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"In unserem Land geht es ums Überleben"

Von Daniela Schroeder

Wirtschaft

Von einer Energiewende ist im Kosovo nichts zu spüren: Man setzt weiter auf Braunkohle.


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Prishtina. Als die Abenddämmerung anbricht, beginnt das Kraftwerk zu glitzern und zu funkeln, bunte Lichter blinken in der Dunkelheit, Scheinwerfer tauchen den Koloss in eine helle Hülle. "Toll, oder?", fragt Dennis Mustafa, schaut und schweigt. Plötzlich lacht er. "In der Nacht ist das Kraftwerk kein Kraftwerk", sagt er und grinst. "Nachts ist es unser Eiffelturm. Wenn es dunkel ist, sieht das Ding so schön aus, dass du den Dreck hier ganz vergisst."

Für ein Eiffelturm-Gefühl braucht es viel Phantasie, denn Dreck gibt es reichlich in Plemetina, eine Siedlung aus Häuschen und Hütten am Rande von Obilic, eine Kleinstadt zehn Kilometer nordwestlich von Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo. Der Abendhimmel ist sternenklar, doch die Luft voll Staub. Am nächsten Morgen knallblauer Himmel und strahlende Sonne, aber Plemetina liegt im Dunst wie eine Großstadt voller Autos. In der Wäsche, die Mustafas Mutter vor dem Frühstück auf die Leine hängt, sitzt kurz nach dem Frühstück ein Grauschleier; die Salatköpfe und Tomatenpflanzen im Vorgarten tragen eine dicke bräunliche Staubschicht.

Rund um die Uhr quellen dichte Rauchwolken aus den Schornsteinen des Braunkohlekraftwerks, "Kosova B" genannt, nur gut einen Kilometer von Plemetina entfernt. Fünf Minuten Autofahrt Richtung Pristina steht das zweite Kohlekraftwerk des Landes, "Kosova A". Jahrzehntelang deckten die beiden Meiler fast den kompletten Energieverbrauch, mittlerweile sind sie so marode, dass der Kosovo je nach Wetter bis zu 40 Prozent Strom aus dem benachbarten Albanien zukaufen muss. Stromausfälle sind nicht die Ausnahme, sie sind der Alltag. "Wir leben neben den Kraftwerken und trotzdem haben wir manchmal nur drei Stunden Strom am Tag", erzählt Mustafa. In der kalten Jahreszeit heizen die Kosovaren mit Holz, auch Pristina riecht im Winter nur nach Lagerfeuer.

Hohe Krebsrate

Beide Kraftwerke stammen noch aus den Zeiten des alten Jugoslawien: B wurde in den 1980ern gebaut, A ging bereits in den 60ern in Betrieb. Zwei Energie-Dinosaurier, deren Zeit längst abgelaufen ist. Längst abgelaufen sein sollte. Schon vor Jahren bezeichnete die Weltbank Kosova A als die "größte punktuelle Quelle für Umweltverschmutzung in Europa" - die schlimmste Dreckschleuder auf dem Kontinent. Denn die beiden Kraftwerke verbrennen einen Typ Braunkohle, der wenig Energie enthält und daher in großen Mengen verheizt werden muss. Entsprechend hoch sind die Treibhausgas-Werte: Kosovo - knapp 1,9 Millionen Einwohner auf einer Fläche halb so groß wie Rheinland-Pfalz - gilt als die am stärksten belastete Region Europas.

Die Menschen im Kosovo leiden seit Jahrzehnten unter ihrem Energiesektor. Doch ihre Politiker und deren internationale Partner setzen auch beim künftigen Kurs auf die alte Energiequelle. Zusammen mit der US-Regierung und der Weltbank plant Prishtina den Bau eines neuen Kohlekraftwerks. Gleichzeitig will die deutsche Kanzlerin das alte Kraftwerk durch ein deutsches Unternehmen sanieren lassen.

Der endgültige Entscheid steht noch aus. Doch fest steht schon jetzt: Die dreckige Braunkohle von gestern ist im jüngsten Balkanstaat auch der wichtigste Energieträger von morgen. Denn das arme Kosovo ist zugleich reich. Im Boden des Landes schlummern riesige Vorräte Braunkohle, sie gelten als eines der größten Vorkommen der Welt. Mehr als zwölf Milliarden Tonnen sollen es sein - damit könnte sich der Kosovo über Jahrhunderte mit Energie versorgen.

