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??????! in Wien

Von Uschi Schleich

Reflexionen

Wo gibt es die besten Krautrouladen der Stadt? Wo die hübschesten Matrjoschkapuppen? Und wo muss der Wodka auf mindestens 18 Grad unter Null heruntergekühlt werden? Ein Streifzug durch das russische Wien.


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??????! Priwjét! Das bedeutet so viel wie Hallo! auf Russisch. Ein freundschaftlicher Gruß unter Russen und auch in jedem Russisch-Kurs. Wer in Wien Russisch lernt, hat gute Chancen, nicht nur auf dem Trockendock sitzen zu bleiben, sondern die Sprache auch gleich vor Ort anzuwenden - auf hoher See sozusagen. Denn die russische Community ist groß. Wie groß, das ist eine Frage, die in Wien niemand richtig beantworten kann. Von 5.000 bis 50.000 reichen da die Antworten. "Das weiß niemand. Aber es sind viele", sagt Irina Moutchkina, Chefredakteurin des Neuen Wiener Journals. Nein, nicht das Wiener Journal der Wiener Zeitung ist hier gemeint, sondern das Nowyi Wenskij Journal - ein russischsprachiges Monatsmagazin für russischsprachige Menschen in Wien. Irina Moutchkina lebt schon seit 21 Jahren in Wien. In ihrem Servicebüro in der Singerstraße im ersten Bezirk bietet sie Russen Hilfe in verschiedensten Bereichen an. Sie weiß, wo es in Wien russische Geschäfte gibt, in welchen Restaurants russisch gekocht wird, welche Ärzte hier russisch sprechen, welche Bibliotheken russische Literatur anbieten und sie kennt russische Schulen in Wien ebenso wie russisch geführte Kosmetikstudios.

???????. Balschoi. Groß. Das russische Wien ist gar nicht so klein, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Bleiben wir im ersten Bezirk und gehen wir ins Berioska. Das Berioska ist ein kleines feines russisches Spezialitätengeschäft in der Marc-Aurel-Straße. Schlicht wirkt es von außen - sehr schlicht sogar. Zugegeben, mit dem legendären Delikatessenladen Jelissejew in der Moskauer Twerskaja kann das Berioska nicht mithalten. Aber das kann Julius Meinl am Graben auch nicht. Zumindest was das Ambiente betrifft. Dafür ist das Berioska sehr authentisch. Wer schon mal in Moskau war und sich eines der vielen kleinen unscheinbaren Geschäfte, die man hierzulande wohl als Greißler bezeichnen würde, von innen angesehen hat, wird sich, sobald er die Schwelle des Geschäfts in der Marc-Aurel-Straße Nr. 9 überschritten hat, für einen kurzen Augenblick tatsächlich nach Moskau versetzt fühlen.

????????????! Sdrasstwujti! Das ist ein üblicher Gruß unter Russen. Er ist nicht ganz so förmlich wie das klassische dóbry djen - Guten Tag! - aber auch nicht ganz so leger wie priwjét. Sdrasstwujti! grüßt also die Verkäuferin, wenn man das Berioska betritt. In der Vitrine liegen Schokoladetafeln mit dicken Kindergesichtern drauf, darüber stehen Körbchen gefüllt mit süßen in buntes Papier gewickelten Karamellbonbons. Die Regale an der Wand sind mit Gläsern vollgestellt, in denen sich verschiedene Arten von sauren Gurken und eingelegten Paprikaschoten befinden. Unübersehbar sind auch die vielen Matrjoschkas - jene berühmten Puppen aus Holz, in denen sich immer noch eine weitere kleinere Puppe verbirgt. Manche Matrjoschkas verbergen bis zu 15 Püppchen in sich. In anderen wiederum steckt sogar eine Wodkaflasche. Im Berioska wird auch Alkohol verkauft. Ein Dutzend verschiedene Wodkasorten, Krimsekt und jede Menge Wein aus Moldawien.

Olessia Zolotareva führt das Geschäft bereits seit zehn Jahren und kann sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Rund zehn Prozent aller Kunden sind Österreicher - der Rest sind russischsprachige Menschen, die in Wien leben, oder hier zu Besuch sind. Olessia Zolotareva stammt aus Samara im Südosten Russlands und lebt mittlerweile seit 17 Jahren in Wien. "Mein Traumziel war eigentlich Amerika. Aber dann bin ich in Österreich hängen geblieben", erzählt sie schmunzelnd. Leid tue ihr das nicht. "Wien ist eine sehr harmonische Stadt und ich fühle mich hier inzwischen sehr zu Hause." Im ersten Stock des Geschäfts befindet sich eine russischsprachige Bibliothek: Kinderbücher, klassische Literatur, Kochbücher, Fachbücher und auch Filme auf DVD und Video. An der Wand hängt das russische Alphabet und ein skurriles Bild von Lenin mitsamt roter Fahne.

