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Industrie ist das Rückgrat des heimischen Wirtschaftserfolges

Von Professor Anton Kausel

Wirtschaft

Die vergleichsweise beste Wirtschaftsleistung seit einem halben Jahrhundert ist die logische Folge eines seit fünf Dezennien ungebrochenen Aufstiegs unserer Industrie von einer bescheidenen Nachzüglerrolle in die höchste Spitzengruppe Europas und der Welt. Konkret wuchs die heimische Industrieproduktion von 1950 bis 1970 jährlich um 0,6 Prozentpunkte stärker als jene des heutigen EU-Raumes (15) insgesamt.


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In den folgenden zwei Dekaden (1970 bis 1990) verdoppelte sich der Wachstumsvorsprung Österreichs auf 1,2% und in den angeblich so prekären und "wachstumsschwachen" 90ern verbreiterte sich unsere "Überholspur" bereits auf imposante 2,0% (p.a.). Im Vorjahr explodierte dieser Respektabstand zur EU sogar auf satte 4%.

Dieser fast unglaubliche mittel- und langfristige Vormarsch ist die logische Konsequenz der anhaltend günstigsten Lohn-Stückkosten-Position seit der Kamitz-Abwertung 1953 dank überlegener Produktivität und optimaler Einkommenspolitik einerseits, sowie eines überdurchschnittlich effizienten Strukturwandels von einer ursprünglichen Grundstofflastigkeit hin zu einer immer höherwertigeren Produktionsstruktur andererseits. Die solcherart errungene hohe Wettbewerbsfähigkeit erscheint nun durch den Euro hervorragend abgesichert.

Dieser profunden Position der industriellen Stärke steht freilich eine nicht ganz so eindrucksvolle Performance der Gesamtwirtschaft gegenüber. Aus makroökonomischer Sicht ergibt sich nämlich im krassen Gegensatz zur Industrieproduktion ein rückläufiger Trend des Wachstumsvorsprunges zur EU von 0,8% p.a. (1950 bis 1970) und 0,5% (1970 bis 1990) auf knappe 0,3% (1999/2000) im realem Pro-Kopf-Einkommen. Diese Diskrepanz ist aber nur scheinbar widersprüchlich. Der spektakuläre Erfolg in den "Wirtschaftswunderjahren" (1950/1980) stützte sich primär noch nicht auf industrielle Stärken, sondern auf explodierende Reiseverkehrsüberschüsse und eine expansive Bauwirtschaft. Da beide Faktoren seit den 80ern an Dynamik eingebüßt haben, kann die ungebrochen dynamische Industrie die Wachstumsverlangsamung der übrigen Wirtschaft nur mit Mühe entschärfen, aber noch nicht vollständig kompensieren.

Aktuelle Perspektiven

Die von den USA ausgelöste konjunkturelle Wachstumseinbruch greift abgeschwächt auf Europa über und lässt auch Österreich nicht ganz ungeschoren. Die Rücknahme der Wachstumsraten der letzten 3 Jahre von jeweils mehr als 3% auf kaum 2% erscheint daher folgerichtig und unabdingbar, ist aber ausschließlich konjunkturbedingt und beeinträchtigt unsere starke strukturelle Wettbewerbslage in keiner Weise. Nach langjährigen Erfahrungen erweist sich dank hoher Standortqualität, der Wachstumsvorsprung Österreichs vor der EU in konjunkturellen Abschwungphasen in der Regel als größer (1975 bis 1993) und in der Hochkonjunktur als eher geringer. So gesehen ist der sich anbahnende Abwärtstrend allenfalls als kurzlebige Episode zu deuten.

Preisstabilität

Auch hinsichtlich Geldwertstabilität gibt es nur wenige Vorbilder in Europa und der Welt (Schweiz, Japan). Die sprunghafte Erhöhung der Verbraucherpreise 2000 (2,3%, bzw. 1,9% laut HVP) sowie im 1. Halbjahr (2,9%, bzw. 2,3%) beruht auf Einmaleffekten (Öl, Energie, Gebühren) und nicht auf dauerhaftem Lohndruck. Die Rückführung der Preisrate auf die Zielvorgabe von weniger als 2% verläuft aber mühsamer als geplant, weil autonome Abgabenerhöhungen den Effekt der Stabilisierung der Energiekosten konterkarieren.

Dennoch befindet sich Österreich mittelfristig dank stabiler Lohn-Stückkosten in einer beneidenswerteren Lage als angebliche Vorbilder, wie Irland, Holland oder Deutschland. Ab Jahresmitte zeichnet sich ein fallender Preistrend ab, weil der Ölpreisschock und die Abgabenerhöhungen absorbiert sind und die spekulative Überbewertung des USD brüchig zu werden beginnt.

