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Integration, ohne darüber zu reden

Von Stefan Beig

Politik

Eine Halle für zeitgenössische Kunst bringt alle Menschen vor Ort zusammen.


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Wien. Er ist Wiens längster Straßenmarkt und erstreckt sich von der Thaliastraße bis zur Ottakringer Straße, und mit bis zu 120 Ständen am Samstag ist der Brunnenmarkt auch Wiens zweitgrößter Markt nach dem Naschmarkt. Bekannt ist er für seine kulturelle Vielfalt, zu der viele Lokale und Geschäfte beitragen. Werner Binnenstein-Bachstein, Generalsekretär der Caritas, wohnt seit 2003 in der Nähe des Brunnenmarkts. Der gebürtige Vorarlberger hatte vor fünf Jahren eine ungewöhnliche Idee, wie man hier ein "neues Miteinander" schaffen könnte: über zeitgenössische Kunst. Eine ehemalige Markthalle sollte als Veranstaltungsort dienen. Es war die Geburtsstunde der Brunnenpassage, die dieses Wochenende mit einer Reihe von Musik- und Tanzveranstaltungen ihren fünften Geburtstag feiert.

Mittlerweile sei der Brunnenmarkt ein "entspanntes Mosaik" geworden, die Durchmischung sei stärker als früher, meint Binnenstein-Bachstein. Dank einiger namhafter Künstler, die auch weniger elitäre Bevölkerungsschichten mit ihrer Kunst erreichen wollen, lockt das Programm mittlerweile Interessierte aus ganz Wien an. Doch der Fokus lag von Anfang an klar auf dem Umfeld in Ottakring. "Wir wollen Leute, die bisher keinen Zugang zu Kunst hatten, gewinnen", erzählt der Caritas-Generalsekretär. Gleichzeitig sei es ein "Integrationsprojekt, ohne dabei über Integration reden zu müssen".

Kann man mit zeitgenössischer Kunst Menschen zusammenbringen? Wird so ein Projekt in der Mitte der Gesellschaft ankommen? Die Gebietsbetreuung in Wien-Ottakring fand die Idee spannend, fragte sich aber, ob das auch klappen wird. Es gab "berechtigte Skepsis", wie Binnenstein-Bachstein betont.

Mittlerweile haben Konzerte, Gesangs- und Tanzprojekte, Workshops, Geschichtenerzählen, Theateraufführungen und DJing in den letzten fünf Jahren in der Brunnenpassage stattgefunden. Die Besucher sehen nicht nur zu, sondern wirken auch mit. "Täglich treffen sich hier Menschen, um gemeinsam mit professionellen Künstlern zu proben, zu produzieren und auf der Bühne zu stehen", berichtet die künstlerische Leiterin Anne Wiederhold. Es seien Community-Arts Projekte, und über die werden viele selbst zu Künstlern.

"Über Community-Art bringt man bestimmte Communitys dazu, gemeinsam Kunst zu machen", erzählt Wiederhold gegenüber der "Wiener Zeitung". Menschen, die ansonsten gar nicht die Möglichkeit haben, sich künstlerisch auszudrücken, kriegen hier diese Chance. So könne jeder über moderne Kunst "seine eigene Kultur einbringen", betont sie. Und dadurch würden alle Kulturen gemeinsam etwas Neues schaffen. "Hier treffen Welten aufeinander." Ängste würden so abgebaut und Vielfalt würde als Bereicherung erlebt, und zwar "ohne Zeigefinger: Alle sind freiwillig, aus eigenem Wunsch, dabei."

Natürlich: Für Veranstaltungen mit traditionellem Tanz und Gesang ist auch Platz. Eine indischstämmige Anrainerin führt hier etwa den indischen Kathak-Tanz auf. Nur auf provokante Kunst wird verzichtet. "Wir wollen Menschen nicht verschrecken oder negativ aufrütteln. Dafür ist der Platz hier nicht geeignet", meint die künstlerische Leiterin.

Es gebe natürlich auch andere Wege, das Miteinander zu fördern, räumt die gebürtige Deutsche ein, etwa über Sport oder gemeinsames Essen. "Aber über Kunst kann der Mensch seine eigene Identität wahrnehmen. Wenn man sich selbst künstlerisch ausdrückt - über Tanz etwa oder Gesang - passiert viel mit dem Selbstbewusstsein und der Selbstwahrnehmung." Die Anderen nehme man auf diesem Weg auch stärker wahr.

