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Jazz für Doderer von der 2er Stiege

Von Franz Zauner

Reflexionen

Eine halbe Million Wiener wohnt in Gemeindebauten. Darunter auch der weltbekannte Jazzer Franz Koglmann.


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Man stelle sich vor: Wien, gehüllt in feinen Nieselnebel. Graue Gemeindebauten, Pfützen auf Asphalt. Wer an so einem Tag unterwegs ist, huscht mehr als er geht. Und doch huscht der Interviewer beschwingt, er lächelt sogar. Seine Ohren sind mit kleinen Kopfhörern verstöpselt. Musikalischer Witz breitet sich behaglich darin aus. Die Nummer heißt: "Ist das ansteckend?" Und ja, es ist ansteckend. Es ist nämlich rhythmischer Jazz, jene Weltmusik, in der sich Afrika mit Europa und Amerika mischt und die in diesem grauen Moment inmitten der blassen städtischen Wohnbauten Lust macht auf eine Bar, einen Drink und eine Zigarette.

Geliebte WienerRundungen

Die CD heißt "Venus in Transit", und sie ist einer von vielen Geniestreichen Franz Koglmanns, an dessen Tür auf der 2er Stiege der Interviewer gleich läuten wird. Dem Interviewer ist ein wenig bange, denn von Noten und Partituren, Polyrhythmen oder Schleiftönen versteht er wenig, und auf ihn wartet ein weltbekannter Exponent des modernen Jazz, der noch dazu auf eine mehrseitige Diskografie verweisen kann, auf Bücher, in denen er vorkommt, auf Internet-Seiten, die von ihm erzählen, und auf Preise, mit denen er überhäuft wurde. Man müsste Franz Koglmann gar nicht erst besuchen, um über ihn zu schreiben. Doch der Mann, der uns erwartet, wird sich als angenehmer Gastgeber erweisen. Es wird gelacht werden an seinem großen Tisch im Wohnzimmer, an dem er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ingrid Karl sitzt. Wir werden 70 Jahre Musikerleben vor- und zurückspulen, und die Zeiten werden durcheinander laufen, einer Jazz-Improvisation ähnlich, und Rundungen bekommen.

Franz Koglmann mag Rundungen. Er fühlt sie in der Wiener Mentalität, er sieht sie in den Fenstern des großen Wohnzimmers, in denen wie auf einem Gemälde die Silhouetten der Wienerwaldberge in der Abenddämmerung sanfte Kurven zeigen. Er hört Rundungen in der Wiener Musik, bei Franz Schubert sowieso und selbst bei Alban Berg. Auch bei Bruckner und bei Brahms "klingt vieles so schön rund. Und diese Rundungen sind in ganz Wien und jedem Wiener drinnen." Und natürlich auch in seiner Musik.

Wir springen zurück in die 1950er Jahre, zu einem musikbegeisterten kleinen Franz. Er hatte seine Mutter im Ohr, sie war Chorsängerin. Und auch ein Großvater spielte in der Familie groß auf, der war ein böhmischer Musikant. Koglmann lernt, wie sich das für ein Wiener Musikkind gehört, brav Akkordeon. Bis Louis Armstrong in die Stadthalle kommt. Zweimal geht Koglmann hin, danach wird er Trompete lernen. Mit 14 kommt Koglmann aufs Konservatorium. Es gefiel ihm nicht nur seine neue Liebe, der Jazz, sondern auch die ganze alte Klassik. Jahrelang wusste er nicht, welcher Stil nun wirklich der seine werden sollte. Ganz festgelegt hat er sich bis heute nicht. Er changiert, lässt den Jazz die Literatur berühren oder holt sich Klassik in die Noten.

