicht im Spitzenfeld zu finden ist. Verglichen mit den skandinavischen Ländern, aber auch mit den Niederlanden gibt es bei uns ein relativ bescheidenes Niveau an beruflicher Weiterbildung."

Was berufliche Weiterbildung betrifft, zeigen aktuelle internationale Vergleichswerte für Österreich seinen Rückstand hinsichtlich der Erfassung der Belegschaften und der aufgewendeten Mittel, befindet Mahringer: "Wir sind in unserem Bildungssystem sehr stark erstausbildungsdominiert, es wäre eine wichtige längerfristige Maßnahme, das Ausbildungsniveau up to date zu halten. Ältere Beschäftigte verlassen bei uns derzeit oft frühzeitig das Arbeitsleben. Dabei gäbe es Möglichkeiten, die Beschäftigungsbedingungen für ältere Menschen zu verbessern." In etlichen Berufen existieren kaum Vorkehrungen, um Menschen in Beschäftigung zu halten. Das gilt besonders für die Baubranche, das Gastgewerbe und bestimmte Bereiche der Sachgütererzeugung. Die Bauwirtschaft ist zudem seit 2001 besonders von Beschäftigungsabbau betroffen, im Jahr 2002 wurden wesentlich breitere Kreise der Wirtschaft von der Konjunkturflaute und der Ausgabenzurückhaltung der öffentlichen Hand erfasst, die sich in Personalabbau auch im Handel, in der Nachrichtenübermittlung und im öffentlichen Bereich (Post) niederschlugen. Praktisch alle Berufsgruppen und Qualifikationsbereiche sind in der Folge von der steigenden Arbeitslosigkeit betroffen, die meisten Chancen bietet noch eine höhere Spezialisierung im technischen, naturwissenschaftlichen Bereich.

Weniger Qualifikation, weniger Chancen

Eines ist für Helmut Mahringer völlig klar: "Mit geringer Qualifikation hat man deutlich schlechtere Chancen. Von den Arbeitslosen haben 45 Prozent nur einen Pflichtschulabschluss, von den Beschäftigten 20Prozent. International gesehen ist die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich relativ gering. Die duale Ausbildung hilft uns, sie erleichtert den Einstieg in den Beruf." Nicht mehr selten ist aber auch der Fall, dass eine Ausbildung abgeschlossen, aber kein Job in Sicht ist: "Das sind Arbeitslose, die aber kein Arbeitslosengeld kriegen, oft noch von den Eltern leben, sich Gelegenheitsjobs suchen und eine weitere Ausbildung machen."

Insgesamt, so Mahringer, wird die Dauer von Arbeitsverhältnissen kürzer. Es gibt einen Trend zu instabileren Erwerbskarrieren, die immer wieder auch in die Arbeitslosigkeit führen. Natürlich schlägt sich Arbeitslosigkeit auch im Budget nieder. Sie kostet Geld, Steuereinnahmen fallen weg. Rezepte, um die Arbeitslosigkeit zu senken, sind gefragt. Für Mahringer ist die wichtigste Voraussetzung, "dass man ein gewisses Wirtschaftswachstum erreichen kann. Eine echte Reduktion der Arbeitslosigkeit ist in einer schwierigen Wirtschaftsphase kaum möglich. Für Betroffene ist es notwendig, möglichst die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und zu steigern. Je länger man aus dem Beschäftigungsleben ausgegrenzt ist, umso schwerer kommt man wieder hinein."