?????. Wodka. Der bekannteste russische Wodka heißt Stolichnaja. Und ganz ähnlich heißt auch ein Restaruant in der Nähe vom Berioska am Fischhof Nr. 3. Es ist eines der wenigen russischen Restaurants in Wien, in denen originär russisch-georgische Küche gekocht wird. Im Stolichnyi kommt Dr. Schiwago-Atmosphäre auf - nicht nur weil das Gemälde an der Wand unweigerlich an Schiwago und seine Lara erinnert - auch die goldenen Lüster und die schweren roten Samtvorhänge erfüllen unsere Klischee-Vorstellung von Russland vollkommen. Was die Küche betrifft, gibt es in Wien kaum etwas besseres auf russisch zu bieten: Feine Zakuski, das sind jene kalten und warmen Vorspeisen, zu denen es sich trefflich eisgekühlten Wodka trinken lässt. Ja, richtig: zur Vorspeise und eiskalt. Denn Wodka wird in Russland nicht erst nach dem Essen getrunken - das gehört sich eigentlich nicht - sondern zum Essen. Und, was sich ebenso wenig gehört, ist, Wodka ungekühlt zu servieren. Minus 18 Grad Celsius sei die optimale Temperatur, behaupten Russen. Und die müssen es ja wissen. Eiskalt und dickflüssig wie Öl soll er aus der beschlagenen Flasche ins Glas und dann weiter in den Rachen fließen. Und gleich danach wird eines der Zakuski nachgegessen. Ein Hering im Mantel zum Beispiel: Geschichteter Salat mit Matjes, Erdäpfeln, roten Rüben und viel Mayonnaise. Einfach köstlich. Oder aber Pelmeni oder Wareniki, warme gefüllte Teigtaschen mit Fleisch, Erdäpfeln oder Käse. Unvergesslich sind im Stolichnyi die Krautrouladen. Und natürlich Eli Rafael, der freudestrahlend jedes Gericht serviert und ebenso den Wodka einschenkt.

C??????! Spassieba! Danke! Ein Wort, das man immer gebrauchen kann. Und sicher eines der ersten, das man auch im Russisch-Kurs lernt. Zum Beispiel im internationalen Intensivseminar des österreichischen Zentrums für russische Sprache und Kultur. Zwei Wochen lang treffen sich Russophile vom Anfänger bis zum Profi in einem Seminarhotel in Wien oder in Eisenstadt und lassen sich von Native-Speakern die russische Sprache beibringen. Jeden Tag acht Stunden lang. Das Programm ist umfassend: Schrift lesen und schreiben lernen, Grammatik vertiefen, Witze erzählen, Musiktexte übersetzen, russische Tänze lernen, Theater spielen. Spätestens nach zwei Tagen reden alle Russisch. Mehr oder weniger gut. Aber sie reden. Russisch zählt übrigens zu den fünf gefragtesten Fremdsprachen in Österreich. Allein an den Wiener Volkshochschulen werden dieses Semester insgesamt 120 Russischkurse aller Niveaus angeboten: Russisch für Anfänger und Fortgeschrittene, Intensivkurse, für den Urlaub, Kurse in russischer Wirtschaftssprache und sogar Russischkurse für Kinder. Russisch lernt es sich auch vortrefflich an der Uni Wien oder privat im Einzel- oder Kleingruppenunterricht, den Native-Speaker anbieten.

??????????. Paschálsta. Bitte. Fast noch wichtiger als Danke. Zumindest in Russland. Warum soll es unter Wiens Russen anders sein? Übrigens ein Geheimtipp aus dem Russisch-Kurs. Wenn gar nichts mehr geht und man das Gefühl hat, auf vollkommen taube Ohren zu stoßen - dieses Wörtchen ist im Russischen tatsächlich ein Zauberwort. Ein geheimnisvolles "Sesam öffne dich!". Paschalsta im richtigen Singsang, etwas weinerlich und fast flehend vorgetragen, hat schon so manchem aus der Patsche geholfen. Und in die kann man in Russland schneller geraten, als einem lieb ist. Aber wir sind ja in Wien. Im russischen Wien.

???????. Saftrak. Frühstück. Jeden letzten Sonntag im Monat um zehn Uhr findet in Lhotzkys Literaturbuffet ein russisches Frühstück statt. Die Buchhandlung im zweiten Bezirk Ecke Taborstraße, Rotensterngasse bietet mit dieser Veranstaltungsserie eine interessante Begegnung für all jene an, die aktuelle russische Themen diskutieren oder einfach Russischkonversation betreiben wollen. Die Treffen finden in ungezwungener Atmosphäre statt, Videoeinspielungen und russische Gäste sorgen für Lokalkolorit, zum Frühstück werden meist russische Schmankerl gereicht. Und wer schon mal ein richtig russisches Frühstück genießen durfte, weiß, dass hier eher die deftige Seite gemeint ist. Übrigens ist es diesen Sonntag wieder so weit: Thema ist der russische Tag der Vaterlandsverteidiger, der mittlerweile als Männertag gefeiert wird. Um Voranmeldung wird gebeten. Paschálsta.