"Die Zukunft ist braun" - mit diesem Motto ist der jüngste Balkanstaat allerdings kein Einzelfall. Auch Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und Montenegro investieren massiv in ihre Kohleindustrien. Fast die Hälfte der künftigen Energieproduktion auf dem Balkan soll aus Kohlekraft kommen. Während die wichtigsten Industrienationen offiziell eine kohlenstoffarme Weltwirtschaft schaffen wollen, um die schlimmsten Folgen des globalen Klimawandels zu verhindern, gehen Regierungen in Südosteuropa genau in die andere Richtung und legen sich für die kommenden Jahrzehnte auf den schmutzigsten Energieträger fest.

Dabei sind die Probleme mit der Kohle massiv. Das Schlimmste sind die Gesundheitsschäden. Braunkohle setzt beim Verbrennen etliche giftige Schwermetalle frei, darunter Quecksilber, Blei, Cadmium, Nickel und Arsen, dazu kommen Feinstaub-Emissionen, außerdem enthält die Kohle radioaktives Material wie Uran. In Plemetina, wo Dennis Mustafa, 18, mit Eltern, zwei Schwestern und einer Oma wohnt, sterben die Menschen mittlerweile bevor sie 60 sind, in fast jeder Familie ist jemand an Krebs erkrankt.

Eine offizielle Gesundheitsstatistik existiert im Kosovo bisher nicht, die Behörden haben gerade erst begonnen, Daten zusammenzutragen. Doch lokale Mediziner sammeln längst eigene Zahlen. Ein Drittel der schwer erkrankten Patienten im Gesundheitszentrum von Obilic wohnt in der Nähe der Kraftwerke; der Leiter des lokalen Instituts für Arbeitsmedizin berichtet, dass die Arbeiter der Kohlemine im Durchschnitt nur 50 Jahre alt werden. "Unsere Krebstoten sind immer jünger", bestätigt die Ärztin Rukije Mehmeti, seit 30 Jahren arbeitet sie im Universitätsklinikum Pristina.

Neues Kohlekraftwerk

Kranke Bürger, die früh sterben - das belastet auch den Staat. Der Weltbank zufolge kosten die mit der Kohle verbundenen Gesundheitsschäden das Kosovo knapp 160 Millionen Euro pro Jahr - fast vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Lässt sich beweisen, dass die Kohle den Krebs verursacht? Die Ärztin Mehmeti schüttelt den Kopf, sie blättert in einer dicken Mappe, darin abgeheftet die Todesfälle vieler Jahre. Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Herzinfarkte. "Ob ich rauche oder nicht", sagt Mehmeti, "das entscheide ich selbst. Aber ich kann nicht darüber entscheiden, ob in meiner Nachbarschaft ein Kohlekraftwerk steht."

Lebensgefährlich sind die Kraftwerke nicht nur durch das, was sie tagtäglich in die Luft blasen. Auch die Arbeit in den Anlagen ist hochriskant. Im Juni 2014 kam es im älteren Werk zu einer Explosion, drei Arbeiter starben, etliche wurden verletzt. Doch was von "Kosova A" noch funktionierte, das blieb in Betrieb. Spätestens Ende 2017, so sieht es ein Abkommen mit der EU vor, legt die Regierung das Werk still. Den Energiebedarf des Landes soll dann ein neues, emissionsärmeres Kohlekraftwerk decken. Seit Jahren machen sich die USA - seit Washingtons Hilfe im Kosovo-Krieg und beim Staatsgründen der engste Partner Pristinas - für einen Kraftwerksneubau stark. Ein amerikanisches Unternehmen will das Großprojekt stemmen, die geschätzten Kosten liegen bei 1,4 Milliarden Euro, die Weltbank steht mit millionenschweren Kreditausfallgarantien bereit.

"Ausnahmefall" Kosovo

Die Weltbank, eigentlich keine Bank, sondern eine Organisation der Vereinten Nationen, ist der größte Finanzier und Entscheider von Entwicklungsprojekten. Ihre Aufgabe ist der Kampf gegen Armut, ihre Kredite sollen wirtschaftlich schwachen Ländern helfen sich nachhaltig zu entwickeln. Der Fall Kosovo stellt die Weltbank-Entscheider vor ein Problem: Einerseits müssen sie das Land dabei unterstützen, wirtschaftlich auf die Füsse zu kommen, die Basis dafür ist eine sichere Energieversorgung. Andererseits will die Weltbank keine Kohleprojekte mehr finanzieren. Auch ihr größter Anteilseigner, die US-Regierung, hat sich auf ein Nein zu Kohle festgelegt.

