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Ja, nein, vielleicht, nie im Leben!

Von Eva Stanzl und Ina Weber

Wissen
Ob geheiratet wird oder nicht, entscheidet nicht zuletzt das eigene Bild, das man sich über die Ehe der Eltern gemacht hat.
© © © David Turnley/CORBIS

Ein öffentliches Bekenntnis füreinander abzugeben, bringt viele in die Zwickmühle. | Heiraten aus Liebe - oder gerade aus Liebe nicht heiraten?


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Wien. "Keine Ahnung", "Das ist eine lange Geschichte", "Das hab’ ich mir noch nicht so genau überlegt". Monika S. runzelt nachdenklich ihre Stirn. Sie ist 37 Jahre alt, hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Lebensgefährten, der auch Vater der Kinder ist, seit Ewigkeiten zusammen. "Warum sie nicht heiratet", wurde sie gefragt.

Dass allein die Frage nach "heiraten oder nicht heiraten" die Emotionen hochgehen lässt, merkte man den spontan Befragten sofort an. So unterschiedlich die Antworten ausfielen, die meisten waren nicht eindeutig und von emotionalen Windungen geprägt: "Ich will dieses Gefühl einfach spüren, dass der Wunsch so stark da ist, dass ich sagen kann: Da sträubt sich kein einziges Haar in mir, das gehört jetzt noch zu meinem Leben."

Was für Monikas Elterngeneration noch undenkbar erschien, ist heute nichts Außergewöhnliches mehr. Aus der Braut mit 20 Jahren, die keine andere Wahl hatte als zu heiraten, ist eine selbstbewusste Mittdreißigerin geworden, die nun frei entscheiden kann, ob sie heiraten will oder nicht. Auch, wenn sie schon längst Kinder hat. Auch für den Mann hat sich dadurch vieles verändert. Heute kann man Sex haben, zusammenleben, Kinder haben, ein Haus gemeinsam kaufen, ohne heiraten zu müssen. Also stellen die Männer die große Frage seltener oder später.

"Drum prüfe, wer sich . . ."

Trotz Emanzipation und persönlicher Freiheit - so einfach ist die Entscheidung auch heute nicht. Viel zu sehr spielen Tradition, Wünsche oder Ängste mit, die eine mögliche Heirat hinausschieben lassen oder gar verhindern. Doch irgendwann, später, wurmt einen die Frage dann doch. Soll ich, oder soll ich nicht? Soll ich es wollen? Wird er mich fragen? "Muss ich sie fragen? Will ich das überhaupt?" Das romantische "Ja" ist nicht immer selbstverständlich.

"Drum prüfe, wer sich ewig bindet, Ob sich das Herz zum Herzen findet! . . . Die Leidenschaft flieht! Die Liebe muß bleiben." Als Friedrich Schiller 1799 sein "Lied von der Glocke" schrieb, hatten die Romantiker die Liebe zum wesentlichen Bestandteil der Ehe erklärt. Davor waren Liebesheiraten zwar nicht ausgeschlossen. Im Allgemeinen fußte die Ehe jedoch auf einer (oft aufoktroyierten) Zweckgemeinschaft zur Familiengründung. Seit der Romantik gibt es also nicht nur vernünftige, sondern auch romantische Gründe, zu heiraten. Wer heiratet, liebt sich, wer sich liebt, heiratet.

Dass die Ehe nicht ewig halten muss, hat die heiratsfähige Generation von heute aber auch miterlebt. Jede zweite Ehe wird in Österreich geschieden. Kinder schieben die oftmals unglückliche Beziehung der Eltern auf die Ehe an sich. "Kind, schau’, dass Du nie heiratest, das macht einen nur unglücklich", ist oft die ausgesprochene oder unausgesprochene Botschaft. Kinder, die glücklichen Ehen entstammen, verbinden diese wiederum mit etwas sehr Schönem und Vorbildlichem.

Das österreichische Ehewirkungsrecht legt Pflichten und Rechte für das "Innenverhältnis" der Eheleute fest und hat die Unterstützung des bedürftigen Partners zum Ziel. Demnach ist der Ehemann rechtlich der Vater der Kinder. Er trägt das Sorgerecht, dem er sich nur entziehen kann, wenn ein Vaterschaftstest zeigt, dass er nicht der biologische Vater ist. Gerät einer der beiden Eheleute in Not, hat der andere die Pflicht, ihm beizustehen.

Eheanwältin Brigitte Birnbaum weist darauf hin, dass die Ehe die Eheleute besser absichert als die Lebensgemeinschaft es tut: Etwa hat im Fall einer Trennung der bedürftigere Partner (das ist nach wie vor meistens die Frau) Anspruch auf Unterhalt nicht nur für die Kinder, sondern auch für sich selbst. Außerdem besteht der Anspruch auf das Erbe des Partners. Verheirateten Frauen steht zudem die Witwenpension zu.

