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Der ukrainische Präsident Leonid Kutschma rückt immer mehr von seinem Wunschnachfolger Janukowitsch ab. Auch der Kreml und seine PR-Strategen gehen auf Distanz. Der Osten der Ukraine bleibt Janukowitsch hingegen vorläufig noch treu.
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Wiktor Janukowitsch ist Geschichte. "An seiner Stelle würde ich auf eine Kandidatur bei der Wahlwiederholung verzichten", sagte am Montag der scheidende Präsident Leonid Kutschma. Am Sonntag noch galt Janukowitsch als Kutschmas Wunschnachfolger.
"Wir werden jeden Sieger in der Ukraine akzeptieren und mit ihm zusammenarbeiten", distanzierte sich von Janukowitsch am gleichen Tag auch der russische Präsident Wladimir Putin. Und dann schickte Kutschma Janukowitsch auch noch in Zwangsurlaub als Premier. Bis zur Wahlwiederholung soll der stellvertretende Premier Mikola Azarow die Amtsgeschäfte führen. Auf einmal stand der Regierungskandidat ganz schön verlassen da.
Janukowitsch will trotzdem weiterkämpfen
Dennoch kündigt Janukowitsch trotzig an: "Ich werde weiterkämpfen, auch wenn man auf mich Druck ausübt. Kein Wunder, dass in der Umgebung des vom Glück Verlassenen immer öfter Klagen über Realitätsverlust laut werden: "Jetzt immer noch gegen die Opposition siegen zu wollen, das ist doch verrückt", sagt ein Janukowitsch-Mitarbeiter.
Tatsächlich ist inzwischen klar: Die orange Revolution wird bei der Wahlwiederholung am 26. Dezember die Macht übernehmen. Wenn jetzt noch verhandelt wird, dann nur noch über Details, etwa darüber, ob Noch-Präsident Kutschma in Zukunft Schutz vor gerichtlicher Verfolgung gewährt wird.
In Charkow, in Donezk, in unzähligen kleineren Städten des ukrainischen Ostens, wo diejenigen zuhause sind, die der Jaknukowitsch-Propaganda glaubten und sich für seinen Sieg eingesetzt haben, will man indessen noch nicht ganz aufgeben. Mit Gratiswodka hat der Janukowitsch-Wahlstab seine Anhänger bisher bei Laune gehalten und zu Kundgebungen animiert. "Ich bin Taxifahrer", erzählt Andrej aus Charkow, "ich bin selbst einige Mal mit solchen Nachschubfahrten zu Demos beauftragt worden".
Wenn der Janukowitsch-Wahlstab im Osten bei Kundgebungen Wodka verteilt, dann empfinden das viele Leute als eine gewisse Fortsetzung jener "Sorge um den Menschen", die sie an der Sowjetunion trotz allem schätzten. Und natürlich setzen sie auch darauf, dass jemand, der Wodka verschenken kann, schon keine Arbeitsplätze streichen wird. "Wenn Juschtschenko an die Macht kommt, wird er unsere Betriebe zerschlagen, Leute entlassen", fürchtet ein Janukowitsch-Anhänger. "Was mischen die sich bei uns überhaupt ein, diese Schmarotzer aus Kiew und Lwiw!"
Opposition als Schmarotzer verunglimpft
Schmarotzer, dieses Schimpfwort gegen "die Orangen" verwendet der Osten gern. 80 Prozent des im Osten erwirtschafteten Geldes geht derzeit nach Kiew, rund drei Viertel der ukrainischen Exporteinnahmen werden in den Industrieregionen des Ostens erwirtschaftet, betont das Janukowitsch-Lager, da werde man wohl seine Rechte einfordern dürfen. "Wenn ein betrunkener Hooligan zu randalieren beginnt, dann muss man ihm einen Eimer eiskaltes Wasser auf den Schädel gießen", poltert der Gouverneur der Charkow-Region Jewschen Kuschnariow in Richtung des Oppositionsführers Wiktor Juschtschenko und fordert gar eine Autonomie für seine Region.
Weg von Kiew, näher an Moskau, ist Kuschnariows Devise. Rund 800 Kilometer trennen Charkow von der ukrainischen Hauptstadt, bis zur russischen Grenze sind es nicht einmal hundert. Von zehn Menschen in Charkow sprechen neun russisch, nicht ukrainisch. Und doch ist in Charkow wie im ganzen Osten dieser Tage durchaus auch Enttäuschung über den großen russischen Bruder zu spüren. Monatelange haben Putins PR-Experten die Wahlkampagne von Janukowitsch vorbereitet und Strategien entwickelt, wie Juschtschtschenko dem Wähler abspenstig gemacht werden kann. Herausgekommen ist dabei die orange Revolution.
Das Versagen der Moskauer Einflüsterer ist derart deutlich, dass die von Kutschma angeheuerten Wahlkampfgurus nun von sich aus mit Rechtfertigungen an die Öffentlichkeit gehen. Der von Putin zum Janukowitsch-Coaching abdelegierte Politologe Sergej Markow kann sich im nachhinein nur noch die Haare raufen: "Wie hätten wir denn dem Janukowitsch helfen sollen? Der hat doch Null Charisma, kann weder Russisch noch Ukrainisch und dann noch die kriminelle Vergangenheit. Wir waren machtlos." Gleb Pawlowski, der Mann, dem nachgesagt wird, Putin durch perfekt durchdachtes Marketing zu seinen konkurrenzlosen Wahlsiegen verholfen zu haben, gibt ebenfalls zu, an Janukowitsch gescheitert zu sein: "Wir haben ihm jede nur mögliche Hilfe zukommen lassen. Aber das ist einfach kein Material für eine Führungspersönlichkeit." Im Janukowitsch-Wahlstab sieht man das anders. "Die Russen, die haben ja nicht einmal die Hälfte dessen geleistet, was sie uns versprochen haben", klagen jetzt enttäuschte Funktionäre.
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