Zwischen Jazzund Klassik

Nach einem Intermezzo bei der Gardemusik des Bundesheers, wo Koglmann seinen Präsenzdienst heruntermusizierte, wechselte er dann doch noch in die Jazzabteilung, die 1967 am Konservato-
rium gegründet wurde. "Ich wurde dann", sagt er, "so etwas wie ein Jazzmusiker." Aber nicht nur. Auf seinen Notenblättern begannen die Ströme zu verschmelzen zu einem dritten Strom zwischen Jazz und Klassik, dem Third
Stream. Und dort hat er sein musikalisches Zuhause gefunden. "Im Grenzbereich von Jazz und europäischer Moderne angesiedelt, ist K. zweifellos eine der eigenständigsten und eigenwilligsten Erscheinungen des österreichischen und internationalen Musiklebens", heißt es etwa im österreichischen Musiklexikon.

Viele Konzerte, Kompositionen und Tourneen später steht plötzlich das Jahr 1995 auf dem Kalender. Franz Koglmann und seine Lebensgefährtin Ingrid Karl ziehen in den Gemeindebau, in eine geräumige Atelierwohnung mit Terrasse. Nicht jeder bekommt so eine Wohnung, doch die Gemeinde meinte es gut mit den Künstlern. Davor lebten Karl und Koglmann in einer winzigen Substandardwohnung. Zimmer, Küche, Klo am Gang, alles sehr klein und dunkel.

Kurze Rückblende in den Substandard: Sie machten aus der winzigen Stube eine vibrierende Jazz-Zelle, in der nicht nur gewohnt wurde. Ingrid Karl gründet dort ihre "Wiener Musik Galerie". Auch als Büro, Archiv und Probenraum muss die Wohnung dienen. Ein Bub aus reichem Haus fragte Frau Karl einmal: "Wo ist dein Büro?" Und sie drehte sich ein wenig und zeigte auf den Schreibtisch. "Und das Schlafzimmer?" Sie zeigte auf das Bett. "Und die Küche?" Sie zeigte auf den Herd. "Siehst du, alles da. Ich habe nur keine Wände."

Komponiert im Geisterreich des Computers: Franz Koglmann mit Lebensgefährtin Ingrid Karl.
© Mario Lang

Kochen für dieHautevolee des Jazz

In der wandlosen, mit Papier zugewachsenen Kleinwohnung erforderten alle Bewegungen eine ausgeklügelte Choreografie. Besonders dann, wenn die Hautevolee der internationalen Jazzszene zu Gast war. Oder die Literatur- und Kunstszene. Oft schwang Koglmann den Kochlöffel, komponierte klassisch Französisches. Er mag Frankreich. Er sagt sürreal, nicht surreal. Fast wäre er einmal in Paris geblieben. Oder in New York, da hat er auch gelebt. "Mittlerweile habe ich das abgehakt. Wien hat gewonnen. Wien ist internationaler geworden, multikulturell. Wien ist heute genauso interessant wie die anderen großen Städte. Es gibt auch hier eine ausgeprägte Jazz-Szene. Ich möchte nirgendwo anders mehr wohnen."

Und dann sitzen wir wieder in der Gegenwart, in diesem großen, weißen, geräumigen Wohnzimmer. Die Hauskatze Lilli nimmt ihren Platz am Tisch ein und bekommt eine Wellness-Behandlung. In der kurzen Gesprächspause schweift der Blick des Interviewers nach rechts und fängt sich in der Bücherwand. Was man dort findet? Alles, sagt Koglmann, Klassik ebenso wie Moderne. Er hat vieles gelesen, liest vieles, will immer alles lesen. Es gibt eine Vorliebe für Franzosen und Wiener. Heimito von Doderer hat er noch persönlich gekannt. Dessen Sprachmacht hat Koglmann tief berührt. Es gibt auch Musik von ihm, die Doderer gewidmet ist. Auf der CD "A White Line" findet sich ein Stück namens "Quapp", eine der Hauptfiguren aus den "Dämonen".

