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Inflation - das unbekannte Wesen

Von E.W. Streissler

Gastkommentare

Schnäppchen gelten als eigene Leistung - alles andere als Gemeinheiten. | Falsche Vergleiche und Zahlenspielereien. | Die Bürger glauben an Widersprüchliches. | In der "Wiener Zeitung" vom 4. März schrieb Generalsekretärin Barbara Schmidt zum "Schwarzen Peter für die E-Wirtschaft": "Im Inflationsjahr 2007, in dem sich Butter um 29,5 Prozent verteuerte, Gebäck um 12,3 Prozent und Treibstoffe um 23 Prozent . . . (kam) für den Strompreis 2007 insgesamt eine Preissteigerung" von (nach dem Tenor des Beitrages "nur") "9,3 Prozent heraus. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit bei der Diskussion über die Inflation wäre wünschenswert gewesen." Diese zufällig gewählte Aussage ist typisch dafür, wie in Österreich ohne ökonomischen Sachverstand über ein wirtschaftswissenschaftliches und statistisches Phänomen gesprochen wird.


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Erstens glauben ökonomisch Ungebildete, es gäbe "die" Inflation; zweitens wird allgemeingültig von einem "Inflationsjahr 2007" gesprochen, nur weil ein bestimmtes unter den vielen möglichen Inflationsmaßen in diesem Jahr geringfügig höher lag als im Jahr davor; drittens werden zur Beschreibung der Inflation, die eine Aussage über (längerfristig gültige) Preis-Durchschnitte ist, lediglich einzelne Preisänderungen, welche statistisch gesehen Ausreißer sind, herangezogen; viertens werden unbeeinflussbare Auslandspreise (Treibstoff) mit Inlandspreisen gemischt; fünftens wird eine Strompreissteigerung von "nur" 9,3 Prozent dadurch als unbedeutend hingestellt, dass noch höhere Preissteigerungen gefunden werden können, wobei in der Fülle aller Preise mit 99,99 Prozent Wahrscheinlichkeit so gut wie immer irgend eine noch höhere Preissteigerung auftritt.

Immerhin ist eine Strompreissteigerung von 9,3 Prozent mehr als zweieinhalbmal so hoch wie der - genauer: wie ein bestimmter - Inflationsdurchschnitt für Österreich (3,6 Prozent im Monat Dezember 2007, dem Spitzenmonat einer bereits zurückgehenden Preissteigerung). Die obendrein noch geforderte "Ehrlichkeit" kann nur als zynischer Zusatzakzent bezeichnet werden. Aber angesichts solch unüberschaubaren Wustes politisch verzerrter Viertelwahrheiten ist der Jurist gefordert, ein gerechtes Urteil etwa bei der Wertsicherung laufender Zahlungen zu fällen.

Festzuhalten ist: Erstens gab es im Lauf des 20. Jahrhunderts sehr viele, ganz unterschiedliche Phänomene in der Wirtschaft, die alle mit ein und demselben Wort "Inflation" bezeichnet wurden. Es gilt beim aktuellen Phänomen anzusetzen. Zweitens gibt es zu dessen Charakterisierung nicht nur einen, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Preisindizes, die zur jeweiligen Darstellung ganz unterschiedlicher Wirtschaftszusammenhänge entwickelt wurden. Drittens liegen in der Praxis nie die "idealen" Inflationsindizes vor, sondern der Einfachheit der statistischen Erhebung halber Laspeyres-Indizes für die Inflationsmessung, welche ein weiteres, oft entscheidendes Fehlerelement einbringen. Viertens legen die meisten Konsumenten ihrer eigenen "Inflationsbeurteilung" üblicherweise einen ganz anderen - und für den Juristen meist irrelevanten - Inflationsbegriff zugrunde und behauptet, meist übrigens zutreffend, gemäß dieses viel enger gefassten Inflationsbegriffes würden die Statistiken die Inflation stark unterschätzen. In Wahrheit jedoch überschätzen die statistisch ermittelten Inflationsindizes das ökonomisch definierte Inflationsphänomen fast immer, und das nicht unerheblich.

Eine Einkommensfrage

Ökonomisch ist Inflation definiert nur für eine bestimmte Person und ist dann vielleicht noch eine akzeptable Aussage für einen relativ eng umschriebenen Kreis von wirtschaftlich sehr ähnlich gestellten Personen. Die Frage lautet, um wie viel Prozent man das nominelle Einkommen (ungefähr also das Geldeinkommen) einer Person erhöhen müsste, damit diese trotz einer Vielfalt von Preisänderungen das gleiche Nutzenniveau wie vorher erreicht. Dieser Prozentsatz der zu einer Nutzenkonstanthaltung erforderlichen Einkommenssteigerung ist der Inflationsprozentsatz. Wesentlich für den Inflationsbegriff ist weiters, dass die Preissteigerung nicht nur während einer ganz kurzen Ausnahmesituation gilt und viele Gütergruppen betrifft.

