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"IS wie SS"

Von Clemens Neuhold und Jan Michael Marchart

Politik
Wahlhelfer in Niederösterreich: FPÖ-Chef Strache bei NÖ-Landesparteiobmann Höbart in Guntramsdorf und in der Mödlinger Disco - umringt von Cobra-Beamten.
© Jan Michael Marchart

Bewacht von der Cobra tourt Heinz-Christian Strache wahlkämpfend durch den Wiener Speckgürtel. Er warnt vor dschihadistischen Kopfabschneidern in der Nachbarschaft und überrascht mit neuen Freunden.


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Wien. Das Rauchverbot ist in aller Munde. Wie zum Widerstand führen die Fans von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beim Heurigen Kreutzwieser in Brunn am Gebirge ihre Zigarette zum Mund und vernebeln den Blick auf den Stargast. Jungfunktionäre der blauen Ortsparteien mit Schal oder mit Baseball-Kappe, vereinzelt auch mit Schmiss mischen sich am "Schilling-Fest" unters Volk. Ein 2-Euro-Gutschein soll den Gästen jeden Alters "Preise wie vor 15 Jahren" garantieren. Der Rauch zum Geselchten gehört in der Heurigen-Stube dazu.

Strache selbst ist Raucher. An diesem Abend hätte er sich wohl insgeheim ein rauchfreies Lokal gewünscht. Er ist grippig, trinkt Tee, um die Stimme zu schonen. Er braucht sie, um gegen die Verbotskultur zu wettern: "Jeder Wirt soll selbst entscheiden. Was kommt als Nächstes? Eine Gesundheitsabgabe auf das Schnapserl und den Schweinsbraten?" Ein anderes Thema tischt Strache an diesem Abend aber noch viel öfter auf - es begleitet ihn in Gestalt stiernackiger Bodyguards: der islamistische Terror. Nach den Attentaten in Paris und den vereitelten Anschlägen in Brüssel sind zusätzlich zur üblichen Security mehrere Cobra-Beamte für Strache abgestellt.

Der geräumige Heurige Schup in Guntramsdorf kann nicht alle 200 Besucher aufnehmen. Auch hier ist es entsprechend verraucht, doch die Stimme hält: "Seit zehn Jahren warne ich vor dem radikalen Islamismus, doch sie haben mich als Hetzer beschimpft." SPÖ und ÖVP hätten weggeschaut, nun sei Österreich im "Gefährdungszentrum". Für Strache ist klar: "Bei uns kracht’s auch bald." Die 60 aus Syrien zurückgekehrten Dschihadisten seien "tickende Zeitbomben". Strache zitiert ausführlich aus den grauenhaften Videos über Köpfungen mit "stumpfen Messern" und warnt die Guntramsdorfer vor Kopfabschneidern als "Nachbarn in der Region". Dann zieht er Parallelen zwischen der Terrororganisation IS und der SS der Nazis. "Da ist kein Unterschied."

Diese Dschihadisten gehörten mit einem "One-Way-Ticket" zurück nach Syrien geschickt, nimmt er beim grünen, türkischstämmigen Bundesrat Efgani Dönmez Anleihen. Der prägte den Sager nach einer Wiener Demo für den türkischen Präsidenten Erdogan. Applaus. "Rrrrraus!", entfährt es einem älteren Strache-Fan. Doch wer glaubt, dass es an diesem Abend zu einer Generalabrechnung mit dem Islam kommt, wird enttäuscht. "Wir wollen keinen Generalverdacht gegen unsere muslimischen Mitbürger", sagt Strache bei beiden Heurigen wortgleich. Er kenne viele Moslems, die den Terror ablehnten. "Die haben es nicht verdient, mit den Verbrechern in einen Topf geworfen zu werden." Die Dschihadisten seien ein "importiertes" Problem ohne österreichische Wurzeln.

Integrierte Moslems als Straches neue Freunde? Eine überraschende Volte einer Partei, die unter Ausländern und Migranten bisher zwar auf serbisch-orthodoxe Wähler gesetzt hatte; den Islam und seine Anhänger aber als Widerspruch zum Abendland als liebsten Reibebaum benutzte.

"Anatolien", kommentiert ein Heurigen-Gast die neue Linie kryptisch. Kein Applaus. Wenn es um Zuwanderung geht, wollen die Gäste des Abends klare Ansagen. Die liefert Strache kurz darauf: "Probleme sind dort zu lösen, wo sie sind. Egal, ob im Nahen Osten, Afrika oder Asien." Tosender Applaus. Syrien sei schlimm, aber "warum kommen nur Männer? Wer lässt freiwillig seine Familie zurück?"