Auch Vladimir Nabokov hat es dem Musiker angetan, in seinem Geiste hat er auch eine CD komponiert: "Lo-lee-ta/Music on Nabokov". Koglmann blickt auf "eine schwere, harte Arbeit" zurück. Er wollte das literarische Genie Nabokovs in die Musik übersetzen, ist aber im Rückblick nicht mit sich zufrieden. Der Komplexität Nabokovs, findet er, kann man musikalisch nur schwer entsprechen; obwohl Musik ein Medium ist, in dem sich Komplexität optimal ausdrücken lässt.

Im Gemeindebau hat Koglmann nicht so viele Kontakte; Ingrid Karl ist eindeutig mehr Außenminister als er, weiß viel über die Nachbarn zu erzählen: "Ich bin sehr kommunikativ." Sie freut sich, dass die Leute so verschieden sind. Auch, weil es so viele verschiedene Na-tionalitäten gibt. "Nebenan wohnt eine mazedonische Familie. Das sind richtige Aufsteiger, in der dritten Generation jetzt. Der Sohn hat studiert. Seine Kinder sind voll integriert. Es wohnen auch zwei Philippinas im Gemeindebau, Frauen, die von ihren Männern verlassen worden sind. Sie haben gleich, nachdem sie hier angekommen sind, eine Ausbildung zur Krankenbetreuerin begonnen. Ihre Kinder studieren."

Dann gibt es eine türkische Familie aus dem tiefsten Anatolien, Analphabeten. Wenn die Frauen untereinander in der Waschküche reden, erfährt Karl etwas über deren Welt: Vor allem die Männer haben unglaubliche Vorstellungen. Im Haus wohnt auch eine Istanbulerin, die die Allüren ihres autoritären Mannes nicht mehr ertrug und sich scheiden ließ.

"Sie ist eine unglaublich städtische, liberale Türkin, die es überhaupt nicht versteht, dass Österreich das Kopftuchverbot nicht durchgezogen hat." Und dann ist da noch ein kurdischer Kommunist aus dem Irak, der sich seine Frau "auf dem Heiratsmarkt gekauft hat". Ein Netzwerkdiagramm erscheint vor dem Auge des Interviewers, mit Frau Karl im Zentrum. Sie hilft, sie vermittelt, sie mischt mit.

Was würde Franz Koglmann sagen, würden ihn die Nachbarn fragen, was er so treibt? Kogl-mann denkt nach, dann sagt er: "Ich bin in einer Doppelfunktion unterwegs. Ich bin jemand, der Musik erfindet, die dann üblicherweise aufgenommen und interpretiert wird." Er schreibt nichts für die Schublade, meist "fabriziert" er Aufträge. Und dann ist da noch die Interpretation. "Ich muss immer üben, ich will in Schuss bleiben. Weil ich ja oft mitspiele. Wobei die Interpreta-
tion als Jazz-Musiker auch mit Erfindung zu tun hat, weil man da ja viel improvisieren muss."

Beschäftigt mit

"Kunst überhaupt"

Im Prinzip beschäftigt er sich mit "Kunst überhaupt". Er ist ein synästethischer Mensch. Das wirkt sich auch in seiner Musik aus, es gibt große Einflüsse aus anderen Genres, ohne diese Einflüsse könnte man sein Werk gar nicht recht erklären.

Meist arbeitet er daheim, manchmal ist er auf Tournee oder gibt in Wien ein Konzert. Um Tourneen reißt er sich nicht mehr so, er hat ohnehin die ganze Welt als Musiker kennengelernt. Eigentlich ist er jetzt ganz gerne zu Hause. Linker Hand erkennt der Interviewer ein kleines Arbeitszimmer. Wird dort die Trompete geblasen? Koglmann nickt. Er übt "nach Möglichkeit jeden Tag". Es hat sich aber noch nie jemand beschwert. Er bläst vorzugsweise zwischen 14 und 16 Uhr. Und er spielt mit Dämpfer, damit die Töne möglichst in der Wohnung bleiben. Ein Keyboard steht auch noch im Arbeitszimmer, es lässt sich auf samtpfötige Lautstärken herunterregeln. Damit könnte er sogar des Nachts arbeiten, ohne jemanden zu stören. "Leben, das gab es für mich früher immer nur in der Nacht", sagt einer, der jetzt im Gemeindebau zu Hause ist.

