Zum Hauptinhalt springen

In jeder Großbank hockt ein Elsner

Von Engelbert Washietl

Kommentare
Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Gemessen an der Welt-Finanzkrise schrumpft dieBawag-Affäre zur Täuschelei beim Bauernschnapsen zusammen. Das Ausland gönnt uns nicht einmal den Skandalvorsprung. | Bawag-Affäre zur Täuschelei beim Bauernschnapsen zusammen. Das Ausland gönnt uns nicht einmal den Skandalvorsprung. | Was ist das für eine schäbige Zeit! Nichts hat Bestand, vor allem nicht, womit man sicher rechnet. Da brach doch 2005 der Bawag-Skandal in seiner kosmischen Wucht aus, und erst dieser Tage hat der Staatsanwalt die damals gültige Schadenssumme, für die sich Hauptangeklagter Helmut Elsner verteidigen muss, von 1,4 auf 2,5 Milliarden Euro erhöht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Im Rausch unserer antrainierten Empörung über die Bawag-Versenkung, die Streikfonds-Lüge des ÖGB und dessen Hochverrat an seinen Mitgliedern ist die Reaktion wie eingelernt: Das gibt´s ja in der ganzen Welt nicht, hat es noch niemals gegeben. 2,5 Milliarden Euro Schaden!

Aber wie schon gesagt: Das "niemals nie" war noch nie so relativ wie in unserer Zeit, in der wahrscheinlich auch der Golfstrom bald zu sieden beginnen wird. Der Bawag-Prozess ist noch nicht einmal vorbei, und die Richterin hat alle Hände voll damit zu tun, den Hauptangeklagten zu standesethischen Wutausbrüchen zu provozieren und anschließend zu beruhigen - da fällt die internationale Bankenwelt regelrecht über Österreich her. Elsner who? Ist das vielleicht der Hinterhof-Ganove von der Tuchlauben, der es auf lächerliche 2,5 Milliarden gebracht hat? Ein Lercherl, dem wir freilich die rituelle Unschuldsvermutung nicht verweigern wollen.

Frankreichs Societé Generale verdoppelt doch glatt die Spielsumme auf 4,9 Milliarden Euro. Das schafft dort ein Mitarbeiter solo. Er muss weder Generaldirektor sein, noch das Spekulationsgeld beim Sohn eines früheren Generaldirektors rückversichern.

Danach kommen plötzlich alle anderen und legen drauf, in der Bankenwelt geht es zu wie in einem Stoß-Beisel in der Novaragasse: Die Schweizer UBS braucht 21 Milliarden Euro Kapitalzufuhr, die deutsche IKB verschlingt 8 Milliarden, die britische Northern Rocks 70 Milliarden, worauf sie gleich einmal verstaatlicht wird. Und was die Amerikaner anrichten, ist ohne Großrechner nicht mehr darstellbar. Was kostet Präsident George W. Bushs Konjunktur-Rettungsprogramm? 104 Milliarden. Wie hoch war die Staatsgarantie, die Österreich für die Bawag leistete? 900 Millionen - Kleingeld für den Klingelbeutel, das übrigens nie eingeworfen wurde.

Wir Österreicher bleiben auf einem Elsner sitzen, der schon vor der Verurteilung aus dem Rekordbuch der Bankjongleure in die Chronik der Polizeiwachstelle Wien Innere Stadt abrutscht, zwischen die Süchtler vom Karlsplatz und die Langfinger in U-Bahn-Stationen.

Aber andererseits: Wir waren wieder einmal die ersten, zeitlich betrachtet. Was die anderen treiben, ist peinliche Imitation. Dieses System durchschaute schon Grillparzer. Die 2,5 Elsner-Milliarden haben irgendwie doch Charakter, oder? Wenn ein Penthausbesitzer für einen anderen das ÖGB-Vermögen verpfändet, ist das die noble Art. Aber so wie sich das Übel in seiner ganzen Niedrigkeit unter den notigen Häuselbauern im US-Mittelwesten und in zweifelhaften Finanzinstituten wie Merrill Lynch und Barclays Bank ausbreitet, das ist ja fast so, als wäre aus einem geheimen österreichischen Gentechnik-Labor die gefährliche Kukuruz-Sorte "Elsner" ausgebrochen und nicht rückrufbar.

So gesehen könnte der um sicht greifende Elsnerismus noch dramatisch werden. Das war schon öfter so, wenn etwas seinen Ausgang in Österreich nahm.