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Irak: Pilgerfahrt in den Tod

Von WZ Online

Politik

Bis zu 1000 Tote befürchtet | Angst vor Attentat löst Massenpanik aus | Attentate gehören im Irak zum blutigen Alltag, am Todestag des Imam machten sich trotz der Gefahr Hunderttausende Pilger auf und marschierten in Richtung des Schreins im nördlichen Zentrum von Bagdad. Vor allem Kinder, Frauen und Ältere starben qualvoll, als eine Massenpanik auf einer Brücke zum Mausoleum ausbrach. Man befürchtet, dass bis zu 1000 Menschen zu Tode gekommen sein könnten.


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Bagdad. Am Vormittag wanderten Tausende Menschen über die Al-Aimah-Brücke, die die Viertel Adhamiyah und Kasimiyah verbindet. Die einen kommen zurück vom heiligen Schrein, die anderen wollen dorthin. Sicherheitskräfte der Mahdi-Armee des radikalen Schiitenführers Moktada al-Sadr, Polizisten und Soldaten versuchen, die Massen unter Kontrolle zu halten.

"Plötzlich schrie jemand, dass in der Menge Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürteln seien", berichtet ein Milizionär der Mahdi-Armee. Sofort hätten die Menschen begonnen, in alle Richtungen zu rennen. "Es war die Hölle", sagt der junge bärtige Mann. Wegen ihrer langen Gewänder hätten Frauen nicht richtig laufen können, noch dazu klammerten sich ihre Kinder an sie. In der Panik werden sie zu Tode getrampelt, berichtet Abdul Walid in einem nahegelegenen Krankenhaus, der die Tragödie mit einem gebrochenen Arm und zahlreichen Prellungen überlebte. Doch was mit seinem Sohn geschah, weiß der 54-Jährige nicht. "Er war auf meinen Schultern, ich weiß nicht, wo er jetzt ist. Alle drohten zu ersticken, und schließlich musste ich springen", sagt Walid wie betäubt.

Schon bevor die Panik ausbrach, sei es zu einem Stillstand auf der völlig überfüllten Brücke gekommen, berichtet Walid: "Es gab keinen Zentimeter Platz und die Leute konnten nicht mehr atmen." Als sich dann das Gerücht von den Selbstmordattentätern verbreitet, bricht Panik aus. Zu dem Zeitpunkt befindet sich Ahmed Jasim auf der Mitte der Brücke. "Ich habe versucht, die Kinder hochzuheben, aber ich wurde weggefegt", sagt der 28-Jährige, der mit gebrochenem Schulterbein und Arm davon kam. Er selber sei jung und kräftig, und habe es so geschafft, sich seinen Weg an die Seite zu bahnen und in den Tigris zu springen. "Fünf Minuten später und ich wäre tot gequetscht worden."

Doch so viel Glück wie Jasim hatten Hunderte Pilger nicht: Weil sie nicht schwimmen können, ertrinken sie in den Fluten des Tigris. Andere werden gegen die Betonbarrieren auf der Brücke gedrückt, die dort zum Schutz gegen Selbstmordattentäter errichtet wurden, die sich in Autos in die Luft sprengen könnten. Blutflecken auf dem Stein zeugen später von ihrem qualvollen Tod.