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Ist Innovation im Rechtsbereich überhaupt notwendig?

Von Sophie Martinetz

Recht
Sophie Martinetz ist Gründerin und Leiterin von Future-Law, einer unabhängigen Plattform für Legal Tech, sowie Director des WU Legal Tech Centers. Die Digitalisierungsinitiative von Future-Law ist abrufbar unter: https://digitaleinitiative.future-law.at/
© Marlene Rahmann

Das Geschäft läuft gut. Daher sollte man in Ruhe Zeit in die Digitalisierung investieren.


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Die Profite pro Partner sind international bei Kanzleien um bis zu 22 Prozent (Quelle: Thomson Reuters 2022, mittlere Kanzleien) beziehungsweise in Österreich bei den Top 20 Kanzleien um durchschnittlich 6 Prozent (Quelle: Juve Handbuch Österreich 2021/22, Ranking 20 umsatzstärkste Kanzleien in Österreich) höher als noch vor der Corona-Pandemie. Die Taschen der Kanzleien sind also gut gefüllt. Wozu dann eigentlich überhaupt etwas ändern?

Das ist der erste Megatrend, der 2022 zu beobachten ist: Es gibt keine Dringlichkeit, das Geschäft funktioniert gut für die Anwältinnen. Aus der sogenannten Eisenhower-Matrix kennen wir die Einteilung von Aufgaben in zwei Bereiche: Wichtigkeit und Dringlichkeit. Es gibt also Aufgaben, die sind dringlich und wichtig. Diese gehören immer sofort erledigt. Eine gute Kauffrau sollte sich laut Lehrbuch allerdings nicht dauernd in diesem Bereich aufhalten, da der Druck enorm ist. Der anvisierte sollte der Bereich "wichtig" sein. Denn hier können wichtige und strategische Aufgaben in Ruhe angegangen und umgesetzt werden. Allerdings sind Menschen, die Adrenalin und Aktivität lieben, natürlich hier nicht so gerne, weil es langweilig ist. In welche Kategorie Anwältinnen passen, sei dahingestellt.

Da das Geschäft aber gut läuft und Digitalisierung "nur" in den Bereich "wichtig" fällt, wäre es gut, 2022 in dieses strategische Thema als Anwältin in Ruhe Zeit zu investieren. Das bedeutet konkret: die eigenen Prozesse in der Kanzlei zu analysieren und dann zu überlegen, wie diese zu verbessern wären. Nicht immer braucht es große (Legal)-Tech-Lösungen. Schauen Sie sich zum Beispiel Tools, die von Anwältinnen für ihre eigene Kanzlei entwickelt wurden, an und probieren Sie diese aus. Fangen Sie an, ihre bestehenden Tools wie Emailprovider, Textverarbeitung und Funktionen, die Sie noch gar nicht kennen, zu nutzen. Wie arbeitet Ihr Backoffice, geht alles wirklich auf Knopfdruck, wie verteilen und kontrollieren Sie die Arbeit innerhalb der Kanzlei? Eine durchschnittliche Anwältin hat mindestens 200 neue Akten im Jahr - wie wird dieser Aktenlauf von der Anlage bis zur Abrechnung gemanagt? Die Aufgaben werden immer kleinteiliger: Eine neue aufgabenteilige Aufstellung in der Kanzlei könnte Sinn machen, das Gleiche gilt für die Anschaffung neuer (Legal)-Tech-Tools. Diese könnten zum Beispiel sein: Dashboards aller Aufgaben aller Kanzleimitarbeiterinnen, automatische Zuteilung der Aufgaben, Versionierungen, rasche Ablage ohne großen manuellen Aufwand; Aktenanlagen, bei denen der Mandant vielleicht schon selbst die Daten einträgt, automatische Generierung aller zum Fall gehörenden Dokumente und automatische Vorbereitung des finalen Emails, das dann nur noch vor dem Versand in einem Legal-Tech-Tool freigegeben werden muss.

Das funktioniert bei Ihnen ohnehin schon alles für Sie und alle Ihre Mitarbeiterinnen und Kolleginnen gut? Dann haben Sie 2022 keine wichtigen strategischen Aufgaben mehr und können der Digitalisierung in Ruhe entgegenblicken.