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Industrieller Ruf nach Anerkennung

Von WZ-Korrespondentin Martyna Czarnowska

Politik

Stahlbranche fordert kommende EU-Kommission zu Stärkung des verarbeitenden Gewerbes auf.


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Brüssel. Von der Renaissance ist noch nicht viel zu spüren. Dabei hat die EU-Kommission vor Monaten schon eine "Wiedergeburt der Industrie" gefordert. Die ist nämlich zu einem Sorgenkind der Union geworden. Denn obwohl 80 Prozent der Innovationen, drei Viertel der Exporte und etliche Arbeitsplätze direkt von ihr abhängen, ist ihr Anteil am europäischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) mittlerweile auf 15 Prozent gesunken. Allein in der Stahlindustrie sind innerhalb von fünf Jahren mehr als 40.000 Jobs verloren gegangen. Die Branche hat 2009 noch fast 380.000 Menschen beschäftigt.

Immerhin komme dem Sektor endlich wieder mehr Aufmerksamkeit zu - "erstmals seit Dekaden", betonte Robrecht Himpe beim "Europäischen Stahltag" in Brüssel. Der Belgier übernahm gerade das Präsidentenamt im Branchenverband Eurofer von
Voestalpine-Chef Wolfgang Eder. Die Kommission habe mit der Forderung nach einer Stärkung der Industrie einen wichtigen Schritt gesetzt, erklärte Himpe. Vom nächsten Team in der Brüsseler Behörde, das wenige Monate nach der EU-Wahl Ende Mai seine Arbeit aufnimmt, erhofft er sich ebenfalls ein Bekenntnis zum verarbeitenden Gewerbe.

Dessen Vertreter sehen nämlich einige Gründe zu klagen. Abgesehen von der politischen Vernachlässigung und teils hemmender Bürokratie sind es vor allem steigende Energiepreise. Auf die wirken sich nicht zuletzt die - im weltweiten Vergleich ambitionierten - Vorgaben zum Klimaschutz aus, verbunden mit teils ineffizienten Fördersystemen. Mittlerweile müssen europäische Unternehmen für Strom und Gas doppelt oder dreifach so viel zahlen wie Betriebe in den USA oder in China.

Der Standort Europa verliere an Attraktivität, warnt daher die Industrie. Das gelte auch für Österreich, befand Eder vor wenigen Wochen, was manche als Abwanderungsdrohung verstanden haben. Voestalpine baut derzeit die Kapazitäten in den USA aus, und erst vor wenigen Tagen eröffnete der Stahlkonzern ein weiteres Werk in China. Wie andere Firmenleiter weist Eder auf die sich verschlechternden Rahmenbedingungen für Unternehmen in Europa hin. Das Geschäftsumfeld sei weit komplizierter geworden und der globale Wettbewerb härter, stellte er auch in Brüssel fest.

Unrealistische Klimaziele?

Bei den Vorgaben für den Klimaschutz wünscht sich die Branche daher "realistische Ziele". Dazu gehöre die von der Kommission vorgeschlagene Senkung des CO2-Ausstoßes um 40 Prozent bis zum Jahr 2030 keineswegs. Um das zu erreichen, gebe es nicht einmal die nötige Technologie, meinte Eurofer-Präsident Himpe: "Mit dem jetzigen Stand der Technologie holen wir bereits das Maximum heraus."

Die Stahlindustrie sei ein gutes Beispiel dafür. Nach Himpes Angaben lägen die Werte für den CO2-Ausstoß nur zehn Prozent unter den für die saubersten Produktionsanlagen derzeit erreichbaren Zahlen. Was darüber hinaus gehe, seien theoretische, rein wissenschaftliche Berechnungen.

Von den EU-Politikern wünschen sich die Industrievertreter daher neben Realismus Entscheidungen zur Senkung der Energiepreise, aber auch zur Verringerung der Abhängigkeit der Gemeinschaft von Gasimporten. Das wäre laut Eder auch ein Signal an Russland, das für Europa ein wichtiger Lieferant ist. Eine Möglichkeit dazu wäre Fracking, der in einigen EU-Staaten sehr umstrittene Abbau von Schiefergas. Vorstellbar wäre das unter Einsatz moderner Technologie und in bevölkerungsarmen Regionen. Jedes Bohrloch wäre ein Zeichen an die Russen, sagte Eder: "Fühlt euch nicht allzu sicher; wir werden Alternativen für unsere Energieversorgung finden."