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"Ja" zur Vernunftehe

Von Martyna Czarnowska, Laibach

Europaarchiv

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Ja, ja, auf uns warten sie ja bloß." Die Markthändlerin schaut mit einem spöttischen Lächeln über ihre Salatköpfe hinweg. Es ist Samstag Vormittag, am Viktualienmarkt in Laibach schlendern die Käufer-Innen von einem Stand zum anderen, Einkauf und Tratsch mit Bekannten lösen einander ab. Ohne auf ihre KundInnen zu vergessen, lässt sich die Bäuerin auf ein Gespräch über die EU ein. Sie scheint nicht wirklich zu glauben, dass die Europäische Union sehnsüchtig die Tage bis zum Beitritt Sloweniens zählt. Sie selbst ist dagegen. Auch wenn das keine Rolle spiele, denn praktisch sei Slowenien schon jetzt in der Union.

Wie etliche andere LandwirtInnen begegnet die Frau der potenziellen Konkurrenz auf dem EU-Markt mit Argwohn. Die Preise werden sinken, die slowenischen Bauern werden nicht mithalten können, lautet die Befürchtung. "Schon jetzt zahlt es sich nicht mehr aus, Kartoffeln anzubauen", erzählt sie. "Die ägyptischen sind billiger." Wenn das bei anderen Waren auch der Fall sein wird, dann wäre es besser, den Salatacker brach zu legen und auf Viehzucht umzusteigen.

Auch der Fleischhauer, der seinen Stand in den von Joze Plecnik entworfenen Markthallen hat, rechnet damit, sich umstellen zu müssen. Statt slowenischen werde er wohl importiertes Fleisch anbieten müssen. "Alles, was wir verkaufen, wird teurer werden als die Waren aus anderen Ländern", meint er. Er untermauert dies mit einem Beispiel: In Klagenfurt gebe es Fleisch in fünf Klassen. So sei preislich für jeden etwas dabei. Und in Slowenien? "Da gibt es nur eine Klasse: die beste." Er wird gegen den EU-Beitritt stimmen, sagt der Fleischhauer.

Doch die beiden auf dem Markt gehören zu einer Minderheit. Laut Umfragen muss sich die Regierung, die für einen EU-Beitritt wirbt, keine Sorgen um den Ausgang des Referendums am 23. März machen. Denn an die 70 Prozent wollen für die Mitgliedschaft in der Union stimmen. Wir sind allemal dafür gerüstet, sagen Befürworter. Mehr als die Polen, die doch das Liebkind der Deutschen seien, wird manchmal hinzugefügt.

Ein Blick in die Statistiken scheint ihnen Recht zu geben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei sechs Prozent - gering, im Vergleich zu Polen oder der Slowakei. Mit seinem Wirtschaftswachstum überholt Slowenien - wie die meisten zentral- und osteuropäischen Staaten - EU-Länder. Bei den Direktinvestitionen ist es mit Abstand der attraktivste Partner: Pro Kopf der slowenischen Bevölkerung investierten ausländische Firmen im Vorjahr über 1.000 Dollar - zehn mal mehr als in Polen. Seit Jahren gehört Österreich zu den wichtigsten Handelspartnern Sloweniens. "Wir sind doch schon längst in Europa", ist oft zu hören.

Dieses Empfinden ist nicht gerade in den letzten zwölf Jahren entstanden, dem einzigen Zeitraum in der Geschichte, in dem Slowenien ein unabhängiger Staat ist. Das Land mit seinen rund zwei Millionen EinwohnerInnen hat sich schon immer als Sonderfall gefühlt. Bis 1918 Teil der Habsburger-Monarchie, hatte es weder im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen noch im sozialistischen Jugoslawien viel mit den anderen Teilstaaten gemein. Es verfügte über die modernere Industrie und war weit mehr "westlich" orientiert als etwa Serbien. Und so wie vor zwanzig Jahren Jugoslawien, das etwa im Warschauer Pakt nicht vertreten war, kaum mit anderen "Bruderstaaten" im Osten verglichen werden konnte, so gibt sich Slowenien jetzt vielleicht nur nach außen hin solidarisch mit anderen EU-Beitrittskandidatenländern. Doch diese sind für das Land bei weitem nicht so interessant wie die EU-Staaten, und das nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht.

Begeisterung löst der Ausblick auf eine EU-Mitgliedschaft dennoch nicht aus. "Der Beitritt ist keine Liebesgeschichte sondern eine Vernunftehe", formuliert es der Publizist Jurij Gustincic. Die meisten SlowenInnen werden zwar dafür stimmen, weil sie sich schlicht als EuropäerInnen fühlen. Doch gleichzeitig stellten sie sich Fragen: Wird es in der EU besser? Können wir unsere Identität wahren?

Wir sitzen im Kaffeehaus des Grand Hotel Union, eines der zahlreichen Jugendstilgebäude, die die Altstadt von Ljubljana zieren. Hier soll 1899 auch Hans Moser gesessen sein, als er in Laibach - für Deutschsprachige auch damals Laibach, nicht Ljubljana - den jugendlichen Liebhaber spielte, erzählt mir Slavko Fras. Er und Gustincic sind alte Freunde, und beide sind noch journalistisch tätig. Seit den 50er-Jahren, als er nach Wien zum Studieren gegangen war, schreibt Fras für slowenische, österreichische und deutsche Zeitungen. Nun ist er 75 Jahre alt und berichtet für die Austria Presse Agentur. Der 82-jährige Gustincic, der ebenfalls jahrelang als Korrespondent - hauptsächlich im englischsprachigen Raum - gearbeitet hat, tritt regelmäßig im Fernsehen als Kommentator auf. Nun sitzen wir im Kaffeehaus, und sie erzählen mir von der Zukunft Sloweniens.

