Zum Hauptinhalt springen

In mehr als einem Land daheim

Von Stefan Beig

Politik

Zuwanderer identifizieren sich stärker mit ihrer Region als mit der Nation.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Wo bin ich zu Hause? Zuwanderer der zweiten Generation fühlen sich oft Österreich zugehörig. Allerdings: Die zweite Generation in der Schweiz und ganz besonders in Deutschland identifiziert sich noch deutlich stärker mit ihrem neuen Heimatland. Das ist nur eines der vielen beachtlichen Ergebnisse, zu dem die Studie "The Integration of the European Second Generation" - kurz: Ties - kommt. Ties befasste sich als erstes Forschungsprojekt länderübergreifend mit der Lage der zweiten Zuwanderergeneration in Europa. 10.000 Personen in acht europäischen Staaten und 15 Städten wurden befragt. Die türkische, ex-jugoslawische und die in Österreich deutlich kleinere marokkanische Community lagen im Fokus.

Unterschiede zeigen sich sowohl zwischen den Communities als auch zwischen den Ländern. Die zweite Generation der Exjugoslawen fühlt sich großteils Österreich zugehörig. 57 Prozent gaben an, sich stark oder sehr stark mit Österreich zu identifizieren (siehe Grafik). Deutlich geringer ist das Zugehörigkeitsempfinden bei türkeistämmigen Österreichern mit 26 Prozent in Vorarlberg, beziehungsweise 32 Prozent in Wien und Linz. Die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund betrachtet sich zu 74 Prozent als Teil Österreichs.

Auch in Deutschland und der Schweiz ist das Zugehörigkeitsempfinden bei der ex-jugoslawischen Community stärker ausgeprägt als bei der türkischen, der Unterschied ist jedoch nicht so stark wie in Österreich. Gleichzeitig ist in beiden Ländern die nationale Identifikation bei Zuwanderern meist um einiges stärker als in Österreich. 46 Prozent der türkeistämmigen Schweizer sehen sich als Teil der Schweiz, 49 Prozent der Deutsch-Türken empfinden sich als Deutsche. Nur bei ex-jugoslawischen Zuwanderern in der Schweiz ist die nationale Identifikation mit 53 Prozent etwas geringer als in Österreich.

"Wie leicht es einer Zuwanderergruppe fällt, sich mit einer Nation zu identifizieren, hängt nicht nur von der jeweiligen Herkunft, sondern auch von den Rahmenbedingungen ab, die sie vorfindet", meint Simon Burtscher-Mathis, Fachreferent für Bildung und Integration von der Projektstelle "okay. zusammen leben" in Vorarlberg. Warum Migranten die Identifikation mit Österreich anscheinend schwerer fällt, kann die Ties-Studie nicht beantworten. "Hier kann man nur spekulieren", meint Burtscher-Mathis. Eine Möglichkeit sei der Wert der Staatsbürgerschaft. Man müsse ermitteln, ob bei den befragten Personen der Anteil jener mit österreichischer Staatsbürgerschaft gleich hoch ist wie in Deutschland oder der Schweiz. "Die politische Stimmung hat sicher auch Einfluss", vermutet der Soziologe.

Weniger willkommen?

Dass fremdenfeindliche Emotionen in der Aufnahmegesellschaft eine Rolle spielen, glaubt auch der Soziologe Kenan Güngör: "Es geht um das Klima. Wie fühlen sich Leute aufgenommen?" Die Politik in Deutschland verwende eine inklusivere Sprache. Der Trend gehe in die Richtung: "Wir gehören zusammen und reden jetzt gemeinsam über alle Probleme." Die "identitäre Ablehnung" sei nicht so hoch. Güngör macht jedoch noch auf etwas anderes aufmerksam: "In Österreich sind die Bundesländer viel älter als der Staat." Deshalb spiele die nationale Identität eine geringere Rolle als etwa in Deutschland.

Tatsächlich ist das Zugehörigkeitsgefühl der Zuwanderer zur jeweiligen Region stärker ausgeprägt als das zu Österreich. "Die konkrete Lebenswelt bietet anscheinend mehr Anknüpfungspunkte für eine schnellere Entwicklung positiver Zugehörigkeitsgefühle als die nationale Ebene", heißt es in einer Studie von Burtscher-Mathis und Okay-Geschäftsführerin Eva Grabherr.

Damit liegt Österreich im internationalen Trend. Ex-Jugoslawen der zweiten Generation sehen sich in etwa gleich stark als Berliner, Züricher, Vorarlberger oder Wiener. Höher ist die regionale Identifikation auch bei der zweiten Generation der Türken. Dennoch: Bei Berlin oder Zürich ist sie noch immer deutlich höher als in Vorarlberg oder Wien.

Die meisten Befragten der Ties-Studie entwickelten in allen Ländern "Mehrfachidentitäten": Sie fühlen sich sowohl dem Herkunftsland ihrer Eltern zugehörig als auch ihrer neuen Heimat. Je relevanter dabei für sie die ethnische Herkunft der Eltern ist, desto mehr identifizierten sie sich mit der jeweiligen Stadt oder Region, und auch mit Europa. Offensichtlich ist es leichter, die Herkunftsidentität mit der europäischen beziehungsweise regionalen Identität unter einen Hut zu bringen.

Arbeitsmarkt, Bildung, Nachbarschaft und Beziehungsnetzwerk waren einige andere Felder, die das Ties-Projekt untersuchte. Auch hier zeigten sich je nach Land starke Unterschiede. Beispielsweise schneiden Türken der zweiten Generation in Schweden und Frankreich im Schulsystem viel besser ab als in Österreich. "In Österreich ist der Eintritt in das Schulsystem besonders spät, die Differenzierung (in Hauptschule und AHS, Anm.) sehr früh und die Lernzeit außerhalb der Schule ungewöhnlich hoch", betont Simon Burtscher-Mathis. Das sei in Schweden mit einem Ganztagsschulsysten und Frankreich mit einem teilweisen Ganztagsschulsystem eben anders. "In Österreich ist der Einfluss des Bildungshintergrunds der Eltern daher besonders groß", schließt der Soziologe.

Das Ties-Projekt wird vor allem durch eine Förderung der Volkswagen Stiftung ermöglicht. In mehreren Ländern gibt es wissenschaftliche Partnerorganisationen. Rund 30 Wissenschafter sind zurzeit daran beteiligt. Simon Burtscher-Mathis hält die Ties-Studie für "absolut ergiebig". Erstmals würde die Rolle des jeweiligen Integrationskontextes empirisch belegt.