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Wissenschaftlerin kritisiert politische motivierte Historien. | Berlin. Der heute so viel gescholtene Nationalismus hat sich im Orient durchgesetzt. Zu diesem überraschenden Schluss kommt Gudrun Krämer, Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin, bei einer Tagung in der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin. "99 Prozent aller marokkanischen Historiker schreiben nur über Marokko". Ebenso würden sich Historien anderer Geschichtsschreiber in der Region ganz auf die eigene Nation konzentrieren. "Der Nationalismus hat triumphiert", so Krämer.
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Die angesehene Islamwissenschaftlerin hielt am Freitag den Einleitungsvortrag beim zweitägigen Symposion "Geschichte und Erinnerung im zeitgenössischen Islam - zwischen Aufklärung und Apologetik". Organisator ist das Berliner Forum für progressive Muslime. Gudrun Krämer sparte nicht mit Kritik an manipulativen oder kritiklosen Geschichtserzählungen, die man etwa daran erkennen könne, dass sie zu einheitlich seien. Eine Darstellung, die den vielfältigen Entwicklungen gerecht werden wolle, schließe Einheitlichkeit aus.
Zu islamistisch motivierter Geschichtsschreibung brachte Krämer auch ein Beispiel: "Der muslimische Eroberer war ein Lehrer, ausgestattet mit Licht, Führung Erbarmen und Mitleid", erklärte Hassan al-Banna (1906 bis 1949), Gründer der Muslimbruderschaft, in einer Schrift über die islamische Anfangszeit. Doch Krämer vergleicht diese glorifizierende Darstellung der eigenen Geschichte mit Literatur, die den Kolonialismus als Überbringer des "Lichts der Aufklärung" preist.
"Eine kritische Betrachtung fällt weg", betont Krämer. Der einflussreiche ägyptische Gelehrte Yusuf al-Quaradawi, der über das Satellitenfernsehsender Al Jazeera ein Millionenpublikum erreicht, fordert aber von gläubigen Muslimen solche Kritiklosigkeit in Bereichen, die zentral für die Religion sind. In einem 2005 erschienenen Buch betont er: "Historiker müssen sich mit den westlichen Methoden der Geschichtsschreibung auseinandersetzen." Aber: "Der Historiker darf keine Widersprüche zur Religion dulden." Somit sei auch die Ära des Propheten Mohammed und seiner Begleiter von einer kritischen Betrachtung auszuschließen.
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