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"Irgendwann kommt man dann heim, aber es dauert"

Von Michael Schmölzer

Politik

"Wie ich aus dem Auto gestiegen bin, in meinem Dorf, war es so, als sei ich nur kurz weggefahren", sagt Wachtmeister Schmidt. Der Steirer aus Graden bei Voitsberg war bis vor kurzem als Blauhelm auf dem Golan stationiert.


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Rückkehr in das steirische Voitsberg: Wachtmeister Andreas Schmidt in seinem Lieblingslokal "Stadtcafé".
© Foto: Michael Schmölzer

Die Nachmittagssonne knallt auf den Asphalt, Ö3 spricht von künftigen Rekordtemperaturen, doch die Hitze ist jetzt schon unerträglich. Wer kann, hat sich an einen schattigen Platz geflüchtet, in eines der Restaurants, die den Hauptplatz von Voitsberg säumen.  Eine träge Ruhe liegt über der oststeirischen Bergbaumetropole, auch das Stadtcafé ist nur schwach besucht. Zwei Männer nippen an ihren Getränken und starren auf die Tischplatte, die Kellnerin blickt ungeduldig auf die Uhr. In wenigen Minuten ist Schichtwechsel, dann kann sie endlich gehen.

Wachtmeister Andreas Schmidt hat die Ärmel aufgekrempelt, Sonnenbrille und Barett abgenommen. Vor kurzem war er noch mitten im syrischen Bürgerkrieg, als Blauhelmsoldat am Golan. Vor etwas mehr als einem Monat ist er in seine Heimat zurückgekehrt, nach Graden, einen kleinen Ort unweit von Voitsberg. Die Uniform hat er nicht abgelegt, immerhin ist er Berufssoldat, seit fast fünf Jahren schon, er versieht seinen Dienst jetzt in der nahen Kaserne. Sonst aber ist seit einigen Wochen alles anders. Das Einsatzgebiet an der israelisch-syrischen Grenze beschreibt Schmidt als "riesigen Steinhaufen": "Alles ist ausgetrocknet, die Felder sind verbrannt, das kann man sich hier nur schwer vorstellen", sagt er und bestellt bei der neuen Kellnerin ein Pago.

Der Tagesablauf im Krisengebiet war streng geregelt: Journaldienst, Beginn 6 Uhr Früh. Dann Wachdienst, Waffendrill, Ausbildung am Gerät, den Stützpunkt herrichten. Dann drei Stunden Freizeit, dann wieder Dienst bis 6 Uhr in der Früh. Die Möglichkeiten der Zerstreuung sind beschränkt; es wird eintönig, wenn man mehr als sechs Monate in der Einöde verbringen muss: "Wir haben gelesen, jeder hat viele Bücher mitgehabt, die haben wir dann untereinander verborgt", sagt Schmidt. Dann kann man Karten spielen, es gab einen Fernseher "mit einer Menge ausländischer Sender". Und ein Laufband, "super Gerät", erinnert sich der 22-Jährige. Immerhin hat jeder österreichische UN-Soldat Anspruch auf vier freie Tage im Monat, da kann man Tourist spielen, den Horizont erweitern. "Von Syrien habe ich gar nichts mitbekommen", sagt Schmidt, "außer die 16 Kilometer Straße, die wir als Patrouille abgefahren sind." Aber Israel, das sei ein sehenswerter Trip gewesen: "Tel Aviv, Jerusalem, Beersheba, durch die Wüste nach Eilat ans Rote Meer", schwärmt Schmidt.

Volle Deckung

Dann, am 27. Juni, Heimkehr: Die von Tel Aviv gestartete AUA-Maschine landet mit den Soldaten an Bord  in Wien Schwechat. Ein Empfangskomitee ist da, angetreten sind der Verteidigungsminister, der Generalstabschef, eine Abordnung von Offizieren. Immerhin hat die Bundesregierung erst kurz davor beschlossen, dass alle Österreicher vom Golan abziehen, der Einsatz, der 39 Jahre gedauert hat, ist für immer beendet. Zu gefährlich, Schlussstrich.