Die so definierte Inflation kann sehr unterschiedliche Ausmaße annehmen, hat unterschiedlichste Ursachen und daher auch unterschiedlichste Konsequenzen. Liegt die durchschnittliche Preissteigerungsrate pro Jahr, also die Inflationsrate, höher als 20 Prozent (manche sagen sogar höher als 100 Prozent), wird wegen der einsetzenden Flucht aus dem Geld und in Sachwerte die Inflation selbstbeschleunigende Wirkung zeigen. Man spricht von galoppierender Inflation. Ursache ist diesfalls immer die staatliche Geldvermehrung, sehr häufig im Zuge von Kriegsfinanzierung; rasches politisches Handelns ist dringend nötig. Zwischen vielleicht 10 und 20 Prozent liegt die Inflation in einer gefährlichen Grauzone, in der sie sich selbst beschleunigen könnte, vielleicht aber auch nicht. Bei durchschnittlicher Preissteigerung unter 10 Prozent im Jahr handelt es sich hingegen bereits um ein ganz anderes Phänomen, das populistisch als schleichende, in den höheren Teilbereichen vielleicht als trabende Inflation bezeichnet wird. Sie hat keine notwendige Beschleunigungstendenz mehr. Ihre Ursachen sind vielfältig: etwa übermäßige Lohnforderungen (die bei Österreichs schwacher Gewerkschaft kaum ins Gewicht fallen).

Eine solche schleichende Inflation wirft erhebliche Probleme für die internationale Wettbewerbsfähigkeit auf. Sie ist daher nur bei geringer internationaler Wirtschaftsverflechtung möglich oder bei einer laufend abgewerteten Währung. In einer globalisierten Wirtschaft mit nicht selbst geschaffener Auslandswährung (wie dem Euro) ist auch eine schleichende Inflation längerfristig nicht möglich: Die privatwirtschaftlichen Unternehmen scheuen sich, Preise zu erhöhen, um nicht von Auslandskonkurrenten aus dem Markt geworfen zu werden; und ihre Gewerkschaften scheuen Lohnsteigerungen wegen der Gefahr der Abwanderung der Betriebe einerseits oder der Zuwanderung ausländischer Arbeitskonkurrenten andererseits.

Möglich sind freilich außenwirtschaftsbedingte Preissteigerungen infolge nicht leicht substituierbarer Importgüter: Man denke an Ölpreissteigerungen und damit zusammenhängende Strompreissteigerungen. Importgüterpreissteigerungen führen zur Minderung des verteilbaren Einkommens: Man muss mehr Exportgüter hergeben pro Einheit Importgut. Gleiches gilt bei starken Ernteausfällen oder bei Umstellung der Agrarproduktion auf Bioenergie, ebenfalls eine Folge der Ölverteuerung. All dies sind Einmaleffekte bei einzelnen wichtigen Gütern und damit im bisherigen Sinne gar nicht Inflation.

Nicht nur ein einziges Maß

Ein zweites Problem ist die adäquate Inflationsmessung für unterschiedliche relevante Tatbestände und Personengruppen. Es gibt nicht nur ein einziges Maß, sondern eine Fülle verschiedener Indizes, die obendrein bei niedrigen Raten von "Inflation" in ganz verschiedene Richtungen weisen können. So gingen die Großhandelspreisindizes, die viele ausländische Rohstoffe enthalten, zuletzt häufig zurück, während es in den Schlagzeilen gleichzeitig "Inflation" gab. Die Inflation des politischen Populisten ist die Preissteigerung des Verbraucherpreisindex. Aber das ist keineswegs der Index, den der Rechtsanwalt als Klägervertreter oder der Richter immer zugrunde legen kann.

Er ist für einen Berufstätigen-Haushalt durchschnittlicher Größe und durchschnittlichen Einkommens festgelegt sowie - besonders wichtig - für einen solchen mit durchschnittlichen Konsumgewohnheiten, also durchschnittlicher Nutzenberwertung. Für einen antialkoholischen Veganer wäre der korrekte Verbraucherpreisindex ein anderer als der statistisch erfasste Verbraucherpreisindex, weil Fleisch sich besonders stark verteuert. Der Pensionistenpreisindex andererseits steigt langfristig stärker als der Verbraucherpreisindex, weil Pensionisten viele sich besonders verteuernden Gesundheitsdienstleistungen konsumieren.

