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Israel setzt Libanon-Offensive fort

Von WZ Online

Politik

Ausweitung der Angriffe geplant | Drohungen von Al-Kaida | Israel geht weiterhin mit militärischen Mitteln gegen die im Libanon stationierte Hisbollah-Miliz vor und sieht sich darin von der Weltöffentlichkeit legitimiert. Auf der Nahost-Krisenkonferenz in Rom am Mittwoch habe Israel eine entsprechende "Genehmigung" erhalten, auch wenn einige Delegationen nur "zähneknirschend" zugestimmt hätten, sagte Justizminister Haim Ramon am Donnerstag im israelischen Armeerundfunk. Der Weltsicherheitsrat in New York hat sich wegen der Verweigerungshaltung der USA in mehr als zehnstündigen Beratungen nicht auf eine Erklärung zum israelischen Angriff auf einen UNO-Posten im Südlibanon einigen können. Die USA wollen Israel offenbar noch mehr Zeit geben, um gegen die vom Iran und von Syrien unterstützte schiitische Hisbollah-Miliz vorzugehen. Das israelische Sicherheitskabinett wollte am Donnerstag über eine Ausweitung der Militäraktionen entscheiden. Israelische Kampfflugzeuge haben unterdessen erneut Ziele im Südlibanon und in der östlichen Bekaa-Ebene angegriffen.


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Frankreich will dem UNO-Sicherheitsrat in der kommenden Woche den Entwurf für eine Libanon-Resolution vorlegen. Dieser sieht die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz vor, die bedingungslose Freilassung der zwei gefangenen israelischen Soldaten und die Schaffung einer Pufferzone an der Grenze zu Israel. Frankreich setze sich zudem für die Freilassung libanesischer Häftlinge in Israel ein, sowie für die Stationierung libanesischer Truppen im Süden des Landes, sagte Außenminister Philippe Douste-Blazy. Eine internationale Truppe unter UNO-Mandat könne erst dorthin entsandt werden, wenn ein stabiler Waffenstillstand herrsche. Er sei "sehr enttäuscht", dass die Konferenz in Rom sich nicht auf einen Aufruf zu einer sofortigen Waffenruhe habe einigen könne. Frankreich trete für ein sofortiges Ende der Feindseligkeiten ein, sagte Douste-Blazy. Eine rein militärische Lösung könne die Probleme mit der Hisbollah nicht lösen.

Ramon sprach sich einen Tag nach den bisher schwersten Verlusten der israelischen Armee für Angriffe mit verstärkter Feuerkraft aus. "Jeder im Süden des Libanon ist ein Terrorist und mit der Hisbollah verbunden", sagte der Minister dem Armeeradio. "Unser großer Vorteil gegenüber Hisbollah ist unsere Feuerkraft, nicht der Kampf von Mann gegen Mann." Die Luftwaffe müsse die Ortschaften im Südlibanon stärker bombardieren, bevor Bodentruppen einrücken könnten. Bei Nahkämpfen mit Hisbollah-Milizionären wurden am Mittwoch neun israelische Soldaten getötet und 25 weitere verwundet. Die Zerstörung ganzer Dörfer rechtfertigte der Justizminister damit, dass es sich hier lediglich um Stützpunkte der Hisbollah handeln würde. Die Zivilbevölkerung habe genug Zeit gehabt, den Südlibanon verlassen.

Ranghohe Vertreter der israelischen Streitkräfte befürworten eine Ausweitung der Offensive, wie aus Regierungskreisen in Jerusalem verlautete. Nach einem Bericht der Zeitung "Haaretz" wurde die Regierung von der Heeresführung kritisiert, weil sie am Mittwoch keine umfassendere Bodenoffensive angeordnet hatte. Damit wären die Truppen im Vorteil gegenüber der Hisbollah gewesen. Der Krieg hat seit 12. Juli 52 Menschen in Israel das Leben gekostet, darunter 34 Soldaten. Im Libanon wurden 423 Menschen getötet. In der Nacht auf Donnerstag beschoss die israelische Luftwaffe nach libanesischen Rundfunkberichten einen 50 Kilometer nördlich von Beirut gelegenen libanesischen Militärstützpunkt und eine benachbarte Relaisstation des staatlichen Rundfunks. Aus israelischen Militärkreisen verlautete, Ziel des Angriffs sei eine Radarstation der Hisbollah gewesen.

Angriff auf Hilfstransport

Bei Luftangriffen im Libanon hat die israelische Armee nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen auch drei mit Hilfslieferungen beladene Lastwagen beschossen. Durch den Beschuss am Donnerstag seien zwei Fahrer getötet worden, die medizinische Güter und Nahrung in den Osten bringen wollten, hieß es. Bei einem Angriff in Al-Karak wurden ein Polizist getötet und zwei Zivilisten

Videobotschaft der Al-Kaida

Über den Sender Al-Dschasira hat die Extremistengruppe Al-Kaida zum Kampf gegen Israel aufgerufen. Al-Kaida-Vize-Chef Aiman al-Sawahri warnte in einer Videobotschaft über den arabischen Fernsehsender Al-Dschasira Israel vor Konsequenzen bei einer Fortsetzung der Offensive gegen die libanesische Hisbollah-Miliz und die Palästinenser.

"Wie können wir ruhig bleiben, während wir Bomben auf unser Volk regnen sehen?", fragte Sawahri. "Moslems überall, ich fordere Euch auf, zu kämpfen und Märtyrer im Krieg gegen die Zionisten und die Kreuzritter zu werden." Die Botschaft trug die Überschrift "Der Zionisten-Kreuzritter-Krieg gegen Libanon und die Palästinenser". In dem Video machte der Al-Kaida-Vize keine konkreten Angaben, wie seine Organisation auf die israelischen Luftangriffe auf den Libanon und die Palästinenser-Gebieten reagieren werde.

Amnesty, Caritas: Humanitäres Desaster

Die Menschenrechts- und Gefangenenhilfe-Organisation Amnesty International will eine Kommission in den Libanon entsenden, um möglichen Kriegsverbrechen nachzugehen. Insbesondere müsse der Einsatz von Streubomben gestoppt werden. Die Organisation fordert einen Stopp von Waffenverkäufen an alle Beteiligten. Die von den Kampfhandlungen betroffenen Zivilpersonen benötigten unverzüglich Hilfe, der Konflikt im Libanon gleiche einem "humanitären Desaster". Der libanesische Staatspräsident Emile Lahoud hat das israelische Militär beschuldigt, bei seiner Offensive auch Phosphorbomben zu benützen. Die israelische Armee wies die Anschuldigungen zurück.

Die Lage der Binnenflüchtlinge im Libanon sei "extrem dramatisch". Das berichtete der Leiter der Auslandshilfe der Caritas Österreich, Christoph Petrik-Schweifer, am Donnerstag bei einem Pressegespräch in Wien. Die Versorgung der Binnenflüchtlinge werde immer schwieriger, vor allem im Südteil des Landes werde Nahrung und Wasser knapp, es gebe derzeit zu vielen Gebieten keinen Zugang. Petrik-Schweifer nannte die Errichtung von Hilfskorridoren, auf denen Helfer sicher sind, als vordringlich notwendige Maßnahme. Jetzt komme es immer wieder zu Situationen, in denen die Mitarbeiter der Caritas "nur unter eigener Lebensgefahr Leben retten" könnten.

Mehr als 70.000 Binnenflüchtlinge versorge die Caritas derzeit mit Essen, sauberem Wasser, Hygienepaketen bzw. Bettzeug, so die Angaben von Caritas-Präsident Franz Küberl.

Besonders schwierig sei die Lage der rund 100.000 in Flüchtlingslagern zusammengepferchten Palästinenser im Libanon, berichtete Petrik-Schweifer, der den Libanon noch kurz vor Ausbruch der Kampfhandlungen bereist hatte. Sie seien den Kampfhandlungen schutzlos ausgeliefert, könnten sich kaum schützen oder gar ins Ausland flüchten, so der Caritas-Auslandschef. Seit die PLO nicht mehr im Land sei, kümmere sich kaum jemand um diese Menschen, begründete Petrik-Schweifer das besondere Augenmerk der Caritas auf palästinensische Flüchtlinge.

Österreicher bleiben

Trotz des Bombentreffers auf einem UNO-Beobachtungsposten im Libanon mit vier Toten bleiben die zwei Österreicher, die derzeit noch als UNO-Beobachter im Südlibanon ihren Dienst versehen, auf ihrem Posten. Dies geschehe auch auf den ausdrücklichen Wunsch der beiden, sagte Generalmajor Günter Höfler, Kommandant der Streitkräfte, am Donnerstag auf Anfrage der APA. Die beiden seien weniger gefährdet, da die israelischen Streitkräfte an ihrem Beobachtungsposten bereits vorbeigezogen seien.