Stets an Straches Seite: Christian Höbart, Obmann der FPÖ in Niederösterreich, Mödling und Guntramsdorf. 2004 habe ihn Höbart bei der Tankstelle in Brunn angesprochen und daraus sei eine Freundschaft entstanden, erzählt Strache eine Anekdote über Höbart, für den er sogar grippig wahlkämpft.

Höbart hatte zuletzt für eine Welle der Empörung gesorgt, als er auf Facebook demonstrierende Asylwerber in Traiskirchen als "Höhlenmenschen" beschimpfte. An diesem Abend meidet er solche "Überspitzungen", wie er es nennt, und konzentriert sich ganz auf Regionales: Er kritisiert die neuen "DDR-Bauten der Sozialisten" im Ort und wirbt mit einem "Schulstart-Hunderter".

Von den "Sozialisten" will die FPÖ nicht nur in niederösterreichischen Gemeinden die meisten Stimmen holen, sondern auch in Wien. Dort will Strache Bürgermeister werden. Deswegen läuft er sich im Wiener Speckgürtel bereits für die Wien-Wahl warm. Seine liebste Waffe: der Islamismus. Er wird bis zur Wiener Wahl, die voraussichtlich Ende Juni stattfindet, mit allen Mitteln versuchen, die Partei von Bürgermeister Michael Häupl als "Islamistenpartei" dazustellen.

Beim Heurigen unterstellt er SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann, den Terror bei Gedenkveranstaltungen zu wenig als "islamistisch" benannt zu haben; er unterstellt dem SPÖ-Gemeinderat und Moslem, Omar Al-Rawi, "engen Kontakt zur fundamentalistisch-radikalen" Szene, was dieser scharf zurückweist, und spricht von der "Sektion Islamismus".

Die Arbeiter im Publikum hat er längst auf seiner Seite. Beim Heurigen outet sich ein Strache-Fan mittleren Alters als Mitarbeiter der Stadt Wien. "Stellt’s ja keine Bilder von mir auf Facebook", rügt er Freunde, die mit dem Smartphone hantieren. "Wenn ich mir die Gebühren und Preise für Sozialwohnungen anschau’, muss ich sagen: Die SPÖ ist längst keine Arbeiterpartei mehr. Und auch die Gewerkschaft schaut nur noch mit Manner-Schnitten vorbei, wenn Betriebsratswahlen sind."

Seine Frau wolle arbeiten, bekäme aber nur Absagen. Die "Neu-Österreicher" in Ottakring hingegen, die würden den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen. "Wie ist das möglich, dass die Kaffeehäuser dort untertags so voll sind?"

Und Strache ändert das? "Wir sind am Boden. Es kann nur besser werden." "Aber", fügt er hinzu und zieht an seiner Zigarette: "Gegen unsern kommt er nicht an." Die Freunde wissen, wen er meint, und nicken. Den "Jörgl". "Aber der hat uns doch die Hypo eingebrockt." Für den Einwand ernten die Journalisten ein müdes Lächeln. Der Haider habe die Hypo an die Bayern teuer verkauft und der Pröll sei halt so blöd gewesen, sie zurückzukaufen.

Ein durchtrainierter Mann mit Spitzbart ist sich sicher: "Der Tod Haiders war Mord. Von oben gesteuert." So wird auch der Absturz des Franken oder der Aufstieg der Islamisten erklärt. "Oben" ist Amerika. "Amerika ist der Hund", sagt er.

Bei ihnen liegt Strache richtig, wenn er statt der Nato auf eine "enge Kooperation mit Russland" setzt. Die Russland-Sanktionen der EU hätten Österreich bereits eine Milliarde gekostet. "Der Russe merkt sich das."

Zeitungen vertraut man hier eher nicht. "Zeig’ mir eine neutrale Zeitung und ich zeige Dir ein grünes Pferd", sagt einer. Beim Heurigen setzt es in der engen Atmosphäre sogar halb-aggressive Schulterhiebe für die Fremdlinge, die aber mehr dem Alkohol als dem Hass auf die "Lügenpresse" geschuldet sind.

Der Abend endet im Mödlinger Monkey Town. Ein Lehrling im coolen Outfit sagt: "Die meisten hier, die ich kenn’, wählen den Strache. Die SPÖ wählt hier niemand. Der Strache ist prominent und sagt einfach, was Sache ist."

Hier sagt Strache nur noch eines: "Feiert’s g’scheit, tanzt’s g’scheit ab. Aber steht’s nächsten Sonntag auf und wählt’s die richtige Partei."