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Islamabads selektive Hilfeleistung: Die Flut gefährdet Pakistans Einheit

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Analysen

Krisen sind in Pakistan keine Mangelware. Das islamische Land mit seinen rund 160 Millionen Einwohnern kämpft mit schweren wirtschaftlichen Problemen, Terror, einer miserablen Sicherheitslage und politischer Instabilität. Die seit mehr als drei Wochen herrschende Flut droht die Lage noch zu verschärfen.


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Trotz der internationalen Hilfen, die langsam das Land erreichen, könnte es Jahre dauern, bis die Schäden der Flut beseitigt sind. Wenn die Krise vorbei und das Wasser wieder verschwunden ist, dürften die politischen, religiösen und ethnischen Bruchstellen des schwachen pakistanischen Staates noch größer geworden sein.

Die pakistanische Provinz an der afghanischen Grenze, kürzlich in Khyber Pakhtunkhwa-Provinz umbenannt, ist besonders schwer von der Katastrophe betroffen. Die von der Ethnie der Paschtunen dominierte Region wirft der Zentralregierung in Islamabad vor, nicht genug für die wegen des Wassers gestrandeten Menschen in Peshawar, den umliegenden Distrikten und für die Betroffenen im Swat-Tal und Umgebung zu tun. Die Provinz-Regierung ist besonders aufgebracht, weil Pakistans Premierminister Yusuf Raza Gilani keinen internationalen Hilfsappell startete, als die Nordwestprovinz in den Regenmassen versank.

Erst als die Flut sich nach Süden in die Punjab-Provinz, Pakistans politisches und wirtschaftliches Zentrum, ausbreitete, änderte die Regierung ihre Haltung. Doch während Islamabad Fluthilfe gleich in den Punjab dirigierte, ging die Grenzprovinz zunächst leer aus.

Die nordwestliche Provinz ist seit Jahren ein Kriegsschauplatz im Anti-Terror-Kampf der USA. Die Stimmung der Bevölkerung, auf deren Rücken der Krieg ausgetragen wird, ist ohnehin feindselig gegen Amerika und die Zentralregierung eingestellt. Dass die Hilfe so spät in der Region eintraf, erschien daher nur als ein weiterer Beleg dafür, dass sich weder die USA noch Islamabad wirklich um die Menschen vor Ort scheren.

Öl ins Feuer goss dann noch die Regierung der Punjab-Provinz. Ihr Ministerpräsident Shabaz Sharif gab ausgerechnet während des Hochwassers den Start eines umstrittenen Staudamm-Projektes bekannt, das große Gebiete in der Khyber Pakhtunkhwa-Provinz überfluten würde. Profitieren von dem Vorhaben würde jedoch der Punjab. "Die Errichtung des Dammes ist ein Zeichen für die Zerstörung der Paschtunen", wetterte der Sprecher der Khyber Pakhtunkhwa-Provinzregierung.

Solche Beschwerden werden sich in den nächsten Wochen eher verstärken, wenn es darum geht, die Hilfe an die Betroffenen in den Flüchtlingslagern zu verteilen und Häuser, Schulen, Straßen und Stromversorgung wiederaufzubauen. Die verheerende Flut testet den Zusammenhalt Pakistans.