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Irgendjemand muss etwas gewusst haben

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Die Jagd nach Osama bin Laden hat das Misstrauen zwischen den USA und Pakistan vergrößert. In der Kritik steht insbesondere der pakistanische Geheimdienst ISI.


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Die pakistanische Stadt Abbottabad scheint das perfekte Versteck gewesen zu sein. Weder die Offiziere der nahe gelegenen pakistanischen Militärakademie haben jemals von Osama bin Laden etwas bemerkt noch das Team der US-Special-Forces, das sich laut pakistanischen Beamten dort von September bis Dezember 2008 aufhielt.

Die Jagd nach Bin Laden, der schon seit 2005 nur wenige Fahrtstunden nördlich von Islamabad lebte, hat das Misstrauen zwischen den USA und Pakistan vergrößert. Wie groß der Ärger der Pakistanis über den Alleingang der USA bei dem Angriff ist, lässt sich daran ablesen, dass der Postenchef der CIA in Islamabad soeben "geoutet" wurde - bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr.

Mehr als eine Woche nach dem Angriff auf Bin Laden steht immer noch eine nagende Frage im Raum: Wie haben die Pakistaner es fertiggebracht, den weltweit führenden Terroristen nicht zu bemerken, versteckte er sich doch, wie einige Beobachter anmerkten, auf einem Gebiet, das praktisch dem eigenen Militär gehört? Dieses Rätsel bringt die pakistanischen Behörden in Verlegenheit und erzürnt die USA.

Irgendjemand muss etwas gewusst haben - und der hätte in Pakistan eigentlich Verbindungen zum pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) haben müssen. Das heißt allerdings nicht notwendigerweise, dass die ISI-Führung etwas vom Unterstützungsnetzwerk wusste. Und darin besteht ein Teil des Problems.

Der ISI ist "ein Haus mit vielen Zimmern". Was in einem Flügel bekannt ist, muss man im anderen nicht wissen. Tatsache ist, hätte der ISI Informationen über den Aufenthalt Bin Ladens kommuniziert, würden die US-Geheimdienste sie bei ihren Überwachungen wohl aufgefangen haben.

Pakistanische Regierungsbeamte wehren sich gegen die Behauptung, an der in Washington kaum jemand mehr zweifelt, dass Pakistan die Al-Kaida nicht angemessen verfolgt hätte. Also veröffentlichten sie einige Details, die ihre Version unterstützen. Ein US-Regierungsbeamter sagte dazu: "Die Pakistaner haben uns tatsächlich Informationen gegeben, die nützlich waren, als die US-Regierung Geheimdienstmaterial zu Bin Laden sammelte. Ihre Informationen halfen uns, manche Löcher zu füllen."

US-Regierungsbeamte sind verärgert darüber, dass der ISI zwar einerseits hilfreich sein kann, gleichzeitig aber Gruppierungen unterstützt, die eine Bedrohung für die USA darstellen. Ein Beispiel ist das Haqqani-Netzwerk, die tödlichste Taliban-Splitterguppe im Osten Afghanistans. Ein anderes Beispiel ist Lashkar-e-Taiba, eine Gruppierung in Kaschmir, die Verbindungen zum ISI haben soll, was ab nächster Woche in einem Prozess in Chicago untersucht wird.

Dass Bin Laden so lange direkt vor den Augen der pakistanischen Armee logierte, hat für einige beißende Kommentare in Pakistan gesorgt. So meinte zum Beispiel Cyril Almeida im "Dawn": "Wussten wir von nichts, sind wir ein gescheiterter Staat; wussten wir doch etwas, sind wir ein Schurkenstaat. Aber kann irgendwer ernsthaft annehmen, dass sie von nichts wussten?"

Und was wird geschehen, wenn die USA damit beginnen, die in Bin Ladens Versteck gefundene Schatztruhe an Informationen auszuwerten? Dann könnte zum Vorschein kommen, ob die pakistanischen Behörden etwas wussten und gegebenenfalls was sie wussten und ab wann.

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung