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Schüler und Lehrer ganztags im Einsatz. | Höhere Bildung ist teure Angelegenheit. | Bochum. Während Österreichs Schulwesen auf einem differenzierten, vertikal gegliederten System basiert, hat Japan - in Anlehnung an das amerikanische Vorbild - ein zentralistisches, horizontal gegliedertes Schulwesen nach dem Muster 6-3-3: Sechs Jahre, Grundschule dann drei Jahre Mittelschule, dann wechseln 96 Prozent aller japanischen Jugendlichen für drei Jahre auf die Oberschule.
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Die Vorschulerziehung im Kindergarten und in Kindertagesstätten setzt bereits im dritten Lebensjahr ein, 95 Prozent der 3-5-Jährigen besuchen diese Einrichtungen. Die Schulpflicht beginnt im Alter von 6 Jahren, unterrichtet wird nach im ganzen Land einheitlichen Stundenplänen. Ein Blick auf die Stundentafel zeigt, dass Lesen und vor allem Schreiben eine besondere Rolle spielen, schließlich gilt es die Silbenschrift hiragana und katakana sowie die vielen kanji, die Ideogramme aus dem Chinesischen, zu erlernen. Am Ende ihrer kostenlosen Pflichtschulzeit nach neuen Jahren sollen japanische Kinder rund 1500 chinesische Schriftzeichen beherrschen.
Der Unterricht in der Mittelschule erfolgt ebenfalls nach einem vom Erziehungsministerium festgelegten Schema, ermöglicht den Unterrichtenden jedoch mehr Spielräume. Auch in der Oberschule, die man nur nach einer Aufnahmeprüfung besuchen kann (je höher das Ansehen, desto größer die Anforderungen), gibt es keine Differenzierung nach Leistung, jeder Schüler wird "mitgenommen". Der Unterricht orientiert sich am durchschnittlichen Leistungsvermögen der Lernenden, sodass die Absolventen den Nachweis der Hochschulreife erst mit der Aufnahmeprüfung zur Universität erbringen.
Japan hat landesweit ein Ganztagsschulsystem. Der Unterricht endet um 15.30 Uhr, verschiedene Arbeitsgemeinschaften in Sport, Musik, Kunst etc. schließen an. Zu den Pflichten der Schüler gehört es, das Mittagessen zu servieren und nachmittags das Gebäude inklusive der sanitären Anlagen gründlich zu reinigen.
Lehrer sind angesehen
Für die Lehrer, deren Beruf in der Gesellschaft angesehen ist und die gut bezahlt werden, ergibt sich neben der Unterrichtsverpflichtung von rund 20-25 Stunden je nach Fach eine Vielzahl von Aufsichten und Betreuungen, sodass sie in der Regel 10-12 Stunden täglich an der Schule verbringen und dort einen großen Teil ihrer Vor- und Nachbereitung erledigen. Für die meisten Schüler geht es nach Sport und Spiel in der Gemeinschaft zu den Jukus, den Paukschulen, die in westlichen Medien oft als Lernhöllen bezeichnet werden. Bis zum frühen Abend werden die Jugendlichen, finanziert von ihren Eltern, fit gemacht für die Tests und Aufnahmeprüfungen.
Drei Viertel aller Universitäten und rund 85 der Junior Colleges sind privat und für die Eltern je nach Ansehen eine teure Angelegenheit. Die Qualität in Forschung und Lehre ist für den Ruf einer Hochschule nicht so entscheidend wie die Anzahl der in Top-Jobs von Staat und Wirtschaft vermittelten Abgänger.
Wir besuchten drei Schulen, von der Grundschule bis zur Oberschule, in der Provinz Fokushima, etwa vier Autostunden von Tokio entfernt. Die gezielt ausgewählten Einrichtungen fielen uns sofort durch die Sauberkeit und Ordnung im Gebäude und in allen Klassen auf. Bereits am Eingang zogen Kinder und Lehrer ihre Schuhe aus. Alle Schüler trugen einheitliche Trainingsanzüge oder Schuluniformen. In allen Klassen war die Atmosphäre entspannt, die Kinder waren freundlich und offen, von Zurückhaltung und Distanz den Fremden gegenüber keine Spur. Leider waren die Englischkenntnisse der Kinder oft zu dürftig, auch bei denen, die das Fach als Schwerpunkt gewählt hatten, um näher mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Beim Rundgang durch mehrere Klassen (bis zu 33 Schüler an Einzeltischen) sahen wir, dass der Frontalunterricht die überwiegend praktizierte Unterrichtsform war, häufig auch in der Grundschule.
