Inflation hält Notenbanken weiter in Atem

Von Karl Leban

Wirtschaft

EZB und Fed haben ihren Kampf noch nicht beendet. Diese Woche erhöhen die Währungshüter erneut die Zinsen.


Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, bewegen sich die Preise nach oben. Je stärker dieses Verhältnis von Nachfrage und Angebot auseinanderdriftet, umso schneller dreht sich die Inflationsspirale. Vor diesem Hintergrund kann man daher - mit Blick auf die zuletzt zwar schon rückläufigen, aber nach wie vor hohen Teuerungsraten in der Eurozone und den USA - sagen, dass EZB und Fed die gesamtwirtschaftliche Nachfrage über ihre Geldpolitik noch nicht genug geschwächt haben, als dass bereits von einer echten Entspannung an der Preisfront die Rede sein könnte. Das bedeutet: Die Zinsen müssen dies- und jenseits des Atlantiks weiter rauf, um Kredite für Unternehmen und private Haushalte zu verteuern und so deren Investitionen (Nachfrage) einzubremsen.

In wenigen Tagen haben die Währungshüter der beiden größten Notenbanken der Welt ihre Zinssitzungen - die Fed am Mittwoch und die EZB am Donnerstag. Ihnen ist bewusst, dass ihr Kampf gegen die massive Inflation, mit der eine Geldentwertung und damit eine schwächere Kaufkraft einhergeht, weitere Zinserhöhungen erfordert.

Erst kürzlich betonte Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), dass die Inflation in Europa nach wie vor "viel zu hoch" sei. "Wir müssen sie senken, und wir werden dieses Ziel erreichen", erklärte sie. Die Zinsen müssten demnach "noch deutlich und stetig steigen, um ein ausreichend restriktives Niveau zu erreichen". Ähnliche Töne kommen auch von Lagardes US-Chefkollegen Jerome Powell.

EZB vor Zinsreigen bis Juni

Nach Darstellung ihres Ratsmitglieds, des niederländischen Notenbankchefs Klaas Knot, wird die EZB sowohl im Februar als auch im März die Zinsen um je 0,50 Prozentpunkte hinaufsetzen. Auch in den Monaten danach werde es notwendig sein, mit weiteren Zinserhöhungen nachzulegen. Im März werde man noch nicht durch sein, so Knut. Weitere Schritte im Mai und Juni würden folgen.

Die EZB hat seit Juli 2022 vier Mal in Folge die Zinsen erhöht, der Leitzins liegt nun bei 2,50 Prozent. Nach zwei besonders großen Zinsschritten von je 0,75 Prozentpunkten (75 Basispunkten) im September und Oktober hatten die Euro-Währungshüter im Dezember aber den Fuß etwas von Gas genommen und die Schlüsselsätze etwas weniger stark um einen halben Prozentpunkt angehoben.

Für die Sitzung am 2. Februar erwartet der Markt nach den jüngsten Wortmeldungen aus dem EZB-Umfeld mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen um weitere 50 Basispunkte erhöht werden. Auch Ulrike Kastens, Ökonomin bei dem zur Deutschen Bank gehörenden Vermögensverwalter DWS, rechnet damit. "Während die US-Notenbank die Leitzinsen nur um 25 Basispunkte anheben dürfte, ist die EZB noch weit davon entfernt, das Tempo der Zinserhöhungen zu drosseln", erklärt sie. Kastens sieht zwar eine Entspannung bei den Energiepreisen, die im Vorjahr - angeheizt vom Krieg in der Ukraine - der Haupttreiber der Inflation waren. Allerdings gibt sie zu bedenken, dass die Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) in den nächsten Monaten zu steigen droht. "Höhere Kosten dürften viele Unternehmen gerade zu Jahresbeginn veranlasst haben, weitere Preiserhöhungen durchzusetzen", so Kastens.

"Das Tempo der Zinserhöhungen könnte hoch bleiben", meint auch Yoram Lustig, leitender Manager beim US-Finanzdienstleister T. Rowe Price. Im Dezember schwächte sich die Inflation im Euroraum zwar ab, mit 9,2 Prozent lag die Rate aber noch immer mehr als vier Mal so hoch wie das EZB-Ziel von 2 Prozent (wo aus Sicht der Währungshüter Preisstabilität gegeben ist). In Österreich belief sich die Inflation im vergangenen Monat auf 10,2 Prozent.

Für weitere relativ große Zinserhöhungen spräche auch, dass ein ausgeprägter Konjunktureinbruch in Europa aus Sicht von DZ-Bank-Analyst Christian Reicherter zuletzt weniger wahrscheinlich geworden ist. Das gibt den Notenbankern in Frankfurt mehr Spielraum bei ihren geldpolitischen Entscheidungen.

USA wohl bald am Zinsgipfel

Auch in den USA ist die Wirtschaft trotz hoher Inflation (6,5 Prozent im Dezember) und steigender Zinsen in der Spur geblieben. Im vierten Quartal 2022 wuchs das Bruttoinlandsprodukt auf das Jahr hochgerechnet um 2,9 Prozent. Nach Ansicht der Fed-Vizechefin Lael Brainard könnte eine Rezession vermieden werden - auch wenn steigende Zinsen die Konjunktur bremsten.

Indes sehen Experten genügend Gründe für eine restriktivere Geldpolitik - etwa den hartnäckig robusten Arbeitsmarkt. Um mit Blick auf die Inflation "ausreichend restriktiv" zu sein, will die Fed die Zinssätze, die derzeit bei 4,25 bis 4,50 Prozent liegen, auf "irgendwo über 5 Prozent" erhöhen, heißt es bei DWS. Um dahin zu kommen, wird sie aber anders als die EZB wohl nur noch kleine Zinsschritte setzen müssen, ist aus Expertenkreisen zu hören. Am Mittwoch wird es zunächst mit großer Sicherheit ein Viertelprozentpunkt sein.