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Ist bei Satire alles erlaubt?

Von Heidi Weinhäupl und Ingrid Thurner

Gastkommentare

Keine Verbote, aber mehr Reflexion in den Redaktionen.


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Angesichts der Terroranschläge in Paris findet derzeit eine reflexartige Solidarisierung mit Inhalten statt, die davor viele als diskriminierend gesehen hätten. Wer anzweifelt, dass Satire alles darf, wird in dieser polarisierten Diskussion häufig abgestempelt: als Befürworterin des Terrors oder als argloser "Gutmensch", je nach Religionszugehörigkeit. Um alle Zweifel auszuschließen: Terror und Gewalt befürworten wir in keiner Situation. Doch was manche Cartoons betrifft, ist die Welt nicht nur schwarz-weiß, sondern komplizierter.

In der konkreten Frage geht es um eine Abwägung der Pressefreiheit gegenüber dem Recht darauf, nicht als Mitglied einer Gruppe diskriminiert zu werden. Das kann nicht immer und für alle Fälle zugunsten der Satire oder zugunsten der Presse entschieden werden - sonst hätte die Presse oder auch eine Kunstform alle Rechte und könnte jederzeit und überall diskriminierende Inhalte vermitteln. Gleichzeitig darf jedoch die Pressefreiheit oder die Freiheit der Kunst nicht zu sehr beengt werden.

Nicht alles ist für alle gleich lustig. Humor ist nichts Absolutes, immer und überall Gültiges, sondern kulturell eingelernt, mit Macht verbunden und historisch gewachsen. Dabei ist anzuerkennen, dass Menschen es nicht lustig finden, wenn über sie ständig die ewig gleichen Stereotype bildnerisch verbreitet werden. Ebenso ist zu akzeptieren, dass Personen es als Diskriminierung empfinden und sich betroffen fühlen, wenn ihre Religion immer wieder verunglimpft wird. Und wie die vielen Diskussionen in den sozialen Netzwerken gegenwärtig zeigen, sind auch viele Mitglieder der Mehrheit nicht bereit, einen diskriminierenden Cartoon als freie Kunst zu sehen.

Was aber tun? Gesetzliche Verbote, die über die gültigen (zum Beispiel zur Verhetzung) hinausgehen, laufen Gefahr, die Presse- und Meinungsfreiheit zu stark einzuschränken. Ebenso ist Selbstzensur aus Angst vor negativen Reaktionen abzulehnen. Aber wir plädieren für Selbstreflexion in den Redaktionen und in der Gesellschaft anstelle einer kritiklosen und reflexartigen Solidarisierung mit allem, was als witzig erscheinen kann. Denn dadurch werden Diskriminierung und das Verbreiten von Stereotypen weiter enttabuisiert. Und anstatt über Machtverhältnisse und Vorurteile zu sprechen, wird die Macht der Presse und der gesellschaftlichen Mehrheit demonstriert.

Die europäischen Redaktionen sind mehrheitlich Mitglieder der gesellschaftlichen Eliten und haben meist keinen Migrationshintergrund. Das hat natürlich Auswirkungen auf ihre Perspektiven auf bestimmte Themen - die deutsche Psychologin und Pädagogin Birgit Rommelspacher hat dafür den Ausdruck Dominanzkultur geprägt.

Unsere Alltags- und Mediendiskurse sind allzu oft durchzogen von rassistischen, sexistischen, religionsfeindlichen und sonstigen diskriminierenden Strukturen. Diese müssen immer wieder durch Reflexion aufgedeckt und hinterfragt werden. Das täte auch manchem Leitartikel und manchem Feuilleton gut - ebenso denen, die uns täglich mit ihren Cartoons zum Lachen bringen, denn sie prägen wesentlich gesellschaftliche Diskurse, wie in diesen Tagen gerade wieder besonders deutlich wird.

Heidi Weinhäupl und Ingrid Thurner lehren am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie und sind Mitglieder der Teilnehmenden Medienbeobachtung an der Universität Wien.