Erstaunlich ist die vergleichsweise bescheidene Ausstattung mit Computern und Internetzugang an allen besuchten Schulen. Erwarteten wir doch im jeder Neuerung aufgeschlossenen High-Tech-Land eine deutlich höhere PC-Dichte. Angetan waren wir von der besonderen Liebe der Japaner zur Musik. Im Unterricht, der auf das gemeinsame praktische Musizieren hin angelegt war, spielte jedes Kind auf einem Keyboard ein zuvor erlerntes Stück.
"Learning by doing"
Bei allen Besuchen fiel uns die Freundlichkeit der Lehrer zu den Schülern auf, ihr Verständnis, ihre Rücksichtnahme gerade schwächeren und kranken Schülern gegenüber. Das Prinzip des "Learning by doing" und der Nachahmung, gerade wenn es um die Überlieferung kulturellen Wissens geht, war wiederholt zu beobachten. In Tokio sieht man das im Erziehungsministerium kritisch: "Die Kinder sind passiv und nur gut im Auswendiglernen, aber ihre Fähigkeiten nachzufragen, nachzuforschen und sich auszudrücken werden nicht gefördert." Bildung und Leistung sind in Japan der Schlüssel für Rang und Anerkennung in der Gesellschaft. Eine breite Allgemeinbildung genießt einen deutlich höheren Stellenwert als die berufliche Bildung. Auf unsere wiederholte Frage, wie die Schüler der Mittel- und Oberstufe den Besuch der Jukus sehen, erhielten wir als Antwort, man gehe gern zum außerschulischen Unterricht, hier könne man Fragen stellen und werde gut auf die schwierigen Aufnahmeprüfungen vorbereitet. Kaum jemand käme auf die Idee, die Jukus als Lernhölle anzusehen.
Dass es dennoch nötig war und ist, den Druck aus dem System zu nehmen, das spätestens für 12- und 13-Jährige großen Stress erzeugt, zeigt zum Beispiel die Einführung der Fünf-Tage Woche 2002 und die Kürzung der Unterrichtsstunden in den Kernfächern oder die schon länger diskutierte Zusammenlegung von Mittel- und Oberschule, die eine Aufnahmeprüfung weniger zur Folge hätte. Als japanische Schülerinnen und Schüler befragt wurden, wie sie die Einführung des freien Samstags sähen, antworteten 70 Prozent, sie würden lieber am Samstag zur Schule gehen. In der Schule treffe man Freunde und die Eltern nervten nur am Wochenende, man solle doch dies oder das tun
Viel Schule, kaum Familie
Prof. Hidenori Fujita von der International Christian University in Tokio verneinte die Frage, ob das japanische Schulsystem unmodern und ineffizient sei. Das System berücksichtige den Gleichheitsgrundsatz und produziere viele hohe Abschlüsse. Ferner seien Disziplinprobleme, Gewaltanwendung und Mobbing vergleichsweise gering, die Jugendkriminalität sei extrem niedrig. Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass der Gleichheitsgedanke unterlaufen wird, wenn der Geldbeutel der Eltern maßgeblich über die Auswahl der Schule oder Universität entscheidet. Aus westlicher Perspektive fragten wir uns auch, welche anderen Sozialisationserfahrungen japanische Kinder machen, wenn sie zwölf Stunden am Tag in der Schule sowie den Jukus verbringen und kaum mit ihren Eltern zusammen sind.
Dr. Gerhard Austrup ist Pädagoge und lebt in Bochum; er berichtet von einer Studienreise mit europäischen und asiatischen Kollegen.
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