"Der Entscheid für ein neues Kohlekraftwerk ist ein Minimalkonsens, von allen schlechten Optionen ist es die beste", sagt Jan-Peter Olters. Seit Jahren leitet Olters das Kosovo-Büro der Weltbank, von seinem Schreibtisch aus blickt er auf die Strasse zwischen Pristina und Kosovos internationalem Flughafen, dahinter Wiesen, Felder, Wald. Sein Arbeitgeber hat sich beim Finanzieren von Energieprojekten eine Hintertür offen gelassen. In den "größten Ausnahmefällen", so die offizielle Ansage der Weltbank, sei Kohle weiterhin okay. Kosovo fällt nach Ansicht der Bank in diese Kategorie: zu arm, um sich einen neuen, umweltfreundlichen Energiesektor aufzubauen. "Machbar ist sicherlich vieles", sagt Olters. "Strom wird dann nur derartig teuer, dass ihn kaum ein Kosovare bezahlen kann."

Eine von der Weltbank selbst in Auftrag gegebene Studie besagt jedoch genau das Gegenteil: Mit einem Umstieg auf erneuerbare Energien plus besserer Energieeffizienz würde Kosovo bis zu 50 Prozent dessen sparen, was das Festhalten am Kohlesektor kostet, heißt es in der Analyse der kalifornischen Berkeley-Universität.

Umstieg nur auf dem Papier

Zudem biete der grüne Energiesektor 60 Prozent mehr Arbeitsplätze als die Kohlebranche. Auch Experten der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) bewerten Erneuerbare als "Chance der wirtschaftlichen Entwicklung im Kosovo". Vor allem im Bereich Windenergie stecke beachtliches Potenzial für die Privatwirtschaft, so die GIZ, mit dem Aufbau einer Windbranche könne das kleine Land sogar zum Erneuerbaren-Vorreiter auf dem Balkan werden.

Doch die Regierung in Pristina konzentriert sich auf die traditionelle Energiequelle. "Natürlich wollen wir auch etwas für die Umwelt tun", sagt Luan Morina, Leiter der Energieabteilung im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung. "Aber der Umstieg auf Erneuerbare ist teuer und Kosovo ist nicht auf einem ökonomischen Level, das eine Energiewende erlaubt. Wir haben gar keine andere Wahl als die Kohle."

Visar Azemi von der Nichtregierungsorganisation Kosid sagt, die Regierung verfolge keine Erneuerbaren-Strategie, "weil sie grüne Energien nicht ernst nimmt". Für die kosovarische Wirtschaftswissenschafterin Venera Demukaj hat dieses Denken zwei Gründe: Kohle war die zentrale Energiequelle während der Zeit Jugoslawiens, und auch heute noch seien die Kosovaren stolz auf ihre Bodenschätze. "Um einen Weg der grünen Energien einzuschlagen, braucht es fähige Regierungsinstitutionen und Politiker mit Weitblick, die an das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung glauben", sagt Demukaj. Das aber fehle Kosovo nach wie vor. "Auf dem Papier legt sich die Regierung zwar auf Ziele für Erneuerbare fest", so Demukaj. "Unternommen hat sie bisher jedoch nichts."

Grüne spielen keine Rolle

Gegenüber der Europäischen Union hat sich Beitritts-Aspirant Kosovo dazu verpflichtet, höhere Umweltstandards einzuführen. Dazu gehört ein Herunterschrauben der CO2-Emissionen, eine bessere Energieeffizienz und vor allem das Nutzen erneuerbarer Energien - 2020 sollen sie 25 Prozent ausmachen. Mit einem neuen Kohlekraftwerk wären diese Ziele nicht zu erfüllen, urteilen die Energieexperten der Berkeley-Universität.

Sami Kurteshi war bis vor kurzem Ombudsmann des Kosovo und damit Repräsentant der Interessen der kosovarischen Bürger. Das Festhalten an der Kohle sei politischer Konsens im Kosovo, sagt er, die grüne Partei spiele in dem Balkanland keine Rolle, der Widerstand von Bürgern sei sehr schwach. Beschwerden über schmutziges Wasser, schlechte Luft, verseuchte Böden, massive Gesundheitsprobleme habe er in seiner Amtszeit selten auf den Tisch bekommen. "Die Menschen warten seit Jahrzehnten auf sichere und bezahlbare Energie", sagt Kurteshi. Wer arm ist - und das sind die meisten Kosovaren -, für den zähle, was in die eigene Tasche kommt, nicht wie es dahin kommt. "In einem Land wie dem Kosovo geht es darum, heute zu überleben", sagt Kurteshi, "nicht um die Zukunft."

Die Recherche wurde durch ein Stipendium von Journalismfund.eu ermöglicht.