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Italien, der wahre Brandherd Europas

Von Reinhard Göweil aus Washington

Wirtschaft

Wachstum 2012 kommt faktisch zum Stillstand. | Märkte nennen Berlusconi-Regierung größte Schwachstelle.


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Washington. "Wenn die Finanzmärkte aufhören zu glauben, dass Italien zukunftsfähig ist, und die Zinsen für das Land auf acht bis zehn Prozent steigen, dann wird es sehr schwierig", sagte Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Präsentation des jüngsten Wirtschaftsberichtes. Der Bericht fällt nicht so toll aus, die Wachstumsprognosen werden in allen Ländern zurückgenommen - besonders harsch fällt aber die Einschätzung Italiens aus: Das Wachstum für heuer wird von einem Prozent auf 0,6 Prozent reduziert. 2012 kommt das Wachstum praktisch zum Stillstand, der IWF revidiert seine Einschätzung gleich um einen ganzen Prozentpunkt auf 0,3 Prozent. Das ist der schwächste Wert aller Industrieländer.

Keine guten Nachrichten, denn Italien ist mit 61 Millionen Einwohnern die drittgrößte Volkswirtschaft Europas, die Wertschöpfung liegt bei circa 1700 Milliarden Euro.

Italiener selbst skeptisch

Der Wachstumsknick 2012 wird von den Experten im Währungsfonds auf den schrumpfenden Inlandskonsum zurückgeführt. Die Italiener sind vorsichtig geworden, die Eskapaden ihres Regierungschefs machten nicht nur die Finanzmärkte misstrauisch, sondern auch die Italiener selbst. Das nun verabschiedete Sparpaket soll Italien zwar jene Konsolidierung bringen, die das Budget benötigt, aber es hapert mit der Glaubwürdigkeit der Politik. Für Italien gilt, was Blanchard für die gesamte Eurozone erklärte: "Die Politik ist immer einen Schritt hinter den Märkten." Berlusconis Telefon-Mitschnitte, bei denen er zu Frauen sagte, er sei in seiner Freizeit Ministerpräsident, werden dagegen durchaus geglaubt.

Für Italien ist Glaubwürdigkeit ein hohes Gut: Das Land muss heuer und im kommenden Jahr insgesamt 509 Milliarden Euro seiner Staatsschuld refinanzieren. Wenn für diese enorme Summe noch hohe Zinsen zu bezahlen wären, könnte Italien wohl seine Budgetkonsolidierung vergessen.

Für die Eurozone ist Italien laut Einschätzung vom IWF-Experten in Washington das größere Problem als Griechenland. "Italien hätte im Euro-Schutzschirm keinen Platz, dann müsste es schon Eurobonds geben", sagte einer am Rande der Jahrestagung. Das "bel paese" ist nicht mehr so schön. "Italien ist das Japan Europas", sagte der ehemalige schwedische Regierungschefs Göran Persson kürzlich in Alpbach.

Denn neben der enormen Staatsschuld von 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (also der Wirtschaftsleistung), sind bei unseren südlichen Nachbarn auch die privaten Haushalte und die Unternehmen hoch verschuldet. Alles zusammen summiert sich auf 310 Prozent der Wirtschaftsleistung. 1980 lag dieser Wert bei insgesamt 110 Prozent.

Überdies geht die hohe Verschuldung einher mit einer überalterten Gesellschaft. Die italienische Mama, die für viele Kinder Spaghetti kocht, ist längst passé. Das Bevölkerungswachstum liegt bei nur 0,4 Prozent, das Durchschnittsalter mit 43,5 Jahren weit über dem (auch nicht beruhigenden) EU-Durchschnitt von knapp unter 40 Jahren.

Das schwache Wachstum heuer und noch schwächere im kommenden Jahr wird die Arbeitslosenrate von 8,7 Prozent weiter steigen lassen. Schon jetzt sind die Proteste gegen das Sparpaket beträchtlich. Experten befürchten dennoch, dass dieses nicht reichen könnte.

Das mit freiem Auge kaum wahrnehmbare Wachstum 2012 entfällt zur Gänze auf die Exportindustrie. Die Nahrungsmittelindustrie beispielsweise, die jährlich immerhin 124 Milliarden Euro erwirtschaftet, steigert ihre Exporte deutlich. Sie kommt aber, wie auch die Chemieindustrie, unter Druck, weil die Rohstoffpreise steigen.

Ein trauriges Bild gibt der Inlandskonsum ab: Er wird heuer und nächstes Jahr schrumpfen. Wenn sich die Politkrise um Berlusconi weiter verschärft, könnte Italien in eine Rezession schlittern. Für die Eurozone wäre dies die wahre Katastrophe . . .