Die Heimkehrer werden in die Kaserne Götzendorf gebracht, dort gibt es ein kurzes, vertrauliches Gespräch mit dem Heerespsychologen; der gibt einem seine Telefonnummer: Man kann immer anrufen, sollte etwas sein. Dann, der große Augenblick: "Wie ich aus dem Auto gestiegen bin, in meinem Dorf, war es so, als sei ich nur kurz weggefahren", berichtet Schmidt. "Alles schaut gleich aus und trotzdem ist vieles am Anfang komisch gewesen." Eine Wiese zum Beispiel. "Dort unten am Golan kannst du nie einfach in eine Wiese hineingehen, weil du nicht weißt, was dich drinnen erwartet. Und mitten auf der Straße waren Erdhaufen und plötzlich sind bewaffnete Soldaten aufgetaucht. Das kann man sich hier gar nicht vorstellen." Der Kontakt mit den Leuten in Graden war "am Anfang irgendwie eigenartig", sagt Schmidt.

Die Erinnerung, die ist noch frisch: Granatfeuer, Detonationen neben dem Stützpunkt. Alle Mann volle Deckung, Stunden im Bunker, syrische T-55-Panzer vor dem Beobachtungsposten. "Man fühlt sich hilflos", sagt Schmidt, "das ist das Einzige." Seit mehr als zwei Jahren kämpfen Armee und Rebellen um jedes Dorf, zuletzt auch in dem schmalen Landstreifen, der Israel von Syrien trennt und den das österreichische UN-Kontingent zu überwachen hatte. Die Rebellen, erzählt  der 22-Jährige, seien gar nicht in die UN-Schutzzone eingedrungen, "die waren schon dort." Vor allem in der Stadt Jubbata al Khashab, mitten im österreichischen Zuständigkeitsbereich. Die Zone sei zwar demilitarisiert, das gelte aber nur für Soldaten der israelischen und syrischen Armee. "Die Rebellen sind ja keine regulären Kräfte und Waffen kann man leicht verstecken." Dann sei die syrische Armee außerhalb der UN-Schutzzone in Stellung gegangen, habe begonnen, mit Panzern und Granatwerfern in die Stadt hineinzuschießen. Dann, am 25. Dezember, habe er erstmals direkte Gefechte miterlebt. "Da sind die Soldaten in die Schutzzone gefahren und haben die Rebellen bekämpft. Die haben vorher einen Angriff gestartet und ordentlich eins auf die Mütze bekommen", erzählt Schmidt. "Das war direkt vor unserer Tür. Die Zivilisten sind zu uns gekommen, sie haben um Hilfe gebettelt. Die Männer sind hinaus aus der Stadt geflüchtet, haben mit der Faust gedroht und uns verflucht. Die Leute dort haben erwartet, dass wir etwas tun, dass wir eingreifen. Aber das haben wir nicht dürfen, wir haben nicht die Vollmacht gehabt."

