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Ins Kranksein verliebt

Von Silvia Matras

Wissen

Es gibt die Kranken und die Gesunden. In der Grauzone dazwischen lebt oder vegetiert der Hypochonder. Molière hat ihn zur Theaterfigur erhoben. Seither geistert er als verspottete, verachtete oder grantige Figur über die Bühne oder durch Romane.


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Jedoch: Kein Hypochonder gleicht dem anderen. Der bekannteste Typus ist der à la Molière: unbelehrbar, etwas oder sehr dümmlich, tyrannisch und dennoch Zielscheibe des Spottes.

"Der Alpenkönig und der Menschenfeind" im Wiener Burgtheater: Cornelius Obonya als Rappelkopf und Johannes Krisch als "Alpenkönig".

Dann aber gibt es Autoren, die den Hypochonder ernst nehmen, ihn zu einer Kultfigur sublimieren und ihn deshalb auch nicht als solchen bezeichnen, obwohl er alle Symptome aufweist. Wohl deshalb, weil die Autoren selbst einen Hang zur Hypochondrie, ein verliebtes Kokettieren mit diversen Krankheiten in sich verspüren. Wie zum Beispiel Thomas Bernhard oder Thomas Mann.

Gesundsein ist unerträglich

Starten wir unsere literarischen Krankenbesuche bei dem "auctor" des Hypochonders, bei Molière. In seiner Komödie "Der eingebildete Kranke" (Le Malade imaginaire) führt er bereits das gesamte Figurenrondo ein, das einen Hypochonder umgibt und das von späteren Dramatikern nur mehr unwesentlich verändert wird: Da ist einmal der "Kranke" selbst. Argan ist einzig und allein mit seinen eingebildeten Krankheiten beschäftigt.
Seine Ichbeschau fängt bei der Leber an und endet bei seinem Stuhlgang. Er malträtiert seine Tochter Angélique und ihren Verehrer Cléante, die Dienerin Toinette und wen immer er für gefährlich gesund hält. In seiner maßlosen Dummheit vertraut er nur seiner Gattin, von deren schleimigen Schmeicheleien er sich einwickeln lässt, und den bauernschlauen Ärzten, die ihm das Geld in unverschämter Weise abzuknöpfen verstehen. Um sein "Überleben" zu sichern, soll Angélique einen strohdummen Medizinstudenten heiraten. In dieser ausweglosen Situation braucht es einen "deus ex machina". Béralde, der Bruder Argans, ist der Retter: Er schlägt dem unbelehrbaren Argan vor, doch selbst Medizin zu studieren. Am Schluss löst sich alles in Wohlgefallen auf: Angélique darf ihren Cléante heiraten, die böse Gattin muss verschwinden und Argan wird in einer Art "Metaszene" zum Doktor der Medizin ernannt. So kann er sich selbst alle nur möglichen Diagnosen stellen, nur die eine nicht: dass er gesund ist.

Hinter der scheinbar herzenseinfältigen Komödie steckt eine gehörige Portion Kritik: Kritik an der Medizin und den Ärzten der damaligen Zeit, Kritik an der Gesellschaft - besonders an den Adeligen am Hofe Ludwig des XIV. Dort heucheln alle, buhlen um die Gunst des Königs. Lügen gehört zum Handwerk, denn die Wahrheit ist gefährlich. Molière selbst hat den empörten Aufschrei der porträtierten Gesellschaft nicht mehr ganz mitbekommen. Bei der vierten Aufführung des "Malade imaginaire", er spielte die Rolle des Argan, brach er zusammen, wurde ohnmächtig von der Bühne getragen und verstarb wenige Stunden später am 17. Februar 1673.

Heilung ist nur bedingt oder gar nicht möglich

Mit einem ganz ähnlichen Figurenkanon bestückt Ferdinand Raimund sein romantisch-komisches Zauberspiel "Der Alpenkönig und der Menschenfeind".

Obwohl der aufbrausende und herrische Herr von Rappelkopf von seiner Frau und Tochter geliebt wird, was er und auch die Zuschauer nicht glauben können, behandelt er sie schlecht. Als durch und durch misstrauischer Mensch glaubt er sich von allen verfolgt, droht seiner Frau, der Tochter und den Bediensteten mit Hinauswurf und noch härteren Strafen. Geheilt werden kann dieser Wüterich, dessen Hypochondrie im Verfolgungswahn besteht, nur durch Selbsterkenntnis. Da der Rappelkopf aber so sehr rappelt, dass er gar keine Möglichkeit fände, sich selbst zu erkennen, setzt Ferdinand Raimund, wie Molière, auf Heilung von außen, in diesem Fall durch den Geisterkönig Astralagus. Wie dieser Heilungsprozess funktioniert, ist der Trickkiste des Zaubermärchens entnommen: Rappelkopf muss mit ansehen, wie Astralagus als Rappelkopf seine Dienerschaft total verstört, die Familie an den Rande des Wahnsinns und sich selbst fast in den Selbstmord treibt. Da aber sagt der echte Rappelkopf die erlösenden Worte: "Ich hab mich erkannt heut, ich weiß, wer ich bin." Eine sehr fragwürdige Heilung, da erst die Geister ins Spiel kommen müssen. Steckt da eine Portion Skepsis des Autors dahinter? Raimund litt ja selbst ganz heftig unter Hypochondrie. Aus Angst vor Tollwut erschoss er sich. Da wurde aus der Grillenkrankheit, wie Immanuel Kant die Hypochondrie nennt, Delirium, weil die Vernunft nicht ausreichte, die Gedanken in eine rettende Richtung zu lenken.

