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Indisches Billigauto weicht Gewalt der Straße

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Wirtschaft

Westbengalen gehen 12.000 Jobs verloren. | Neuer Standort in Gujarat geplant. | Neu Delhi. Am Ende siegte eine ehemalige Dorfschullehrerin über Indiens mächtigen Tata-Konzern. Nach monatelanger gewaltsamer Agitation gegen sein Zukunftsprojekt Nano erklärte Tata-Chef Ratan Tata nun den Rückzug aus dem Produktionsstandort Singur in Westbengalen. Hier, etwa 50 Kilometer von Kalkutta entfernt, sollte bereits im Herbst das billigste Auto der Welt vom Band laufen.


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Nun soll der Autozwerg im westindischen Bundesstaat Gujarat vom Band rollen. Dafür werde auf einem 440 Hektar großen Areal nahe der Millionenmetropole Ahmedabad eine neue Fabrik gebaut, teilte Tata mit. Nach Angaben der Landesregierung von Gujarat befindet sich das Land bereits in staatlichem Besitz.

Beobachter befürchten jedoch, dass das Beispiel aus Singur auch anderswo Schule machen könnte. Lokalpolitiker könnten Proteste gegen Industrieansiedlungen schüren, um politische Gewinne einzufahren. Die Entscheidung Tatas fällt in eine Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs. Ausländische Investoren ziehen Gelder aus Indien ab. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich, und die restriktive Geldpolitik der Zentralbank zur Eindämmung der Inflation drückt auf die Industrieentwicklung.

Etwa 12.000 Jobs, so sagt die Regierung von Westbengalen, sind mit Tatas Abzug verloren gegangen. Das ist eine düstere Bilanz für eine Region, die um jeden Industrieauftrag kämpfen muss.

Das von den Kommunisten regierte Westbengalen konnte 2007 etwa 60 Mrd. Rupien an Investments gewinnen - nur ein Zehntel der Investitionen des Bundesstaates Gujarat, Spitzenreiter in Indien.

Bauern als Verlierer

Politische Konflikte um Industrieansiedlungen haben in jüngster Zeit zugenommen. Im September musste der indische Ableger von Dow Chemicals seinen Werksbau in Maharashtra einstellen. 2007 sah sich Reliance, eines der Top-Unternehmen Indiens, gewaltsamen Protesten gegen seine neuen Supermärkte ausgesetzt. Auch der südkoreanische Stahlhersteller Posco ist in Orissa und Goa in Streit um Land verwickelt.

Die größten Verlierer des Tata-Rückzugs sind die Bauern. Jene, die eine Entschädigung ausgeschlagen hatten, stehen vor dem Nichts. Ihr Land auf dem Tata-Gelände ist für den Anbau unbrauchbar, andere Jobs gibt es nicht. "Ganz Singur wird Brachland", prophezeite zuletzt der Wirtschaftsexperte Abhirup Sarkar.