Zum Hauptinhalt springen

Inflation trifft niedrige Einkommen besonders

Von Simon Rosner

Politik

Warum die Zunahme instabiler Arbeitsverhältnisse immer mehr zum Problem wird.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

© M. Hirsch

Wien. Der zumindest inoffizielle Startschuss eines jeden Wahlkampfes ist das von den Spitzenkandidaten geäußerte Versprechen, die Pensionen zu erhöhen. Bei dieser Nationalratswahl wäre also hiermit der 17. August einzutragen. Denn am Donnerstag wurde der sogenannte Anpassungsfaktor publik, die Reaktion der Parteien ließ dann nicht lange auf sich warten.

Grundsätzlich werden die Pensionen mit der durchschnittlichen Inflationsrate angehoben, womit sich diesmal ein Plus von 1,6 Prozent errechnet. Doch es darf natürlich auch ein bisserl mehr sein. Und so forderte der Seniorenrat für kleine und mittlere Pensionen einen größeren Zuwachs, da sich die Inflation derzeit bei zwei Prozent bewegt. Dazu kommt eine sehr deutliche Teuerung von beinahe vier Prozent beim Mikrowarenkorb, der den täglichen Einkauf abbildet. Und dieser ist gerade für Geringverdiener, und eben auch eine große Zahl von Pensionisten, besonders relevant.

Kanzler Christian Kern fordert für Pensionen bis 1500 Euro brutto ein Plus von zwei Prozent, ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz blieb zwar vage, erklärte aber auch, dass er den Vorschlag des Seniorenrates "grundsätzlich einmal positiv" sehe, und auch die Neos mischen hier mit und sehen Argumente dafür, allerdings müsse dann eben woanders gespart werden, sagt Sozialsprecher Gerald Loacker.

Auch Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien (IHS), hält die Forderung des Seniorenrats für einen "absolut legitimen Punkt", wenngleich er die 1500-Euro-Grenze für zu hoch sieht. "Da fallen zwei Drittel aller Pensionisten drunter".

Außerdem muss beachtet werden, dass der Mikrowarenkorb für den täglichen Einkauf so wenige Produkte enthält, dass Preisveränderungen bei einzelnen Posten sehr stark ins Gewicht fallen. Und genau das ist auch der Grund für das Plus von 3,9 Prozent. Der Milchpreis war vor einem Jahr so tief im Keller, dass Butter und Käse im Juli im Vergleich deutlich teurer waren. Insofern ist es wenig sinnvoll, aus dem Mikrowarenkorb politische Forderungen abzuleiten, dafür ist er zu volatil.

Lebensmittel werden teurer

© M. Hirsch

Andererseits hat der tägliche Einkauf, der hier abgebildet wird, eine höhere Bedeutung für Personen mit niedrigem Einkommen, da er sehr stark auf Lebensmittel abzielt. Und das gilt auch für den Miniwarenkorb, der den "wöchentlichen Einkauf" darstellen soll. Auch bei diesem lag die Teuerung im Juli mit 2,5 Prozent plus über der allgemeinen Inflationsrate von 2 Prozent.

Österreich gehört seit Jahren zu den westeuropäischen Ländern mit der höchsten Rate. "Auch wenn zwei Prozent nahe an der Preisstabilität sind", wie IHS-Chef Kocher anmerkt. Dennoch wirft die Inflationsentwicklung Fragen auf, und das nicht nur für Pensionisten mit geringem Einkommen.

So erwartet Kocher, dass Lebensmittel langfristig merklich teurer werden, und diese haben im Mikro- und Miniwarenkorb eine höhere Gewichtung. Die Böden werden knapper, Umweltschutzvorschriften ausgeweitet, auch außerhalb Österreichs, und Ernteausfälle müssen auch eingepreist werden. "Das ist ein sozialpolitisches Problem", sagt Kocher.

Personen, die über gar kein Arbeitseinkommen verfügen und von Transfers leben, sind von einer höheren Teuerung besonders betroffen, da nicht alle staatlichen Leistungen valorisiert werden. Das betrifft etwa das Arbeitslosengeld. Doch auch bei den Beschäftigten kommen die an der Inflationsrate angelehnten Lohnsteigerungen nicht immer an.

So ist etwa der Produktivitätsgewinn in ganz Europa seit Jahren gering, entsprechend liegen die Gehaltsabschlüsse kaum über der Teuerungsrate. Wie das Wifo in einer Studie für den Zeitraum 2000 bis 2015 nachzeichnete, trug aber auch die Segmentierung des Arbeitsmarktes zu einer schwachen realen Lohnentwicklung in einigen Bereichen bei.

Rund ein Drittel der Beschäftigten arbeitet mittlerweile in instabilen Verhältnissen, Phasen der Arbeit wechseln dabei mit Perioden der Arbeitslosigkeit. Dieses Phänomen führt dazu, dass diese Gruppe kaum von Lohnsteigerung profitiert, und auch Überzahlungen des Kollektivvertrages sind bei diesem mittlerweile recht großen Segment weitaus seltener.

Der Teufelskreis beginnt

Das bedeutet, dass jene Gruppe auf dem Arbeitsmarkt, die durch instabile und unsichere Beschäftigungsverhältnisse ohnehin benachteiligt ist, auch noch in viel größerer Gefahr ist, durch eine vergleichsweise hohe Inflation Reallohnverluste zu erleiden. Und da Geringverdiener in diesem Beschäftigungssegment überproportional vertreten sind, sind auch plötzliche Preisschwankungen bei Produkten des täglichen Bedarfs von höherer Bedeutung für sie.

Am Ende des Arbeitslebens sind diese Personen naturgemäß auch besonders von Altersarmut betroffen. Immer wieder unterbrochene Erwerbsbiografien schlagen sich dann noch einmal zu Buche. Und dann bleibt nichts mehr anders übrig, als auf den nächsten Wahlkampf zu hoffen.