Beschäftigungslage

Die allgemeine Arbeitslage entspricht derzeit wieder jener zu Beginn der 90er. Sie hat sich seit dem EU-Beitritt fundamental verbessert und dem Vollbeschäftigungsniveau angenähert. Statt Überangebot herrscht vielfach Arbeitskräftemangel. Mit einer EU-konformen Arbeitslosenrate von 3,6% liegt Österreich EU-weit nur hinter Luxemburg und Holland, wobei Holland seine Spitzenposition ausschließlich einer massiven Teilzeitbeschäftigung zu verdanken hat und so nur bedingt als Vorbild gelten kann. Das generell schrumpfende Arbeitskräfteangebot zwingt längerfristig zu einer schrittweisen Anhebung der Erwerbsquote und/oder Immigration von Ausländern und führt nur so zu einer wesentlichen Entschärfung der Pensionsproblematik (laut Wifo).

Leistungsbilanz

Völlig unerwartet hat sich die Leistungsbilanz schon im Vorjahr trotz der Ölpreisexplosion nicht mehr verschlechtert, sondern leicht verbessert, und sie verspricht auch heuer eine weitere sprunghafte Verbesserung. Allein im 1. Trimester 2001 hat sich das Defizit bereits halbiert, weil die belastenden Effekte der Ölpreis - und Dollar-Hausse bereits überwunden sind. Mittelfristig ist bemerkenswert, dass die Stärke der Industrie nicht nur zu beträchtlichen realen Marktanteilsgewinnen im Export, sondern gleichzeitig auch zu einer enormen Verbesserung der Handelsbilanz geführt hat. Generell ist die Leistungsbilanz seit Gründung des EU-Binnenmarktes kein wirtschaftspolitisches Problem mehr.

Staatsgebarung

Der Staatshaushalt Österreichs befindet sich auf bestem Wege zur endgültigen Gesundung. Ohne die etwas voreilige Steuer- und Familienreform 2000 wäre das angestrebte "Nulldefizit" schon im Vorjahr unverrückbare Realität geworden. Die Grundlage für diese vielversprechende Ausgangsposition wurde schon in den Vorjahren geschaffen. Im Gegensatz zur offenbar überzogenen Budgetkritik der letzten Jahre erweist sich nunmehr der relativ schmerzfreie Sanierungskurs seit 1995 in der Endabrechnung als erfolgreich.

Seit Einführung der Maastricht-Kriterien 1995 konnte vor allem dank unserer wirtschaftlichen Stärke ("Wachstumsdividende") das Staatsdefizit zur Gänze ausgabenseitig durch eine kräftige Absenkung der Ausgabenquote (Ausgaben steigen nur halb so stark wie das BIP nominell) und ohne die geringste Erhöhung der Einnahmenquote von 5% des BIP auf sensationelle 1% im Vorjahr gedrosselt werden. Ohne Steuer- und Familienreform wäre das totale "Nulldefizit" schon heute kein Thema mehr. Der bisherige Budgetvollzug im 1. Halbjahr übertrifft jedenfalls selbst kühne Erwartungen und lässt eher skeptische Zukunftsvisionen nicht mehr zu.

Schlussfolgerungen

Noch nie in seiner gesamten Wirtschaftsgeschichte war Österreich dem Traumziel der modernen Nationalökonomie alle klassischen Wirtschaftsziele des "Magischen Fünfecks", wie optimales Wirtschaftswachstum, Preisstabilität, Vollbeschäftigung, Ausgleich der Leistungsbilanz und nachhaltig ausgeglichene Staatsgebarung gleichzeitig und bestens erfüllen zu können, so nahe wie jetzt zur Jahrtausendwende.

Das Wachstum ist überdurchschnittlich gut, in den traditionell schwer zu vereinbarenden Kriterien Preisstabilität und Vollbeschäftigung liegt Österreich permanent im Spitzentrio der EU, die Leistungsbilanz ist völlig problemlos und die Staatsgebarung so gut konsolidiert wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Wirtschaft floriert heute unabhängig von öffentlichen Subventionen und Interventionen und trotz restriktiver Budget- und Währungspolitik, eine Konstellation, die in der Vergangenheit stets als unvorstellbar gegolten hat.

Gewissermaßen als "non plus ultra" genießt unsere Gesellschaft eine exzellente Lebensqualität, die weltweit ihresgleichen sucht. Die Einkommensverteilung zwischen Arm und Reich ist laut Weltbank die sozial ausgeglichenste unter allen 130 analysierten Ländern der Welt.

Die "Ärmsten" 10% sind weltweit die "Reichsten" im Vergleich zu den untersten 10% aller anderen Länder. Das "unterste Dezil" der US-Bürger verdient z. B. real weniger als halb so viel wie das "unterste Dezil" der Österreicher. Auch im Gesundheitswesen, der persönlichen und sozialen Sicherheit und im Umweltschutz befindet sich das Land in führenden Positionen.

Zwischen Lebensqualität, öffentlichem Dienst und Höhe der Sozialabgaben besteht ein zwingender innerer Zusammenhang. Die Gleichung: Niedrige Steuer- und Sozialquote ist gleichbedeutend mit hoher Lebensqualität - geht offensichtlich nirgendwo in der Welt auf, insbesondere nicht im US-Modell.

Prof. Dr. Anton Kausel leitete von 1956 bis 1973 die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Öffentliche Finanzen im Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO). Anschließend war er im ÖSTAT tätig. Von 1981 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 bekleidete er das Amt des Vizepräsidenten.