"Onkel Wanja" im Akademietheater: Gert Voss gibt den hypochondrischen Professor Serebrjakow, Caroline Peters leidet als dessen junge Ehefrau mit.

Unheilbar, weil ohne Selbstkritik und Einsicht, ist Professor Serebrjakow in der Tragikkömödie "Onkel Wanja" von Anton Tschechow. Gert Voss ist jetzt im Akademietheater in dieser Rolle zu sehen, eine Rolle, wie für ihn zugeschnitten. Da kann er Hypochondrie, Überheblichkeit, Selbstverliebtheit, Eitelkeit voll ausspielen, eben ein perfektes Ekel sein, das mit seinem Rheuma - "oder ist es heute vielleicht doch Podagra" - seine Umgebung tyrannisieren. Auch hier das Personal ähnlich wie bei Molière und Raimund: die liebende (?) Gattin, eine treudoofe Tochter, die sich für den eingebildeten Vater abrackert, ein Arzt, der allerdings das perfide Spiel des Professors durchschaut und ihn nicht behandeln will - in dieser Rolle fährt Michael Maertens mit seiner ganzen subtilen Schauspielkunst auf. Als Iwan Wojnizkij, genannt Onkel Wanja, das miese Spiel des Professors durchschaut - in dieser Rolle brilliert Nicholas Ofczarek - versucht er ihn zu erschießen. Der Versuch misslingt, der Professor zieht beleidigt mit seiner noch immer liebenden Gattin ab. Die zurück- bleiben, verfallen der Melancholie und Resignation.

Auf die Spitze des Absurden treibt Botho Strauß in seinem Erstlingsdrama "Der Hypochonder" das Thema. Aus dem ekelhaften Hypochonder wird ein Dandy. Vladimir fühlt sich allen überlegen und meint, mit allen sein Spiel spielen zu können, sie mit seinen eingebildeten Krankheiten lenken und tyrannisieren zu können. Doch er hat sich getäuscht. Letzten Endes werden alle gängigen Regeln der Komödie ausgesetzt: Der "deus ex machina" - hier ein gewisser Jakob, von dem man lange nicht weiß, ob er wirklich existiert - entpuppt sich als Vater Vladimirs. Er ist aber kein Retter in der Not, sondern verbündet sich mit dem Dienstmädchen Vera. Beide bringen den lästigen Hypochonder und dessen Geliebte um. Vera am Ende: "Los, Jakob, wir müssen uns beeilen. Das Schiff fährt in einer halben Stunde."

Herrlich respektlos

Anders sieht ein Hypochonder in der Epik aus. Die Figur des Hypochonders dreht sich um 180 Grad: War er bisher der Heuchler, an dem seine Umgebung leidet, so wird er nun zum Leidenden, der seine Umgebung hellsichtig kritisiert, sich von ihr zurückzieht, weil er ihre Heuchelei durchschaut. Dennoch aber bleibt er ein Hypochonder, diskreter als seine Kollegen aus der Komödie, aber doch immer Hypochonder. Und aus dem amüsierten Zuschauer wird ein mitfühlender oder skeptischer Leser. Woher die Umkehr der Perspektive kommt, erklären Ulf Geyersbach und Rainer Wieland in ihrem Buch "Schöner Leiden" zum Teil damit, dass die Autoren selbst Hypochonder waren. Sie nennen ihre Auswahl im Untertitel "Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums". Sofort wird klar, dass die beiden Autoren keinen Respekt vor Schriftstellern, deren Krankheiten und daher auch nicht vor deren hypochondrischen Figuren haben. Ihre Auswahl und jeweiligen Kommentare sind höchst amüsant: Marcel Proust etwa wird nachgesagt, ein großer Hypochonder gewesen zu sein. In der "Suche nach der verlorenen Zeit" heißt es: "An die Medizin zu glauben wäre ... der größte Wahnwitz, wofern es nicht ein noch größerer wäre, nicht an sie zu glauben." Ein Dilemma, meinen die Autoren ironisch. An Thomas Bernhard arbeiten die beiden ihre ganze Humorbreite ab:

"Bernhards Helden ... sind vor allem zu Grantlern, Schimpfern, Tadlern, Hassern, Miesfindern und Madigmachern berufen ... Seine Helden sind, wie die Menschheit insgesamt, Leidende". In "Frost", "Die Kälte", "Der Atem" kann der Leser nach solchen "Unterganghofern" - so die beiden Autoren - schürfen und reichlich fündig werden.

Auch Thomas Mann, Italo Svevo, Philip Roth oder Tennessee Williams kommen nicht ungeschoren davon. Allen Lesern, die sich dem Thema von der ironischen Seite nähern wollen, sei diese Hypochonder-Sammlung wärmstens empfohlen.

Artikel erschienen am 7. Dezember 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 8-12

Literaturliste:
Molière: "Der eingebildete Kranke",übersetzt von Hans Weigel, Diogenes
Ferdinand Raimund: "Der Alpenkönig und der Menschenfeind", Reclam
Anton Tschechow: "Stücke", übersetzt von Thomas Brasch, Suhrkamp Verlag
Botho Strauß: "Der Hypochonder", dtv
Ulf Geyersbach und Rainer Wieland: "Schöner Leiden", Argon Verlag

Theater-Tipp.
"Onkel Wanja" im Akademietheater: 9., 15., 18., 21., 26. Dezember, weitere Infos: www.burgtheater.at, T: 01/ 513 513