Wichtiges und Wichtigeres

Er habe gewusst, was auf ihn zukomme, sagt Schmidt. "Golanis, (Soldaten, die schon im Einsatz waren, Anm.) haben uns in Götzendorf ausgebildet." So wurde etwa das Leben auf einem Stützpunkt nachgestellt. Doch für das, was dann wirklich passiert ist, gibt es keine Vorbereitung: "Das ist ein Ding der Unmöglichkeit." Die eine Seite, die Rebellen, habe die österreichische Truppe als lebende Schutzschilde verwendet. Die andere Seite, die syrische Armee, habe die gepanzerten UN-Fahrzeuge gezielt mit Gewehren beschossen. "Das tut einem nichts", sagt Schmidt. "Es hört sich von drinnen an wie ein Steinhagel und jagt einem nur einen Schrecken ein." Und das sei auch das Ziel gewesen: "Dann haben wir gewusst, dass da wieder eine Offensive geplant ist. Das war zu unserem Schutz, damit wir uns raushalten." Wenn dann der Beschuss mit schweren Waffen losgeht und man im Bunker sitzt, "dann resigniert man, bekommt eine Routine, was ich persönlich am beunruhigensten finde", sagt Schmidt. "Man hört die Abschüsse der Granatwerfer und reagiert einfach nicht mehr darauf." Abstumpfung. "Zuerst zuckt man bei einem lauten Knall zusammen, aber das hört irgendwann auf." Zwei junge Soldaten, die gleich nach dem Grundwehrdienst auf den Golan gekommen sind, haben sich nicht daran gewöhnt. Vor allem einer habe sich im Bunker "kurzzeitig stark verändert", berichtet Schmidt. "Die Kommandanten haben mit ihm gesprochen, auch der Heerespsychologe. Er hat sich dann wieder beruhigt. "Mit 18 macht man die ersten Schritte aus dem Familienhaus, man fängt erst langsam an, selbständig zu werden. Deshalb haben es die vielleicht am schwersten. Aber es gab auch Ältere, die mit den Gefechten am Anfang nicht klargekommen sind."

Irgendwann kommt man dann nach Hause, sagt Schmidt, aber das braucht Zeit. "Es dauert, bis man sich wieder angleicht. Am Golan gibt es nur Befehl und Durchführung, man gewöhnt sich einen rauen Ton an. Die Leute hier stört das, das kommt nicht so gut an." Oft hat er sich am Anfang über seine Umgebung in Österreich geärgert, war irritiert. "Unten sind die Probleme ganz andere. Die Leute hier regen sich auf, weil sie in der Hitze bis 16 Uhr arbeiten müssen. Oder es wird diskutiert, wer das schönere Auto hat. Früher habe ich auch so gedacht, jetzt nicht mehr. Das sind einfach keine wichtigen Dinge." Jetzt gibt es Wichtigeres für Schmidt. "Die Familie, die Zeit, die man mit ihr verbringt. Dass das nicht selbstverständlich ist, wird einem daheim nicht bewusst." Zum Beispiel die Eltern: "Dass die da sind, wird als normal angesehen, ist es aber nicht."

Am Golan hat Schmidt einem Mann, der seine zwei Kinder – eine Tochter und einen Sohn – im Keller versteckt hat, ein Paar alte Schuhe geschenkt. Der Sohn wäre eingezogen, die Tochter unter Umständen vergewaltigt worden. "Die Freude über die Schuhe, diese Banalität, kann man sich hier gar nicht vorstellen." Vorstellen könnten sich viele auch nicht, wie es derzeit am Golan zugehe. Oft heißt es, "wo die Österreicher hingehen, da passiert ohnehin nichts". Viele Golan-Veteranen würden erzählen, wie ruhig es bei ihnen war, fast wie ein Urlaub. "Die reagieren völlig ungläubig, wenn ich berichte", sagt Schmidt. Und er ärgert sich, wenn die österreichischen UN-Soldaten als Feiglinge beschimpft werden, weil sie abgezogen sind und nicht, wie sich das für einen Soldaten gehöre, den Tod in Kauf genommen haben. "Für mich persönlich war mein Auftrag nicht mehr durchführbar", sagt Schmidt. Es gebe Bundesheer-Soldaten, die das nicht so sähen. "Die, die abseits sitzen, die reden anders. Ich sage: Feig war keiner. Die Leute sind bis zum Schluss geblieben, wir haben unseren Auftrag perfekt durchgeführt." Es sei ein Wunder, dass kein Österreicher etwa durch Querschläger getötet oder schwer verletzt worden sei. Von Durchhalte-Parolen und vom Kampf bis zur letzten Patrone hält Schmidt prinzipiell nicht viel. Man müsse Todesopfer nicht willkürlich herbeiführen, "das hat es früher in der Geschichte einmal gegeben."

Printartikel erschienen am 30. August 2013 In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S 4-7