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Industrie goes Klassenzimmer

Von Simon Rosner

Politik

Wiens Schüler sollen durch mehr Bezug zur Arbeitswelt besser werden.


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Wien. Nur ein paar Gassen weiter, und schon steht man vor Wiens edelstem Anwesen: Schloss Schönbrunn. Doch dort, wo die Neue Mittelschule Singrienergasse liegt, "im Herzen Meidlings", wie ihr Direktor Norbert Zeiner sagt, versprüht Wien weniger Noblesse. "Wir sind eine Durchschnittsschule in einem Arbeiterbezirk", sagt er. Es ist eine Schule mit den allseits bekannten Herausforderungen und Problemen. "Wir haben keine Mathematikgenies, sind keine Schule, mit der man reüssieren kann", sagt Zeiner. Oder konnte?

Seit diesem Herbst ist die Singrienergasse eine von fünf Schulen der Stadt, die als "Wiener Zukunftsschulen" Teil eines Projekts des Stadtschulrats mit der Industriellenvereinigung sind und dessen Ziel es ist, den Grad an Allgemeinbildung bei den Schülern und Schülerinnen zu verbessern. "Lesen, Schreiben, Rechnen sind keine No-Na-Sachen. Dachte ich zwar, so ist es aber nicht", sagt Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl. Laut Lesetest 2012 haben etwas mehr als 20 Prozent der Schüler der achten Schulstufe Schwierigkeiten mit dem sinnerfassenden Lesen, es sind sogenannte Risikoschüler.

Für die Betriebe sei diese Tatsache, etwa bei der Lehrlingsausbildung, zu einem wachsenden Problem geworden, wie der Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Wiens, Wolfgang Hesoun, erklärt: "Hier müssen teilweise die Aufgaben der Schule übernommen werden. Die Grundfertigkeiten haben nachgelassen."

Ein angehender Tischler, der Winkelberechnungen nicht beherrscht, oder eine Maschinentechnikerin, die eine Anleitung nicht richtig verstehen kann, werden es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. "Das Ziel sind daher null Risikoschüler, die auf dem Arbeitsmarkt keine Probleme haben", sagt Brandsteidl.

Das Projekt "Zukunftsschulen" ist nicht das erste und einzige, das sich die Verbesserung des Allgemeinwissens zum Ziel gesetzt hat. Aber es ist das erste in Kooperation mit der Industriellenvereinigung. "Klar, dass es da Skepsis gibt", sagt IV-Österreich-Präsident Georg Kapsch: "Was will die Wirtschaft da? Aber wir treten prinzipiell für Rahmenbedingungen ein", sagt Kapsch. In diesem Fall ist es eben im Bereich der Bildung.

Fortbildungen für Lehrer

In den fünf Schulen - neben der Singrienergasse sind das noch die KMS Josef-Enslein-Platz, die NMS Pachmayergasse, die NMS Eibengasse sowie die Polytechnische Schule in der Burggasse - sollen die Schüler "näher an die Realität" herangeführt werden, wie die Proponenten des Projekts bekunden. Einerseits erhält das Lehrpersonal Angebote zur Fortbildung durch die Industriellenvereinigung, andererseits sollen auch die Schüler, etwa durch Betriebsbesuche, mit der Arbeitswelt in Kontakt treten.

Näher an die Realität sollen Wiens Schulen rücken, wünschen sich Wiens Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl und Wolfgang Hesoun, Wiener Industriellenvereinigungschef.
© © PALAVRA PRESS - International Photo Service

In der Neue Mittelschule Singrienergasse passiert das bereits seit Jahren. "Aber früher war das Einzelkämpfertum, jetzt ist da ein Dach drüber", sagt Direktor Zeiner. Durch die Bereitstellung eines entsprechenden Angebots reduziert sich automatisch der Aufwand für die Schulen, derartige Möglichkeiten zu organisieren.

Im Stadtschulrat arbeitet man derzeit daran, eine Liste von Kooperationspartnern zu erstellen. "Konkret haben wir beispielsweise über den Besuch von Lehrwerkstätten bei Kapsch gesprochen", sagt Zeiner. Firmenchef Georg Kapsch, der seit Juni der Industriellenvereinigung präsidiert, ist Bildung stets ein "Kernthema" gewesen, wie er sagt.

Nicht ohne Ganztagsschule

Dass dieses Projekt allein nicht alle Probleme löst, ist den Beteiligten bewusst. "Das kann nicht alles ändern", sagt Zeiner. Brandsteidl hält deshalb auch Ganztagsschulen für essenziell: "Mit so wenig Schule wie jetzt kommt man heutzutage einfach nicht aus." Auch Kapsch hält eine Ganztageseinrichtung für dringend nötig, diese müsse jedoch schulischen Charakter haben und dürfe kein "Depot für berufstätige Eltern sein".

Von der betriebs- und volkswirtschaftlichen Kompetenz der Industriellenvereinigung soll in erster Linie das Lehrpersonal profitieren. Gerade in Zeiten von Wirtschafts- und Eurokrise sei dieses Wissen wichtig, so Kapsch. "Es geht darum, diese Themen besser beurteilen zu können." Und in weiterer Folge natürlich auch darum, den Schülern dieses Wissen zu vermitteln. "Allgemeinwissen macht flexibler", sagt Kapsch, der insbesondere auf die ebenfalls in den "Zukunftsschulen" enthaltende Vermittlung von Sozial- und Bürgerkompetenz verweist. Neben diversen Workshops und Projekttagen sollen die Schüler aber auch zu Kulturveranstaltungen eingeladen werden. Der Zusammenarbeit zwischen Stadtschulrat und Industriellenvereinigung sind bewusst keine Grenzen gesetzt, jährlich wird die Kooperation evaluiert und bei Bedarf ergänzt.

"Überschätzen darf man die Wirkung nicht, es sind kleine Schritte, Tropfen auf dem heißen Stein. Aber auch mit kleinen Schritten kommt man zum Ziel", sagt Zeiner, der Direktor.