"Es besteht Hoffnung auf eine stärkere Position Sloweniens", erklärt Jurij Gustincic. "Das Land wird sich künftig vielleicht nicht alles gefallen lassen müssen, zum Beispiel von Österreich und Italien." Damit meint er etwa die Situation der Kärntner SlowenInnen, deren Minderheitsrechte er nicht umgesetzt sieht. Oder: Sollten von österreichischer Seite alte Besitzansprüche jenseits der Grenze erhoben werden, so gebe es in der EU Gremien, wo Slowenien als Mitgliedsland Einspruch erheben könne. Und die Angst vor Identitätsverlust? "Wir sind überzeugt, dass wir für unsere Identität kämpfen müssen - so wie wir immer dafür gekämpft haben."

Auf der anderen Seite ist Gustincic auch skeptisch gegenüber der EU, vor allem gegenüber der "Brüsseler Bürokratie". Auch wenn diese wohl unvermeidlich sei. Doch die Zentralisierungsidee sei keine gute.

Slavko Fras scheint damit weniger Probleme zu haben. Als Hauptmotivation für den EU-Beitritt sieht er die Notwendigkeit, "sich an die Aggregate der wirtschaftlichen Entwicklung anzuschließen". Denn was ein Einbruch in Handelsbeziehungen bedeutet, weiß Slowenien ganz genau. Mit der Unabhängigkeit ist ihm nämlich der wichtigste Absatzmarkt abhanden gekommen - der jugoslawische Binnenmarkt. Davon hat sich das Land längst erholt: Mittlerweile gehen 60 Prozent der Exporte in EU-Staaten, und auch die Beziehungen zu den ehemaligen Teilrepubliken verbessern sich ständig. "Jetzt haben wir die Situation, die wir eigentlich schon immer wollten", meint Fras. Unabhängigkeit ohne isoliert zu sein.

Der Wunsch, dabei zu sein, könnte auch bei einer weiteren Abstimmung ausschlaggebend sein. Am Tag, an dem sie über einen Beitritt zur EU entscheiden, sollen die SlowenInnen nämlich ebenso ein Votum zur NATO abgeben. Und das ist das eigentliche Thema, das EU-Referendum ist an und für sich schon abgehackt. Denn weit negativer als zur Union ist die Einstellung zur NATO, der Ausgang dieser Abstimmung ist äußerst ungewiss.

Beim Rundgang durch Ljubljana wird die Ablehnung augenscheinlich, mit Farbe und Spray an jeder zweiten Hausmauer visualisiert. "Nein zur NATO" oder "NATO = Gefährliche amerikanische terroristische Organisation" steht da zu lesen.

Das können Manca und Maja nur unterschreiben. Mit den zwei Studentinnen komme ich am Ufer der Ljubljanica ins Gespräch. Einige LokalbetreiberInnen haben bereits Tische und Sessel ins Freie gestellt. Auf der - selbstverständlich von Plecnik gestalteten - Promenade, wo sonntags der Flohmarkt stattfindet, genießen Beisl-Gäste und Flanierende die noch zaghaften Sonnenstrahlen. Die 24-jährige Maja hat besonders Grund, entspannt zu sein: Gerade hat sie ihr Psychologie-Studium zu Ende gebracht. Sie möchte aber weiter lernen: Dramaturgie. Die 23-jährige Manca ist Studentin der Anglistik. Beide wollen am 23. März ihre Stimme abgeben, beide wissen, was sie ankreuzen: Ja zur EU, Nein zur NATO. Letztere hält Manca auch für das wichtigere Thema, da ein Großteil dagegen sei, die Regierung aber Propaganda dafür betreibe.

Wir sprechen trotzdem über die EU. Manca ist dafür, weil ein Beitritt auch Gesetzesänderungen mit sich bringen könnte. Zum Beispiel bei der Gleichstellung von homo- mit heterosexuellen Beziehungen. Es ist auch das Geld, das zählt, etwa in Form von Subventionen. Ansonsten erwarten sich die jungen Frauen vor allem eines von der EU: mehr Jobmöglichkeiten. "Slowenien ist ein kleines Land", begründet Maja. "Wenn ich im Theaterbereich arbeiten will, muss ich wohl ins Ausland gehen." "Die EU eröffnet neue Perspektiven", führt Manca aus. Auch wenn sie in Slowenien bleiben sollte, will sie jedenfalls die Möglichkeit haben, wegzugehen. Die Länder, die aus Angst vor Migrationsströmen auf Übergangsfristen bei der Freizügigkeit der ArbeitnehmerInnen gepocht haben, locken Manca dabei nicht. Deutschland, Österreich? Sie zuckt die Schultern. "Wen interessiert das?" London, das wäre etwas!

Befürchtungen, als kleines Land in der EU die eigene Identität einzubüßen, teilen sie nicht. Manca weiß aber, was einige Leute den slowenischen PolitikerInnen vorwerfen: dass diese zu wenig darauf achten, die Souveränität des Staates zu erhalten; dass sie immer den Zusammenschluss in größeren Strukturen anstreben. Diese Sorgen haben die beiden Studentinnen nicht. Ein Beitritt zur EU sei der richtige Weg, ist Manca überzeugt. Eine Alternative dazu sieht sie nicht.

Und die Sache mit der Identität? Diese ist sowieso kein starrer Begriff. Ändern kann sie sich mit oder ohne EU-Beitritt.