So weit, so gut. Das alles kann für Männer ein Grund sein, lieber nicht zu heiraten. Manche geben sogar dem Gesetz die Schuld, das "Ehen verhindere". Denn nicht selten stehen sie nach einer Scheidung mit Kindern vor dem finanziellen Ruin. Weswegen sie sich gar nicht erst auf eine Ehe einlassen wollen - was viele Frauen wiederum frustriert.

In Zeiten, in denen die reine Zweckehe hierzulande verpönt ist, sind rechtliche Vorteile allerdings für immer weniger Menschen der Grund, warum sie heiraten.

Die viel geplagte Liebe

"Im Zuge der 68er Generation ist es schick geworden, nicht zu heiraten", sagt Anwältin Birnbaum. Frauen verdienen ihr eigenes Geld und können mit Unterstützung des Staats ihre Kinder notfalls alleine großziehen. Männer wie Frauen der "Generation Selbstverwirklichung" lieben ihre Freiheit und wollen sich nicht zu früh binden. Langzeit-Paare ziehen unverheiratet zusammen, kaufen gemeinsam Wohnungen, bekommen Kinder - welchen Unterschied würde da eine Ehe machen? Schließlich lassen sich die gemeinsame Obsorge für die Kinder und das Erbe über einen Antrag vor Gericht oder ein Testament auch in einer Lebensgemeinschaft regeln. Eine Eheschließung ist also keine rein praktische Notwendigkeit.

Warum sind 1,65 Millionen Paare in Österreich dennoch verheiratet? - "Mir war es wichtig, mit jemandem durch dick und dünn zu gehen. Zu zweit bringt man mehr weiter." - "Weil ich den Rest meines Lebens mit meinem Partner verbringen will und ich finde, dass Heiraten das schon noch einmal unterstreicht." - "Weil es etwas Definitives ist, zu einem Menschen zu sagen, ich bin auch bei Dir, wenn die Dinge nicht gut laufen." - "Aus Liebe. Und es war mir wichtig, unsere Beziehung nach außen zu kommunizieren." - "Ich wollte ein Fest feiern, mit allen Menschen in meinem Leben das Leben und den gemeinsamen Weg, den wir als Paar gehen, feiern." Und: "Die Ehe hat eine romantische und eine praktische Seite. Jede andere Sache regelt man vertraglich oder schriftlich: einen Hauskauf oder Aufträge für Handwerker. Warum sollte eine Beziehung mit einem Menschen einzig auf den Schultern der Liebe getragen sein?"

Während im Jahr 1951 rund 64.000 Paare in den Bund der Ehe traten, waren es 2009 nur noch 37.000, zeigt der jüngste Forschungsbericht des Österreichischen Instituts für Familienforschung. Stimmten 1988 noch fast 70 Prozent der Aussage zu: "Menschen, die Kinder wollen, sollen heiraten", waren es 2002 weniger als die Hälfte. Auch die Überzeugung, dass verheiratete Menschen im Allgemeinen glücklicher seien, nahm deutlich ab. Umgekehrt stellt einzig und allein das Vorhandensein von Kindern bei 80 Prozent der Paare keinen Grund mehr dar, zusammenzubleiben.

"Ich will nicht heiraten, weil meine Eltern unverliebt verheiratet waren. Ich brauche keine Ehe, um mich um meinen Partner zu bemühen. Für mich zählt, wie sehr man sich liebt. Dazu braucht es mehr als einen Vertrag", sagt die 26-jährige Sandra B. Auch habe sie Angst, dass die eheliche Routine ihre Beziehung zerstöre.

"Noch einmal etwas anderes"

Dass das Heiraten aber nach wie vor ein großes Thema ist, bestätigt Evelyn Brehm, Leiterin des Instituts "Brehms + Imago" für Paartherapie. "Es geht immer um Leidenschaft oder Sicherheit", sagt sie. 70 Prozent der Paare würden sich für die Sicherheit entscheiden. Bei der Heirat gehe es darum, ein öffentliches Bekenntnis abzugeben: "Wir zwei als Paar". Viele, die geheiratet haben, sagen im positiven Sinn: "Es ist noch einmal etwas anderes."

Wenn zwei Menschen beschließen, gemeinsam zu leben, sind Verbindlichkeiten nötig. Der Grad der Bindung ist heute eine freie Entscheidung, die aber erst dann auch wirklich frei gefällt werden kann, wenn man sich von alten Bildern und Traditionen löst, um von ganzem Herzen "Ja" sagen zu können. "Krisen entstehen, wenn zwei Menschen ein Stück näher zusammenrücken", so Brehm - beim Zusammenziehen, beim Kinderkriegen. "Da macht das Heiraten keine Ausnahme."

Dennoch ist für viele die Hochzeit ein ambivalenter Schritt. "Für immer und ewig in Liebe vereint." Was wie eine Drohung klingen kann, sich oft als Lüge entpuppt, ist dennoch eine große Sehnsucht. Und so heiratet man aus Liebe - oder aus Liebe eben nicht.

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