"Stolz-Sein tut jedem gut"

Auch viele Kinder und Jugendliche nehmen an diversen Theater- oder Tanzaufführungen teil, zu denen selbstverständlich die eigenen Verwandten eingeladen werden. "Dieses Stolz-Sein tut jedem gut", ist Binnenstein-Bachstein überzeugt. Einmal hat ein türkischer Vater zu ihm gesagt: "Seit 25 Jahren lebe ich in dieser Stadt. Heute habe ich auch das Gefühl, dass ich hier angekommen bin."

Ein wichtiges Ziel war von Anfang an die Mischung und keine geschlossenen Veranstaltungen für Hochzeiten oder ähnliche Feste durchzuführen. Wichtig war es auch mehr als nur eine einzige Community zu erreichen. Eingeladen sind alle. Bei Frisiersalons und Ärzten in der Umgebung werden die Veranstaltungen angekündigt, auch mit den Jugendzentren ist man in Kontakt.

Insgesamt kommt man mittlerweile auf 400 Veranstaltungen und 20.000 Besucher im Jahr. Es gibt viele Anfragen, denn die Caritas stellt die Brunnenpassage in der Regel unentgeltlich zur Verfügung; von den Besuchern wird lediglich eine Spende erwartet um die Kosten zu decken. Doch auf die künstlerische Qualität der Projekte werde geachtet, erzählt Wiederhold, weshalb auch Projekte abgelehnt werden.

Elif Isik ist bei der Brunnenpassage seit vier Jahren im administrativen Bereich tätig. Wenn sie gefragt wird, woher sie kommt, dann nennt Isik weder die Türkei noch Österreich. Sie erwähnt auch nicht das AKH, in dem sie geboren wurde. Ihre Antwort lautet immer: "Ich bin aus Ottakring." Denn: "Ich bin überzeugte Ottakringerin." Ihre gesamte Kindheit hat sie hier verbracht. Seither habe sich viel verändert, speziell der Ruf der Gegend ist anders. Früher wurde sie oft gefragt: "Hast Du nicht Angst, am Brunnenmarkt zu wohnen?" Heute ist es ein In-Viertel, mit höherer Lebensqualität und höheren Wohn-Preisen, sagt Isik.

Mehr Durchmischung

Für Elif Isik war Ottakring schon immer ein lebenswerter Bezirk. "Er war einfach lustig, nie langweilig, ständig war etwas los. Es ist schön, das ganze Viertel als Nachbarschaft zu erleben und dabei so viele Kulturen kennenzulernen. Das war für mich immer eine Bereicherung." Die Gemeinsamkeiten der Kulturen würden überwiegen. Dass die Durchmischung heute stärker als früher ist, bestätigt auch Isik. Anders als früher gingen heute auch Alteingesessene in türkische Supermärkte. Seit ihrer Tätigkeit bei der Caritas befasst sich Isik bewusster mit dem Miteinander in ihrem Bezirk.

Vor vier Jahren bewarb sich Elif Isik bei Binnenstein-Bachstein um eine Stelle bei der Caritas und bekam prompt den Job bei der Brunnenpassage. Es war damals eine "schwierige" Zeit, weil sie dachte, dass sie mit Kopftuch keine Arbeitsstelle finden würde. Heute freue es sie besonders, an einem Projekt mitzuwirken, "bei dem alle willkommen sind. Ich bin der Caritas extrem dankbar. Sie hat meinen Horizont erweitert, mir Türen geöffnet und mir Hoffnung gemacht." Binnenstein-Bachstein betont: Es gehe nicht an, Migranten "nicht mitspielen zu lassen, und sich dann darüber zu beschweren, dass sie ihre eigenen Regeln entwickeln."

2011 wurde die Brunnenpassage mit dem Österreichischen Integrationspreis ausgezeichnet. Mittlerweile reifen schon Pläne, das Konzept der Brunnenpassage auch in anderen Wiener Gemeindebezirken zu verwirklichen. "Es kribbelt mir schon seit einem Jahr in den Fingern", erzählt die künstlerische Leiterin Wiederhold. "Wir sollen auch zu anderen Orten gehen." Sie erwähnt etwa den 10., 11. und 21. Wiener Gemeindebezirk.