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In Russland wird der Wodka knapp

Von WZ-Korrespondent Christian Weisflog

Wirtschaft

Regierung wollte Fälschungen mit Reform eindämmen. | Alkoholbranche droht der Kollaps. | Moskau. "Die Regierung sollte man mit Eiern bewerfen, schreiben Sie das so", wettert der Ladenbesitzer Stepan, der seinen Familiennamen nicht nennen will. Die Alkoholmarktreform der russischen Regierung sei ein totales Fiasko. Sein kleiner "Produkty" am Kiewer Bahnhof in Moskau macht 40 Prozent des Umsatzes mit dem Verkauf von alkoholischen Getränken, in erster Linie gebrannte Wasser.


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Wie in ganz Russland stehen die Kunden auch in Stepans Geschäft seit dem 1. Juli vor praktisch leer gefegten Spirituosen- und Weinregalen. Nur in einzelnen Fächern steht ein kleines Angebot russischen Wodkas, der bereits mit den neuen Strichcode-Etiketten versehen wurde. Wein fehlt ebenso wie andere Importwaren.

Schuld am Desaster ist ein neues Gesetz zur Regulierung des Alkoholsektors, mit dem die Regierung den Schwarzmarkt bekämpfen und somit das eigene Steuereinkommen erhöhen wollte. Durch die Einführung von Steuermarken mit Strichcode und einem vom Geheimdienst FSB entwickelten einheitlichen elektronischen Informationssystem (EGAIS) sollte ab 1. Juli der Weg jeder einzelnen Flasche von der Fabrik über Händler und Verkäufer bis zum Konsumenten auf Schritt und Tritt verfolgt werden können.

Doch die neuen Steuermarken gingen zu spät in den Druck. Der Großteil der Marktteilnehmer ist immer noch nicht an das Informationssystem angeschlossen, und die Software dazu funktioniert nicht zuverlässig. Bis vergangene Woche wurde die ganze Information in Moskau nur von einem einzigen Server verwaltet.

Keine Verschiebung

Hersteller, Händler und Importeure sind erzürnt. "Wir sagen, das System funktioniert nicht; Sie sagen, wir würden es falsch handhaben", so einer ihrer Vertreter. Pawel Kusnjezow, Pressesprecher des russischen Finanzministeriums, macht seinerseits die Großhändler für das Chaos verantwortlich. "Sie haben bis zum letzten Moment gewartet und begannen einer Lawine gleich, sich erst im Juni ans Informationssystem anzuschliessen."

Trotz zahlreicher Warnungen hatte sich die Regierung geweigert, die "Alkoholreform" zu verschieben. Auch in der aktuellen Krise denkt sie nicht an einen zwischenzeitlichen Abbruch. Pünktlich zum 1. Juli verloren die alten Steuermarken ihre Gültigkeit. Was die Geschäfte bis dahin zu Schleuderpreisen nicht loswerden konnten, mussten sie an die Großhändler zurückschicken. Im Gegenzug dafür erhielten die Läden weder Geld noch Nachschub.

Lange Durststrecke

Mit einer Verbesserung der Lage rechnet die Supermarkt-Kette "Ramstore" nicht vor September, schreibt die "Moskauer Deutsche Zeitung". Und auch Stepan stellt sich auf eine Monate lange Durststrecke ein und wittert gar eine Verschwörung: " Damit wollen die Bürokraten, die Aktien bei den großen Ketten haben, die kleinen Geschäfte kaputt machen."

Für den mittelständischen Detailhandel ist die Reform in diesem Jahr bereits der zweite harte Schlag. Der russische Gesetzgeber hat Ende März den Import der hierzulande beliebten Weine aus Georgien und Moldawien (60 Prozent der Gesamteinfuhr) verboten, weil darin angeblich Pestizidrückstände gefunden wurden.

Die unnötig drastische Maßnahme eines generellen Importstopps lässt allerdings eher politische Motive vermuten. Russland streitet mit den beiden betroffenen Weinproduzenten um die abtrünnigen Regionen Transnistrien, Abchasien und Südossetien. "Ich habe immer noch einen großen Restposten von diesen Weinen, den ich nicht loswerden kann. Soll ich etwa darin baden?", fragt Stepan wütend.

"Nur 20 Prozent der Marktteilnehmer werden diese Krise überstehen", meint der Vorsitzende eines Herstellerverbandes, Pjotr Kanygin, im "Kommersant" und fügt an: "Die Preise werden sich verdoppeln und die Geschäfte ihre Regale mit Fälschungen füllen." Optimistischer blickt der georgische Ladenbesitzer Nuksar Karaia in die Zukunft. "Die Reform ist richtig", sagt Karaia. "Wenn das System funktioniert, wird sich die Qualität des Wodkas verbessern und die Leute kaufen mehr davon."

Von der Idee hinter der Reform ist eigentlich auch Stepan überzeugt. Der Unternehmer glaubt, dass ihn die Polizei weniger gängeln wird, weil im Informationssystem alles genau dokumentiert ist. Allerdings rechnet er eher damit, dass in Russland ein weiteres Mal eine an sich großartige Idee an der Umsetzung scheitert.