Der Gemeindebau hat ihn umgedreht. Aus dem Nachtmenschen ist ein Morgenmensch geworden. Aus seiner Wohnung lässt sich der Tag nicht so leicht aussperren. Sie ist sehr, sehr hell. In der Früh kitzelt ihn das Licht wach.

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Auch das Komponieren erfolgt heutzutage nahezu lautlos, im Geisterreich des Computers. Koglmann setzt die Noten auf einem Apple mit dem Satzprogramm "Finale". Komponieren, lernt der Interviewer, ist eine Tätigkeit zwischen Spaß und Fron. Beim Komponieren kommen ihm "oft genug arge Bedenken". Wenn er das Komponierte erstmals hört, klingt es schauderhaft, weil Computer für das feine Ohr Computer sind und keine Jazzband. Das Erste, was er hört, sind sowieso "die Fehler, die man gemacht hat".

Vor zehn Jahren hat Franz Koglmann die digitale Komponierhilfe erstmals in Betrieb genommen. Davor war das Komponieren Handarbeit. "Da hat es schöne Handschriften gegeben", sagt In-grid Karl. Es gibt sie immer noch, denn die Skizzen kritzelt der Komponist immer noch auf Notenpapier. Von dort wandern sie dann ins "Finale"-Programm. Früher musste man Kopisten anstellen, heute liefert der Komponist das komplette Material: Die Partitur für den Dirigenten, die Stimmen für alle Musiker. "Man kann heute nicht mehr mit einer handgeschriebenen Partitur daherkommen, die Leute würden sich auf den Kopf greifen."

Als er vor zehn Jahren mit "Finale" begann, hat er praktisch rund um die Uhr mit der Hotline in Deutschland telefoniert. Damals hatte er gerade einen Auftrag vom Klangforum Wien. Vier Lieder nach Texten von Franz Schuh. Damals beschloss er: Ich benütze das Programm, und wenn ich mich nicht auskenne, kämpfe ich mich durch. Es lief darauf hinaus, dass er jeden Tag die Hotline anrief, ein Herr Maus - was für ein entzückender Name für einen Helpdesk-Mitarbeiter - betreute ihn. Heute braucht Koglmann keine Hotline mehr, was ganz praktisch ist, denn sie wurde mittlerweile eingestellt.

In diesem Jahr, im Mai, wurde Koglmann 70. Vor seinem runden Geburtstag arbeitete er noch an einer Komposition für Orchester, aber nicht für sich, sondern für das Radiokulturhaus, das vor 25 Jahren mit einem Stück von ihm eröffnet wurde. Alles ging gut, wie üblich wurde er gefeiert. Und doch ist überliefert, dass ihm vor seinem eigenen Jubiläum eher graute. Seine Gäste freuten sich mehr auf die Feier als er selbst. Doch Ingrid Karl meinte nur: "Da musst du durch."

Das Porträt von Franz Koglmann ist ein Ausschnitt aus dem Buch "Im Gemeindebau. 23 Geschichten aus Wien" (Promedia Verlag, Wien 2017, 240 Seiten, 19,90 Euro), das Franz Zauner, Online-Chef der "Wiener Zeitung", gemeinsam mit dem Wiener Journalisten Uwe Mauch geschrieben hat. Das Autorenduo hat Mieter besucht und interessante, außergewöhnliche und ergreifende Geschichten in Erfahrung gebracht. Die Auswahl der Porträtierten vermittelt einen Eindruck, welch kreatives Potenzial dem Gemeindebau innewohnt. Ergänzt wird das Buch durch eine 32-seitige Fotostrecke des Wiener Fotografen Mario Lang. Das Buch wird am 18. Oktober in der Fachbuchhandlung des ÖGB-Verlags, Rathausstraße 21, 1010 Wien, präsentiert (18.30 Uhr)