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Ob es genug Arbeit gibt und ob wir mit ihr fertig werden, ist das Thema. Mit den Begriffen wird freilich geflunkert, und manchmal sind wir bloß tätig und bezeichnen das als "Arbeit". | Ein veraltetes Vokabel kehrt in den aktiven Sprachschatz zurück: die Vollbeschäftigung. Fünf von neun Bundesländern haben sie angeblich schon.
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Aber Achtung, "Arbeit" hat seit den siebziger Jahren, als Kanzler Bruno Kreisky die Arbeitslosigkeit vergeblich durch "Deficit spending" zu bannen versuchte, eine mehrfache Umwertung und - man denke an schonungslose Formen der Flexibilisierung - Abwertung erfahren.
Aber noch immer ist nicht entschieden, ob in der postindustriellen Gesellschaft Selbstverwirklichung und -bestätigung unabhängig von der Arbeitsleistung zu haben sind. Oft scheint es so. Aber bei genauerem Hinschauen ist das komfortable Glück stark fremdfinanziert, sei es durch geschickt manipulierte staatliche Zapfstellen, durch ererbten Reichtum oder durch den Rückhalt der Elterngeneration. Sobald aber die Arbeitslosigkeit existenziell zuschlägt, bedeutet sie Not und Bedrohung im alten Sinn.
Selbstverständlich bemächtigt sich die Politik jeder Trendwende und leistet Zulieferdienste etwa durch die Erfindung der Mindestsicherung. Aber der Jubelruf, es gäbe in Oberösterreich, Tirol, Salzburg, Vorarlberg und Niederösterreich bereits Vollbeschäftigung, ist schon durch die Definition fragwürdig. Wenn Wirtschaftsminister Martin Bartenstein eine Arbeitslosenquote von vier Prozent zur Vollbeschäftigung erklärt, so ist das ein sehr kulanter Umgang mit einer Schicksalsfrage. Wobei die vier Prozent Arbeitslosigkeit nach EU-Definition sowieso viele Menschen abseits des Erwerbslebens stehen lassen.
Und überhaupt "Vollbeschäftigung"! Das war, wenn es sie je gab, eine Vollbeschäftigung der Männer, welche die Familien erhalten sollten und deshalb von der Arbeitsmarktpolitik unter Glassturz gestellt wurden. Der "Pater familias" hat sich jedoch verabschiedet, noch öfter wurde er um der Gleichberechtigung willen ins Eck gestellt und somit auch in seiner Rolle als Familienerhalter beschnitten. Wodurch sich, wie Gudrun Biffl vom Wifo präzisiert, Vollbeschäftigung heute nur noch bedeuten könnte, dass jeder, der am Erwerbsleben teilnehmen will, dies auch kann, freilich ohne Garantie, davon auch den Lebensunterhalt zu sichern.
In der kommenden Woche stellt das Forum Alpbach die provokante Frage "Nie wieder Vollbeschäftigung?", während die Waldviertel Akademie das problematische Spannungsverhältnis unter das Motto stellt "Arbeit - der Mensch zwischen Fremd- und Selbstbestimmung". Allein bei der Waldviertel Akademie versuchen so anerkannte Fachleute wie Biffl und Markus Marterbauer vom Wifo oder Wolfgang Mazal von der Universität Wien das Dickicht der Ideen zu entwirren, und Kapazitäten wie der Philosoph Peter Kampits und der Zisterzienser Gregor Henckel-Donnersmarck schirmen den Themenkomplex von der geistigen, kulturellen und ethischen Seite ab.
Apropos Kultur: In einem Essay für den Foto-Prachtband Georg Rihas über Österreichs Industrie merkt Konrad Paul Liessmann an, dass sich die Menschen in unserer Blütezeit der Produktivität zusätzlich "Arbeit" mit einem gewissen Fanatismus aufhalsen: Beziehungsarbeit, Erziehungsarbeit, Körperarbeit, Überzeugungsarbeit, Trauerarbeit, ja sogar Erholungsarbeit. Wenigstens so gesehen sind wir eigentlich recht voll beschäftigt, auch wenn es mit der Vollbeschäftigung hinten und vorn nicht mehr stimmt.

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