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Iraks Kurden fordern Aufklärung

Von Veronika Eschbacher

Politik

Herkunft des Giftgases für Angriff von Hussein vor 25 Jahren soll geklärt werden.


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Erbil. Verzerrte Gesichter mit offenen Mündern, gekrümmte Körper inmitten von Erbrochenem und Blut, Menschen, die sich in den letzten Zügen schützend um ihre Kinder legten - die Bilder der Gasattacke auf Halabdscha im kurdisch bewohnten Teil des Irak waren schwer zu ertragen. Fast 25 Jahre nach dem Giftgasangriff sterben noch heute Menschen an Senfgas, das sich heimtückisch in Kellern hält. Im Zuge eines Dekontaminierungsprogrammes denkt die kurdische Regionalregierung nun darüber nach, Gasrückstände untersuchen zu lassen und durch einen Abgleich herauszufinden, von wem das Gas geliefert wurde. Deutsche und russische Firmen könnten infrage kommen, berichtet die britische BBC.

Der irakische Diktator Saddam Hussein rächte sich 1988 mit der Attacke an den Bewohnern von Halabdscha, das an der Grenze zum Iran liegt: Ihm missfiel, dass ethnische Kurden in den letzten Wochen des irakisch-iranischen Krieges die iranischen Truppen mit Freude begrüßt hatten. Nach einem zweitägigen Bombardement der Stadt folgte der Giftgasangriff, der mindesten 5000 Menschen in den Tod riss. Im März 2010 erkannte das irakische Oberste Strafgericht das Massaker als Genozid an.

"Technisch machbar"

Der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon erklärte der BBC, dass es technisch möglich sei, die Herkunft der Chemikalien zu klären. Nervengifte wie Tabun oder Sarin verdampfen sehr schnell, das damals ebenfalls eingesetzte Senfgas hingegen ist schwerer als Luft und sinkt zu Boden. Infolge kann es zu Einschlussbildungen kommen. Bretton-Gordon erwartet, dass neben den Kellern in Halabdscha auch aus den Massengräbern Senfgasproben entnommen werden können. Diese kann man in seine molekularen Grundkomponenten zerlegen und die so erhaltene spezifische Signatur mit Mustern der Produzenten abgleichen - soferne die Hersteller diese zur Verfügung stellen. Aber auch wenn sie sich weigern, kann man die im Irak vorhandenen Bestände zum Abgleich nutzen.

Die Sowjetunion wird immer wieder mit Lieferungen an Saddam Hussein in Verbindung gebracht. Aber auch westdeutsche Firmen - die chemische Industrie war zu der Zeit von internationalen Verkaufsverboten ausgenommen - kommen infrage.

Die kurdische Regionalregierung muss den Untersuchungsplänen noch zustimmen. Man will erst mit der Bevölkerung beraten, bevor man die Massengräber öffnet, sei aber sehr an der Aufklärung interessiert, so ein hochrangiger Regierungsvertreter.