???????????. Waskrissenje. Sonntag. Ein guter Tag, um die russisch-orthodoxe Kathedrale zum Heiligen Nikolaus im dritten Wiener Bezirk zu besuchen. Hier ist jeder willkommen, der in die Atmosphäre der orthodoxen Kirche eintauchen möchte. Und das gelingt am besten in einem der prächtigen orthodoxen Gottesdienste. Nicht nur wegen der unter die Haut gehenden Gesänge des russisch-orthodoxen Chors, sondern auch, weil sich das flackernde Licht der vielen schmalen Kerzen hundertfach im rötlichen Gold der Ikonen spiegelt.

????????. Krassnij. Rot. Rot wie die Rote Armee. Mit ihr verbindet die Wiener ja auch ein Stück Geschichte. Es war die Rote Armee, die Wien im April 1945 nach achttägigen Kämpfen befreite. Die Entwürfe für das Heldendenkmal, das an die Befreiung und den Tod von 17.000 Sowjetsoldaten erinnert, hatten die Russen übrigens bereits vor Schlachtbeginn fertig. Die Wiener Bevölkerung verbindet mit dem Bauwerk und seinem Hochstrahlbrunnen allerdings auch die Erinnerung an die sowjetische Besatzungszeit. "Das Denkmal des unbekannten Plünderers" nannte es der Volksmund bisweilen.

???????. Subbóta. Samstag. Genug gearbeitet. Für Karaokefans geht´s im ersten russischen Musikklub in Wien heiß her - im Balalaika hinterm Schwedenplatz an der Fischerstiege. Wer lieber wirklich guten groovigen Sound genießt, wird im Ost-Klub am Schwarzenbergplatz gleich neben dem Russendenkmal auf seine Kosten kommen. Laut Eigendefinition bildet der Ost-Klub eine einzigartige Plattform für Musik, Film, Kunst und Kulinarik, von Wien bis Wladiwostok. Mittlerweile ist der Ost-Klub längst kein Geheimtipp mehr. Die Location am Schwarzenbergplatz bietet fast jedes Wochenende Livekonzerte mit russischer Klezmermusik, Ostjazz, Balkan-Rock und allem, was das slawische Herz begehrt. ????! Paká! Servus und Baba!

Russisch Essen und Trinken

Bahur-Tov: 2. Taborstraße 19; www.bahur-tov.com

Feuervogel: 9. Alserbachstraße 21; Tel.: 01/317 53 91 www.feuervogel.at

Stolichnyi: 1. Fischhof 3; Tel.: 01/532-58-43 www.stolichnyi.at

Valeria: 8. Strozzigasse 40; Tel.: 0699/19584122

Wladimir: 6. Bürgerspitalgasse 22; Tel.: 01/5952524 www.wladimir.at

Russische Kunst & Kultur & Musik

Balalaika: 1. Fischerstiege 1-7; www.balalaika.at

Literaturbuffet: 2. Rotensterngasse 2, Ecke Taborstraße 28; Tel. 01/276 47 36 www.literaturbuffet.com

Ost-Klub: 4. Schwarzenbergplatz 10; www.ost-klub.at

Russische Orthodoxe Kirche: Kathedrale zum Heiligen Nikolaus, 3. Jauresgasse 2; www.nikolsobor.org

Russisch lernen

Österreichisches Zentrum für russisches Sprache und Kultur: 17. Hormayrgasse 52/1; Tel.: 01/22 89 469/312 www.russisch.or.at

Wiener Volkshochschulen: www.vhs.at

Universität Wien: www.univie.ac.at/sprachenzentrum

Russisch Einkaufen

Berioska: 1. Marc-Aurel-Straße 9; Tel: 01/ 712 40 95

Kirchengeschäft: in der russisch-orthodoxen Kirche, 3., Jauresgasse 2; Tel.: 01/713 82 50. www.nikolsobor.org

Russische Literatur

Buchhandlung Frick: 1. Schulerstraße 1-3

Literaturbuffet: 2. Rotensterngasse 2, Ecke Taborstraße 28; Tel. 01/276 47 36

Verlagshaus Pereprava: 19. Grinzinger Allee 3/8; Tel.: 01/328 67 70 www.pereprava.at

Sonstige Adressen

Russisches Kulturinstitut Wien: www.rki-wien.at

Österreichisch-Russische Freundschaftsgesellschaft: www.orfg.net

Russische Botschaft in Wien: www.rusemb.at

Russisches Zentrum in Wien und Neues Wiener Journal (nur auf Russisch): www.russianvienna.com