Und vielleicht geht es in einem Prozess überhaupt um andere Preise als die von Konsumgütern. Hausverwalter etwa legen ihren Indexklauseln typischerweise den Verbraucherpreisindex zugrunde. Sie sollten besser den Baukostenindex wählen, da der Bau viele sich stark verteuernde Dienstleistungen benötigt. Oder noch besser: einen Lohnindex, da in wachsender Wirtschaft die Löhne im Regelfall stärker steigen als die Preise, denn nur dann erzielt man einen Realeinkommenszuwachs.

Das wären die jeweils ökonomisch sinnvollen Messungen. Die aber sind verschieden von der tatsächlichen statistischen Messung in den vorliegenden Preisindizes - eine Wahrheit, die trotz hundertfacher Wiederholung aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet wird, weil sie nämlich die Verhandlungsposition bei Lohn- und Gehaltsforderungen schwächen würde. Laut jüngsten umfangreichen Messungen in den USA überschätzen Verbraucherpreisindizes die Inflation um 1,1 bis über 2,5 Prozent pro Jahr; für Österreich dürfte die jährliche Überschätzung 1 bis 1,5 Prozent betragen. Der Grund: Um einfach und rasch rechnen zu können, sind die benutzten Preisindizes überall Laspeyres-Indizes. Darin werden die Preise mit den gleichbleibenden Mengengewichten der Käufe einer anfänglichen Basisperiode zusammengewichtet.

Diese sich ständig immer mehr überholenden Mengengewichte werden ein ganzes Jahrzehnt lang gleich gehalten. Bei der Messung eines gleichbleibenden Konsumnutzens, um den es gehen sollte, gibt es dann jedoch mindestens dreierlei Fehlerquellen: Erstens die preisbedingte Substitution der Konsumenten. Da die Preisveränderungen zwischen den Gütern unterschiedlich sind, kaufen die Konsumenten ohne Nutzeneinbuße weniger sich besonders stark verteuernde Güter und mehr sich weniger verteuernde oder gar verbilligende Güter. Der mit festen Mengengewichten arbeitende Index trägt dieser den höchsten Preissteigerungen ausweichenden Konsumänderung nicht Rechnung.

Preis und Qualität differieren

Zweitens sind stets die allerneuesten Güter, die sich aber typischerweise während der Neueinführungsphase besonders stark verbilligen, noch nicht in den Warenkorb aufgenommen. Drittens (vielleicht am wichtigsten): Bei der Ermittlung eventueller Preissenkungen unterschätzen die Statistiker regelmäßig die laufende Qualitätsverbesserung der Güter: Sie beurteilen als Preissteigerungen auch Qualitätsverbesserungen, die richtigerweise als Mengenerhöhungen gedeutet werden sollten. So wird etwa laufender Leistungserhöhung oder erhöhtem Bedienungskomfort vieler Geräte des täglichen Lebens nicht entsprechend Rechnung getragen.

Und viertens "messen" durchschnittliche Verbraucher Inflation ganz anders als Statistiker. Für die Feststellung "alles(!) wird teurer" wählen sie nämlich erstens nur bestimmte, ihnen besonders auffallende Preissteigerungen aus und zweitens nur solche bei häufig wiederkehrenden Kaufakten des täglichen Verbrauchs. Es handelt sich zumal um die Preise regelmäßig gekaufter Lebensmittel, um Preise in Restaurants und diejenigen einiger öffentlich bereitgestellter Güter wie Strom und Gas sowie um die Treibstoffpreise.

Viele dieser Güter, etwa Restaurantspeisen, enthalten arbeitsintensive Dienstleistungen mit geringen Produktivitätssteigerungsmöglichkeiten, die bei steigenden Reallöhnen auch ohne Inflation (und sogar bei Deflation) teurer werden müssten. Gelegentliche Preissenkungen auch solcher Güter und insbesondere die Preissenkungen vieler nur in langen und unregelmäßigen Abständen gekauften Güter, wie PCs, werden nicht registriert. Obendrein wird noch ein zusätzlicher Wahrnehmungsfilter eingebaut: Aufgefundene niedrige Preise, insbesondere bei Sonderpreisaktionen, gelten als "Schnäppchen", werden also auf eigene Leistung zurückgeführt. Hingegen sind Preise, denen man nicht ausweichen kann oder, zeitbedingt, nicht will, Gemeinheiten der Inflation.

Und so ist der österreichische Durchschnittsbürger in der Lage, gleichzeitig drei Widersprüchlichkeiten zu glauben: "Alles wird teurer" (mehr als die Löhne steigen); "unser Wohlstand steigt laufend"; und dass er das nicht mehr tut, "ist Schuld der Politiker".

Erich W. Streissler ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Ökonometrie und Wirtschaftsgeschichte.